Was soll man als "weißer heterosexueller Cisgender" (musste erst nachsehen, was das ist) zu dem Buch sagen oder schreiben? Egal, was man sagt: Es ist impliziter oder expliziter Rassismus, denn als Dingsda (siehe oben) bin ich unausweichlich "Teil der systemischen Diskriminierung" (S.46). In dieser Unausweichlichkeit der Schuldzuschreibung liegt die Schwäche eines Buches, das ansonsten durchaus lesenswerte Passagen zu bieten hat. Die Erfahrungswelt von BIPoC (wieder was gelernt!) ist in der Tat an unangenehmen Erfahrungen reich, die weiße Menschen nicht teilen. Das ist traurig, aber wenn es nicht zu ändern ist, was dann? Die Sackgasse des Betroffenheitsdiskurses, den Hasters hier entfaltet, beschreibt sie selbst sehr schön im Verhältnis zu ihrem weißen Freund. (So ab S. 130 ca.) Spricht er nicht über ihre Hautfarbe, weil sie ihm egal ist, ist das schlecht, denn er begreife nicht, wie sie darunter leidet. Würde er darüber sprechen, wäre das auch schlecht, weil Rassismus. (Übrigens oft R-Wort genannt, was mir nun der Unaussprechlichkeiten auch etwas zu viel ist, weil Terminus technicus, für den sich sonst kein Äquivalent eingebürgert hat.) Bei seinen Freunden fühlt sie sich nicht wohl, weil einzige Farbige, zu ihrem BIPoC- Kreis darf er aber nicht mit, weil sie vor den Weißen mal Ruhe haben will. Sie sollten also darüber sprechen, viel sprechen, das wäre gut; aber unausweichlich käme es irgendwann im Alltag jenseits des ersten Verliebtseins zu den üblichen kleinen Verletzungen. Er müsste seine Lieblingsfilme und Lieblingsmusik ihrem Geschmack anpassen, weil die so viel Rassismus oder Blackfacing oder sonst was zeigen, dürfte aber "ihrer" Musikvorliebe, dem Hiphop, nicht folgen, weil das kulturelle Anmaßung sei. Was also soll der arme Kerl nun noch tun? Ich möchte nicht er sein müssen...
Aus meiner Sicht ist "kulturelle Anmaßung" (ich vergesse immer, wie das Englisch heißt und finde es eigentlich auch anmaßend, gezwungen zu werden, für den einschlägigen Diskurs immer neue englische Wörter lernen zu müssen, als wäre das kein Machtgefälle in Sprachen und nicht auch so etwas wie Sprachkolonialismus!) eines der schwächsten im Zusammenhang mt Alltagsrassismus entwickelten Konzepte. Was soll das sein? Die Übernahme von Kultur- und Kleidungselementen anderer Kulturen ist jahrhundertealte Praxis und es ist einfach nicht einzusehen, warum das Tragen einer Federkrone im Fasching, mit dem ein Kind gerade nicht den brutalen, listigen und anderswie verabscheuenswürdigen "In*ianer" (wozu das? um das Wort zu identifizieren, muss ich es ja doch kennen!) spielen, sondern seine Verbundenheit mit einem Idol, also auch mit Freiheitskampf und Stolz zeigen will, verkehrt sein soll. Im Eine- Welt- Laden kann man sich Schmuck oder Taschen mit indigenen Motiven kaufen, die extra von Indigenen (hofft man) dafür hergestellt wurden. Man darf annehmen, dass es die Macher*innen erfreut, wenn das, was sie aus ihrer Kultur schöpfen, anderen gefällt.
Und warum soll am Hiphop- Interesse Weißer etwas anderes Schuld sein als die Musikindustrie, die alles und jeden für Profit verkauft? Hier wird die kapitalistische und damit die systemische Seite des Problems deutlich, die Hasters aber nicht erfasst. Von Kolonialismus, Sklaverei und also Rassismus sprechen heißt vom Weltmarkt sprechen und davon, dass der originäres Phänomen kapitalistisch- bürgerlicher Verhältnisse ist. Der Autorin fällt gar nicht auf, dass ihr Bezug zur Antike - schon Aristoteles habe von Barbaren gesprochen (ja, aber der meinte Vertreter der weißen Rasse, vor allem Slawen= sclavos) - schief ist, denn sie vergisst, dass u.a. Augustinus Nordafrikaner war und in der Kirche Karriere machen konnte und auch sonst die weißen Römer alles waren, aber keine Rassisten. Hingegen wäre die Unschuld von BIPoC ebenfalls in Zweifel zu ziehen, denn viele Berber sind bis heute Sklavenhalter und verhalten sich ausgesprochen rassistisch. Wer daran nicht glaubt, der stelle sich übrigens mal vor ein paar Moscheen und schaue sich die Klientel der Gläubigen dort an: Die sind hübsch getrennt nach Türken, Arabern und anderen (Schwarzen!). Zu schweigen davon, dass der Sklavenhandel zumindest in seinen Anfängen von den Expeditionen schwarzer Stammesführer und Könige zu ihren Nachbarn lebte, denn es waren eben dieses Häupter ihrer Stämme, die Landsleute (oder wenigstens Gleich- Farbige) den Weißen gegen Tuche, Waffen usw. verkauften. Auch asiatische Krimtartaren sind berüchtigt dafür, in den polnischen Ostgebieten weiße (!) Sklaven erbeutet und weiter verkauft zu haben - an weiße genuesische und venezianische Zwischenhändler, die sie an die Osmanen und Araber weiterverkauften...
Das alles spricht Weiße nicht von Schuld frei, aber warum wird - wenn man schon Geistesgrößen wie Kant und Hegel völlig unhistorisch vorwerfen will, dass sie in Sachen Rassismus nicht klüger als ihre Landsleute waren - verschwiegen, dass es NUR die aufgeklärten Weißen waren, die sich gegen den Sklavenhandel wandten und ihn endlich (zuerst England) verboten haben? In den USA haben die Nordstaaten (nicht nur, aber auch) deswegen einen Bürgerkrieg zur Sklavenbefreiung geführt! Rassismus ist damit nicht beendet, das stimmt, aber in anderen Himmelsgegenden ist Sklaverei bis heute nicht verpönt. Man möchte der Autorin nicht gönnen, als mittellose Schwarze in Saudi- Arabien oder Katar leben zu müssen! Der Text benennt ansonsten ganz zu Recht Libyen als Ort illegalen Sklavenhandels, stellt aber nicht klar, dass Weiße dagegen heute einschreiten würden, wenn sie dazu befugt wären. (Was sie nicht sind, auch, weil das sofort zum Neokolonialismus- Vorwurf führen würde.)
Kurz, die Argumentation ist schwach. Peinlich aus Sicht wissenschaftlicher Redlichkeit ist, dass Toni Morrison 1975 (!) im Zitat (!) in den Mund gelegt wird "Jede*r weiß, dass Rassist*innen..." usw. usf. Nein, das hat Toni Morrison so nicht gesagt; konnte sie 1975 gar nicht so sagen. Das Gendersternchen verfälscht in dieser Hinsicht die historische Wahrheit, was im selben Maße auf die "Reinigung" von historischen Kinderbüchern zutrifft. (Warum schreibt die Autorin übrigens von "Juden und Jüdinnen" im Gegensatz zu "Muslim*innen"? Haben die Juden keine Transgender?) Kurz, damit hätte sie bei mir im Seminar schon der Zitierweise wegen ihre Arbeit zurück bekommen. Und überhaupt: Wenn wir damit erst einmal anfangen, wo soll das enden? Wenn sich außer den Schwarzen noch die Indigenen und die Juden, die Asiaten und die Bauern (wegen des diskriminierenden Bildes in der von Städtern verfassten Literatur seit dem Hochmittelalter) melden und Literatur von diskriminierender Wortwahl "gereinigt" haben wollen, dann gibt es keine deutsche Literatur, dann gäbe es keine Weltliteratur mehr. Wir stünden politisch korrekt, aber ohne "kulturelles Gedächtnis" dar. Was wäre dann? Wäre irgendein Problem geklärt?
Nichts wäre geklärt. Da helfen nur Aufklärung, gesellschaftlicher Diskurs, Bewusstheit. Manchmal hilft einfach Wissen um Sprachgeschichte. Natürlich ist "das" Mädchen weiblich (hm, weiß man's genau, oder sollte man erst fragen, wie es sich fühlt?) wie "das" Weib. Das "sächliche" Geschlecht drückt in der Tat eine Versachlichung aus; Mädchen hatten halt nichts zu melden und gingen von der Vormundschaft des Vaters in die des Ehemanns über. Das ist wie bei einer Sache, was auch für des Bauern "Weib" galt (im Gegensatz zur adligen frouwe- die als Frau gekennzeichnet wurde). Man kann das wie Hasters diskriminierend finden, sollte aber doch begreifen, dass wir, indem wir lernen, wie das zusammenhängt, Wissen über geschichtliche Zusammenhänge erwerben, die uns sonst dunkel bleiben. Wir sollten einfach ein bisschen mehr lernen: Warum sind faule Adlige "edel", aber schwer schuftende Menschen "Schufte"? Wie ist das mit dem "gemeinen Volk"? Sind die, die nur als (christliche oder Dorf-) "Gemeinde" (kollektiv und eben nicht individuell wie Adlige) ins Gewicht fallen, deswegen "gemein"? Warum unterscheiden wir zwischen "bäuerlich" und "bäurisch"? Und sollten wir nicht auch daran denken, dass "Du sollst nicht töten" im Mittelalter nur für MENSCHEN galt, also nicht für (unfreie) Bauern, die einfach DAS gemeine Volk waren? Geistliche durften nicht heiraten, also keine "frouwe" nehmen, aber ein "wip" hatte jeder zu Hause. Sex mit "Sachen" galt eben nicht als Ehebruch oder als ehrenrührig im Sinne des Zölibat. Erst wenn man das weiß, begreifen Mann oder Frau (und alle anderen) die Macht der lutherischen Reformation, die dem ChristenMENSCHEN eine Seele gab und ihn vor Gott und der Welt erstmals als MENSCH einsetzte. Man begreift die Qualen der Katholiken, die plötzlich wirklich zölibatär, also ohne Sex mit Untergebenen, leben sollten (und das bis heute nur selten schaffen). Und man sieht, wie Sprache sich wandelt: Aus dem "Weib" wird ein Mensch; allerdings bleibt die negative Konnotation. Ist es nicht spannend, davon zu wissen und zu sehen, wie mühsam unser Weg zur Zivilisiertheit war? Würden wir davon wissen, wenn wir versuchen die Sprache von all ihrem historischen Ballast zu "reinigen"? In diesem Sinne ist es einfach Blödsinn, einen Text zu verunstalten mit "Nickn**gern" (warum nicht Nickni**ern"?) oder "In*iandern" (warum nicht Ind*aner?), weil ich, um zu wissen, was gemeint ist, das Wort und seine Konnotation ja doch kennen muss. Und wenn ich das weiß, warum soll ich mich dann so verrenken, wenn es z.B. um Astrid Lindgren oder um die "Negerpuppe" geht? Das bedeutet ja noch lange nicht, dass man "Nigger" oder "Neger" sagen sollte. "Weib" sagt man ja auch nicht mehr bzw. nur in eindeutig beleidigender Absicht. Aber würden wir das Wort "Weib" in früheren Texten durch "Frau" ersetzen, würden wir halt Bäuerinnen zu Adligen machen und nichts mehr verstehen. Das betrifft den "Kammerm*hren" ganz genauso: Die gab es in der europäischen Feudalgeschichte und wenn wir sie löschen, unkenntlich machen, dann löschen wir Geschichte, ohne sie zu begreifen. "The m**r of Venice"? Und wenn ihr keinen schwarzen Schauspieler habt, dann dürft ihr den nicht spielen? Und sowieso geht "Othello" gar nicht mehr, weil hier der Schwarze in typisch stereotyper Weise als "von Leidenschaften beherrscht" dargestellt wird, was unproblematisch wäre, wenn er ein Weißer wäre? Warum? Weiße hätten ja mehrere Eigenschaften und würden nicht auf nur eine reduziert. Mag sein, dass das bei Hollywood so ist. Ansonsten aber möchte man fragen: Liebe Frau Hasters, haben Sie Shakespeare wirklich gelesen?
Gut. Alice Hasters hat ein Befindlichkeitsbuch geschrieben, das zeigt, worin ihre Verletzungen liegen und das ihre Verletzbarkeit erklärt. Das kann betroffen machen, wenn man sich sonst noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Zu einer darauf folgenden notwendigen tieferen Auseinandersetzung mit dem Problem trägt es aber nichts mehr bei, denn ein Text, in dem nur das Oberflächenphänomen "männliches heterosexuelles Weiß- Sein" zum Schuldgrund an sich stilisiert wird, verweigern sich tiefer gehenden Analysen, völlig unabhängig davon, mit welcher Hautfarbe die Verfasserin geboren wurde. Das ist zu wenig, um als ernst zu nehmender Diskussionsbeitrag durchzugehen. Wer freilich wissen will, wie BIPoC sich in Deutschland fühlen, der wird in dem Buch sachdienliche Hinweise finden.