»Obwohl viele Menschen sich selbst nicht vorstellen können, für einen Mindestlohn die Ausscheidungen fremder Menschen zu beseitigen, wird die Freiwilligkeit in der Pflege nicht infrage gestellt. Hingegen wird die Bereitschaft, sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, bei gleicher Ausgangslage immer nur als Folge von Not, Gewalt oder eines schlechten Charakters interpretiert.« – Aus dem Vorwort von Kathrin Schrader
Das Thema Sexarbeit ist hoch umkämpft. Das Buch vereint unterschiedliche Zugänge zu dem aufwühlenden Thema und arbeitet aktuelle Debatten und Gesetze auf. Dabei kommen auch Sexarbeiter*innen selbst zu Wort. Bisweilen werden feministische Perspektiven auf eine Forderung nach Abschaffung von Prostitution reduziert. Das Buch zeigt, dass Feminismus nur im Plural existiert und intersektional zu denken ist. Das heißt, dass z.B. auch Klasse und Nationalität berücksichtigt werden müssen. Dementsprechend verknüpfen die Sexarbeiter*innen im Band ihre Forderungen mit Arbeitskämpfen, Trans*- und Queer-Aktivismus, den Kämpfen der Migration oder Care-Revolution.
»Ein engagierter Sammelband, der gut lesbar ist und schlüssig argumentiert.« – ML, WeiberDiwan
Am Dienstag war ich auf dem ,one billion rising’ einem Tanz in Berlin, der aufmerksam auf die globale Gewalt gegen Frauen machen soll. Leider war auch Sisters e.V. dabei, sie trugen ein tshirt mit dem Logo ,Prostitition ist Gewalt’. Liebe Schwestern, es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel, denn eure Ansätze führen nur dazu, dass Sexarbeiter*innen ihre Stimme verlieren und Mensch sie entmündigt. Ein intersektionaler Blick und die Entdramatisierung von Sexarbeit könnte auch helfen, also lest das Buch! Darauf: Sex work is work, respect!
Co-Autorin Jenny Künkel schreibt in ihrem Kapitel 'Prostitutionsdiskurse und Regulierungen': "(...) es geht um die möglichst weitgehende Regulierung von Sexarbeit durch das allgemeine Arbeits- und Gewerberecht statt durch das gewerbespezifische Straf- und Ordnungsrecht." Bis dato hatte ich noch nie aus diesem Blickwinkel über Sexarbeit nachgedacht. Eigentlich hatte ich bisher gar nicht groß über Sexarbeit nachgedacht. Der obige Satz beschreibt die Forderungen von Sexarbeiter*innen jedoch sehr passend, wie ich finde. Das Buch liefert einen interessanten Einblick in das Leben und v.a. den struggle vieler Personen innerhalb der Branche. Wer sich also eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte unbedingt mal reinschauen. Aus feministischer Perspektive ist die Befassung mit dem Thema auf jeden Fall sehr wichtig.
Ich hätte gerne 3,5 Sterne gegeben, da mir einige Texte sehr gut gefallen haben. Hervorzuheben sei hier auch der Beitrag von Initiative Sex Workers Solidarity. Jedoch gab es einen Beitrag, den ich als fast esoterisch empfinde, dessen Perspektive mir schwer nachzuenpfinden fiel, da ich mit Ying und Yang sowie männlicher und weiblicher Energie nicht viel anfangen kann.
Ich finde es gut, dass es in dem Buch vor allem um die Sichtbarmachung der Situation von Sexarbeiter*innen geht. Mir fehlt jedoch ein Beitrag, der nochmal einen etwas kritischer Blickwinkel einnimmt, wobei dies natürlich immer eine Gratwanderung darstellt, um nicht zu Lasten der Sexarbeiter*innen zu argumentieren.
Ich würde dieses Buch trotzdem weiterempfehlen, da es auch recht schnell zu lesen ist und einen guten Überblick in die sex positiven - Sexarbeit ist Arbeit und gehört entstigmatisiert - Perspektiven gibt.
Viele Stellen haben mich wütend gemacht, weil Prostiution so verharmlost wird (Traurigen Tiefpunkt fand ich die Gleichsetzung von disoziativem Verhalten bei Prostituierten und dem aufgesetzen Lächeln einer Kellnerin.) Ganz schräg auch ein esoterisch anmutender Beitrag darüber, wie "Sexarbeit" Yin und Yang und Einklang bringt. 2 Artikel fand ich tatsächlich lesenswert und sie sind der einzige Grund für den 2. Stern: Die Juristin Sybilla Flügge äußert durchaus begründete Kritik am Prostitutionsschutzgesetz von 2016 und die Initiatve Sex Workers Solidarity, die der anarchistischen FAU nahe steht, äußert sich erfreulich differenziert.