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System Polizei: Der Kommissar und der Amoklauf von Winnenden

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Albträume, Angst, immer wieder Arbeitsunfähigkeit. Die Bilder der toten Kinder verfolgen Kriminaloberkommissar i.R. Ernst Kappel seit dem Amoklauf von Winnenden 2009. Nach seinem 16-stündigen Einsatz ist für ihn nichts mehr wie es vorher war. Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS. Auf der Suche nach Hilfe stößt er bei Polizeiärzten und Vorgesetzten auf Abwehr statt auf Verständnis. Im System Polizei haben solche Erkrankungen keinen Platz. Das muss Ernst Kappel in seinem langen Kampf gegen das Trauma und den Umgang seiner Vorgesetzten mit ihm erfahren.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall, das zeigen Gespräche mit Experten im Anhang des Buches.


"Die Polizei gilt als staatliches Organ, das für Recht und Ordnung zu sorgen hat. Wie belastend schwierige Einsätze für die einzelnen Beamten sein können, wird dabei nicht gesehen und auch von Polizei und Behörden eher unter den Teppich gekehrt. Dieses Buch greift beeindruckend diese Seite polizeilicher Arbeit auf. Es schildert überzeugend die Schwierigkeiten, mit denen Betroffene im ,System Polizei' vielfach zu kämpfen haben, um Hilfe und Unterstützung zu erhalten."
Prof. Dr. Helmut Kury, Kriminologe und Psychologe

334 pages, Hardcover

Published March 1, 2020

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Ernst Kappel

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May 23, 2020
Kriminaloberkommissar i. R. Ernst Kappel hat seine sehr harte Geschichte zu erzählen. Über den Einsatz beim Amoklauf von Winnenden und Wendlingen. Über die verzweifelte Suche nach dem Täter/den Tätern. Die "Vernehmung" der traumatisierten Schüler im Schwimmbad (über das Verhalten der Badegäste vor Ort möchte ich mich lieber nicht äußern). Die Szenen mit verzweifelten Eltern. Weitere "Befragungen" im Krankenhaus. Das Verhalten der Boulevardpresse. Über die außdrückliche Missachtung seines Wunsches, nach über 11 Stunden Amokdienst, nach Hause zu dürfen, weil er einfach fertig ist, ihn gegen seinen Willen in die Rechtsmedizin zu schicken. Zur Leichensachbearbeitung an ermordeten, unschuldigen Kindern, die genau so alt wie seine eigenen Kinder sind. 16 Stunden am Stück Dauerstress im Amokeinsatz.
"Im Vorraum der Rechtsmedizin warten bereits die Bestatter, die die toten Kinder und Lehrer vom Tatort hierher gebracht haben. [...] Sie werden nicht obduziert, denn ihre Todesursache ist klar. Ihre Körper sind von Kugeln durchsiebt. Wir müssen die Leichen entkleiden, ihre Verletzungen genau dokumentieren, die Wunden zählen und fotografieren. Polizeiroutine, wichtig für weitere Ermittlungen und die Rekonstruktion [...]"


Während dem Lesen muss ich imemr mal wieder Pausen machen, weil es mich ganz ehrlich wütend macht. Wut über unfähige/unwillige Vorgesetzte, Polizeiärzte und Politiker. "Kollegen". Wut über ein katastrophales System, das helfen soll, aber nur Scheiße hervorbringt.
Er kann keine Nacht mehr durchschlafen, hat massive Albträume, sieht sehr detailierte Halluzinationen der toten Kinder, die er mitobduzieren musste. Sein Arbeitsalltag und Privatleben entgleiten ihm zusehends.
Er kommt sich wie ein Versager vor.
Als er damit zum Polizeiarzt geht, bekommt er nur Unverständniss entgegen gebracht. Als Kommissar sei er schließlich den Anblick von Leichen gewöhnt. Dies kam hier halt nur in etwas geballter Form vor. Wenn er keine Leichen sehen kann, dann hat er seinen Beruf verfehlt. , sagt er ihm. Der Leiter der Polizeidirektion sagt ihm direkt: "Nur dass hier eines klar ist: Es gibt keine Extrawurst Ernst Kappel." Man glaubt ihm nicht. Hält ihn für einen Simulanten (aus anderen Quellen weiß ich, dass man die Leute auch gerne "Verpisser" nennt), der sich gierig seine Frühpensionierung einheimsen will. Der Dienstherr ist u. a. gesetzlich dazu verpflichtet, bei Erkrankungen aufgrund eines Einsatzes eine Dienstunfall festzustellen. Das aber erzeugt bei diesem größeren Unmut und Unwillen. Dadurch kam es bei ihm zu einer Retraumatisierung. Nicht nur Ernst Kappel, sondern auch andere Einsatzkräften des Amoklaufs bekommen so ein Verhalten deutlich zu spüren. Bis mindestens zum Ende das Jahres 2019 befinden sie sich im Rechtsstreit. Über 10 Jahre hinweg weigert sich die Polizeiführung, ihrer verdammten rechtlichen Pflicht nachzukommen und "verlieren" mehrmals Akten, stellen sich überall quer, wo sie nur können. Und dazu haben sie sehr, sehr viele Möglicheiten.
"Einer der Betroffenen hat seinen Vorgesetzten darüber informiert, dass der SWR mit den [vom Amoklauf betroffenen] Kollegen Kontakt aufnehmen möchte. Statt mitzumachen, hat er gepetzt. Und jetzt ist natürlich keiner mehr bereit, etwas zu sagen."


"Sie setzten den Vergleich, den wir vor dem Verwaltungsgericht geschlossen hatten, nicht um. Nichts passierte. Ignorieren. Aussitzen. Auf Zeit spielen."


Ich bin maßlos entsetzt über so ein Verhalten einer Behörde, die für Rechtsdurchsetzung zuständig ist! Und er ist bei weitem kein Einzelfall. Auch wenn es bei ihm wirklich massiv ausgefallen ist. So wird mit erkrankten "Kostenfaktoren" deutschlandweit umgegangen. Das kommt in den ausführlichen Interviews (Seite 208 bis 326) mit Uwe Schill (Vater eines der Opfer und seit einigen Jahren sein bester Freund), Jürgen Röhr (selbst Betroffener und in der Selbsthilfegruppe Schusswaffenerlebnis, aus Berlin), seine behandelnden Traumatherapeuten aus Stuttgart, Psychologin Prof. Dr. Iris-Tatjana Kolassa (forscht an der Universität Ulm an den massiven körperlichen Langzeitwirkungen solcher Stresserlebnisse) und seinem Anwalt Oliver Leuze deutlich zum Vorschein.

Es gibt hier sehr viel zitierwürdiges drin, aber ich möchte euch ja nicht das ganze Leseerlebnis nehmen. Es wird noch sehr viel für euch zu entdecken geben. Außerdem ist es sehr eindrücklich und hervorragend geschrieben. Ich habe wirklich hohen Respekt vor ihm. Nicht für die menschlichen Versager unter denen er gelitten hat. Was wohl bis heute noch anhält.
Kauft euch bald sein Buch, denn laut dem SWR Interview zur Veröffentlichung, wird er dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr überleben. Warum? Lest es selbst. Schaut hinter den eisernen Vorhang der Behörde. Sein Erlebnis ist real. Wichtig. Dringend. Und hoffentlich ein Weckruf. Aber daran setze ich nur Hoffnung, keinen Glauben.
"Wenn von 10 Betroffenen, 2 voher aufgeben, dann lohnt sich das. Mit jedem, der aufgiebt, hat man [die Behörde] ja etwas gespart. Das ist Taktik. Ich denke schon dass das System hat. [...] Ich kenne ganz viele, die alle Ansprüche aufgegeben haben und mit der Mindestpension rausgegangen sind, weil sie es einfach nicht mehr aushalten."
- Jürgen Röhr, Selbsthilfegruppe Schusswaffenerlebnis
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