Wie in jedem Jahr feiert die deutsche Sängerin Alexa am Abend des Schweizer Nationalfeiertags ihren Geburtstag mit einer Dachparty – leider noch ohne den Einbürgerungsentscheid. Währenddessen braucht Kamal eine sichere Bleibe. Wenn er nicht unverzüglich das Land verlässt, droht ihm die Abschiebung nach Tunesien. Weil dort aber Homosexuelle verfolgt werden, fragt er seinen Deutschlehrer Zoltan, ob er ein paar Tage bei ihm untertauchen kann. Doch Alexas bester Freund sagt Nein aus Gründen, die er nicht mal vor sich selbst zugibt. Im Laufe des Tages eskalieren die Ereignisse, und nicht nur das Fest, auf dem alles zusammenläuft, steht infrage. Inspiriert von Virginia Woolfs Klassiker „Mrs Dalloway“ zeichnet Ulrike Ulrich ein Panoramabild unseres Lebens in Europa – vielstimmig, mit eigenem Ton und literarischer Brillanz.
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals ein Buch so sehr gestresst hat wie Während wir feiern von Ulrike Ulrich.
Die 45-jährige Alexa feiert jedes Jahr am schweizerischen Nationalfeiertag eine Party - das kommt mir allerdings bei ihrer furchtbaren Organisation nicht so vor, als hätte sie das überhaupt schon einmal gemacht.
Sie lebt in einer Beziehung mit dem Arzt Adrian, der scheinbar ständig private Telefonate innerhalb seiner Arbeitszeit führen kann und der erst spät von seinem Sohn Robert erfahren hat; ihr bester Freund Zoltan ist ebenfalls eingeladen - er arbeitet mit Menschen zusammen, die Asyl in der Schweiz beantragt haben: so auch mit Kamal aus Tunesien, der aufgrund seiner Homosexualität verfolgt wird und für den er heimlich selbst Gefühle hegt. Dieser Handlungsstrang ist tatsächlich auch der einzige, der mich wirklich fesselte und hat weiterlesen lassen.
Der Rest sind einfach nur im Vergleich dazu unnötige First World Problems, denke auch, das war die Intention der Autorin, die Welten einander gegenüber zu stellen.
Womit ich bis zuletzt zu kämpfen hatte war der elliptische Schreibstil. Außerdem gab es trotz der häufigen Perspektivwechsel keine merklichen sprachlichen Unterschiede - außer das nervige Denglisch von Alexas (Ex-)Affäre Brad und der klägliche Versuch der Jugendsprache bei Robert, Vlora und Co. Schweizerdeutsch nutzt scheinbar häufig unterschiedliche Artikel als Deutschdeutsch (Tram, SMS, Verdienst) und wegen + Genitiv gibts anscheinend auch nicht. Und dieses Guggisberglied muss ja wirklich DER Hit sein, so viel Aufmerksamkeit wie es bekommen hat.
Schade! Der Roman hatte so viel Potential, die Grundideen find ich nämlich super - Asylpolitik, Rassismus, Beziehung Ü40, wie verändern sich Freundschaften durch Kinder, was tun wenn man plötzlich Gefühle für das gleiche Geschlecht entwickelt, Konflikte Eltern - Teenager, Gebrechlichkeit der eigenen Eltern etc., aber die Umsetzung und die sprachliche Realisierung waren absolut nicht meins.
„Wir feiern doch ständig neben dem Unglück der anderen“
Schweizer Nationalfeiertag. Alexa, Sängerin, bereitet ihre alljährliche Party vor, zu der sie Freunde und Nachbarn einlädt. Sie selbst ist Deutsche und hofft auf eine Einbürgerung. Sie kam vor Jahren aufgrund eines Engagements in die Schweiz und blieb dann der Liebe wegen. Sie lebt mit Adrian, einem Narkosearzt und dessen 16 jährigem Sohn Robert, einem leidenschaftlichem Fußballfan zusammen. Parallel zu Alexas Partyvorbereitungen fürchtet der Tunesier Kamal seine Abschiebung. Kamal wendet sich an seinen Sprachlehrer Zoltan, den besten Freund Alexas, mit der Bitte um Hilfe. Doch der verwehrt sie ihm aus Gründen, die er sich selbst kaum einzugestehen wagt.
Dieser Roman spielt an diesem einem Tag und nimmt die verschiedensten Menschen in den Blick, wobei man als Leser*in dem inneren Erleben der jeweiligen Personen folgt. Von Beginn an fesselnd, konnte ich ihn kaum aus der Hand legen, obwohl ich zwischendrin hier und da genervt und gestresst, da die Abfolge der Vielzahl an Personen oft sehr schnell vonstatten ging. Es las sich assoziativ, ein schneller Reigen, der aber auch Raum für klare Beobachtungen und treffsichere Sätze ließ. Diese vielen im Spotlight stehenden Figuren, macht eine sehr komplexe und tiefgründige Charakterisierung nahezu unmöglich, wobei es der Autorin dennoch gelang, überzeugende, wenngleich nicht immer sympathische, nämlich vor allem menschlich- fehlerhafte Figuren zu skizzieren. Alexa, unheimlich gestresst und nervös wegen der Partyvorbereitung wirkt von sich selbst weit entfernt, hat aber dennoch das Herz am rechten Fleck. Ihre Freundin Evelyne, eine Rapperin, die an Schulen Workshops gibt, kommt zur Party. Ebenso wie Zoltan, der eine berühmte und verehrte Schriftstellerin mitbringt, die sich jedoch recht kantig im Umgang erweist und irgendwann konstatiert, man solle sie nicht mögen, sondern gefälligst ihre Bücher lesen..:) Der ehe erfolglose Schauspieler Brad erscheint, mit dem Alexa eine kurze Affaire hatte sowie ihr Lebenspartner Adrian, der irgendwann bemerkt, nachdem sich Kollegen über die große Anzahl der Deutschen in der Schweiz aufregen, dass sie sich doch eher über den geringen Frauenanteil unter den Ärzten aufregen sollten. Die teils sehr schwulenfeindlichen Jugendlichen um Robert blieben mir etwas unnahbar und fremd. Kamals Schicksal ging mir nahe und berührte mich sehr. Es blieb mir nachhaltig im Gedächtnis, wie zugleich auch das Verhalten Zoltans. Nur an einer Stelle fiel es mir sehr schwer, Kamals Handeln nachzuvollziehen, möchte das hier jedoch nicht spoilern.
Die Sprache, obwohl doch Deutsch, klang mir hier und da aufgrund der Schweizer Begriffe manchmal – angenehm - fremd. Ich erhielt einen Einblick in das Schweizer Leben, wobei manche Andeutung sicher an mir vorbeiging. Hier können Schweizer bzw. Schweizkenner sicher noch mehr herausziehen. Thematisch geht es um Beziehungen, um Staatsbürgerschaften und Nationalitäten, um Rassismus, Homophobie, aber auch um Demokratie und Mitbestimmung Besonders steht hier die „Durchsetzungsinitiative“ der SVP, der Schweizer Rechtsaußenpartei kritisch im Fokus, die völkerrechtswidrige Bedingungen für die „Ausschaffung“ (Abschiebung) schaffen wollte und will. Kontrastreich werden hier zudem zwei unterschiedliche Migranten dargestellt – die Deutsche und der Tunesier. Verdeutlicht werden ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen, Motive, Rollen, Lebenswelten und vor allem Chancen und Möglichkeiten.
Insgesamt liest sich der novellenartig konzipierte Roman ernsthaft, humorvoll, satirisch und mit kritischem Blick. Im Verlauf kippt die Stimmung deutlich und es wird klar, dass eine Katastrophe naht. Das Ende, wenn gleich nicht völlig hoffnungslos, ließ mich bedrückt zurück. Er inspirierte, mehr über die Schweizer Asylgesetzgebung zu recherchieren und mir das berühmte „Guggisberglied“ anzuhören, welches hier eine Rolle spielt. Zugleich nahm ich mir vor, Virginia Wolfs „Mrs. Dalloway“ zu lesen, die hier - auch – Vorbild war.
In diesem Buch wird dem privilegierten Leben der Spiegel vorgehalten. Star der Geschichte ist Alexa, wobei Star nicht als Heldin interpretiert werden darf – in dieser Geschichte gibt es keine Held*innen. Es gibt einfach zwei Gruppen von Menschen: Die eine ist diejenige Gruppe, in der Alexa der Mittelpunkt ist, von dem alle anderen Gruppenmitglieder angezogen werden, und die die Mehrheit der Gesellschaft repräsentiert, die das Leben ungehindert leben dürfen – die Freien. Die andere Gruppe ist die allein durch Kamal personifizierte Gruppe der Sans-Papier, derjenigen Menschen, die nicht ungehindert leben dürfen, sondern mit der Angst im Nacken leben müssen – die Unfreien.
Diese beiden Gesellschaftsgruppen werden im Buch in ihrem realen Verhältnis zueinander abgebildet: Auf der einen Seite nimmt uns das Buch mit in das Leben der Freien, wir lernen viele Personen und ihre Beziehungen kennen, was sie bewegt, was sie denken, zwar nicht im Detail, aber ausgiebig. Auf der anderen Seite lernen wir von den Unfreien nur Kamal kennen, etwas von seiner Geschichte, einige seiner Probleme – aber nicht viel mehr als das. Genau das ist die „Balance”, die in unserer Gesellschaft herrscht, denn von der Mehrheit hört man viel, man kriegt das Gefühl von „Wow, da passiert was“, obwohl es aber zumeist langweilig bequem bleibt. Währenddessen hört man von der Minderheit die Einzelfälle, krasse Geschichten, die jedoch nicht in die Tiefe entwickelt werden (vielleicht ist das zu anstrengend?). Natürlich gibt es auch Figuren im Buch (wie auch im echten Leben), die sich zwischen den zwei Welten der Unfreien und Freien hin und her bewegen, wie etwa Zoltan, vielleicht Adrian, Robert und Vlora. Gerne würde ich auch Alexa dazu zählen, aber sie ist zu weit weg, zu tief in ihrer Party versunken, sodass sie nicht wirklich hin und her geht, sondern eher von ihrer sicheren Welt in die andere Welt hinüberlinst. So feiert also die Mehrheit der Gesellschaft ihre Party, während ein anderer unsichtbarer Gesellschaftsteil existiert, dem der Weg in ein ungehindertes Leben verwehrt wird.
Es kann einem die Seele zerreissen, wenn man sich eingestehen muss, dass man zur Gruppe der Freien gehört: Man kann wie die Leute im Buch sein eigenes Leben leben, wie man möchte, man denkt, man tue sein Bestes, man versucht, ein Bewusstsein für das Leid auf der Welt zu kultivieren. Doch dann merkt man gleichzeitig, dass man, wäre man an der Stelle von Alexa, die Leute ebenfalls weitertanzen lassen würde, obwohl ein Mensch, den man kennt, im Sterben liegt, weil das System, an dem man teilhat, von dem man profitiert, versagt hat. So – und das fängt das Buch auf grossartige Weise ein – würden sich die allermeisten Leute verhalten, denn man möchte den “Flow“, die gute Laune der Leute nicht zunichtemachen. Man fühlt sich dem Wohlergehen der Mit-Privilegierten stärker verpflichtet, als dem Leid eines Einzelnen, weniger Privilegierten.
Die Freien trinken vegane Cappuccini, empören sich über gewisse Missstände, sie haben gewissermassen das perfekte, langweilige Leben. Ist dann aber das Leben eines Unfreien in echter Gefahr, dann kommt ihnen das eigene Leben in die Quere, und es gibt immer einen Grund, warum konkrete Hilfe nicht möglich ist, warum Kamal nicht bei Zoltan übernachten kann, warum ein Hotel mit Zoltans Geld die bessere Lösung ist, warum die Party weitergehen soll.
Natürlich ist es strafbar, eine Person zu beherbergen, die keinen gültigen Aufenthaltsstatus hat. Trotzdem ist es Hypokrisie, die Art und Weise, wie wir uns einerseits selbst als gute Menschen sehen, andererseits jedoch die Menschen in Not vernachlässigen. Diese Hypokrisie ist es auch, die Privilegierte in eine Rechtfertigungshaltung bringt, wenn sie privilegiert genannt werden. Aber eben, man kann nicht ändern, wo man geboren wurde. Nur, weil man ein bequemes Leben hatte und andere nicht, kann man sich nicht dafür geisseln. Doch die Lebensentscheidungen und Prioritäten sollte man überdenken. Die Autorin bildet diese extreme Polarität, die in der Hypokrisie liegt, sehr einfühlsam ab. Es gibt keine Schuldzuweisung, nur eine Darstellung der Realität, die, trotz ihrer oftmaligen Langweiligkeit, dieses Buch zu einem wertvollen Zeugnis unserer Zeit macht.
Der Text ist vollgepackt mit Helvetismen und Verweisen auf Zürich oder die Schweiz. Ein Expat oder jemand, der neu in die Schweiz zieht oder gezogen ist, könnte das mögen, für mich persönlich (aus der Schweiz) war das ermüdend und wirkte manchmal forciert. Trotzdem kann ich darüber hinweg sehen, da die Hauptfigur aus Deutschland kommt, ihr neues Heimatland entdecken und „Swissness“ erleben möchte.
Die Sätze sind kurz und elliptisch, sodass der Eindruck entsteht, man läse die Gedanken der Person, um die es gerade geht. So – und zusammen mit der Tatsache, dass es sehr viele Figuren gibt, die immer wieder vorkommen – lenkt die dadurch entstehende Geschwindigkeit in der Folge davon ab, dass hinsichtlich der Geschichte gar nicht viel passiert. Es gibt nämlich nur zwei Handlungsstränge – Alexas Party und Kamals Erlebnisse –, wobei auch nur einer davon richtig spannend ist und mit der Geschwindigkeit des Schreibstils mithalten kann: Kamals Geschichte. Die Geschichte von Alexa kommt zwar auch voran, aber es gibt nichts Interessantes dabei, denn wir wissen alle, wie solche Parties sind – tanzen, lachen, flirten, kleinere Krisen… that’s it. Ein schöner Abend. Das allein wäre ja nicht schlimm, doch die Party hat eigentlich keinen Einfluss auf die Geschichte insgesamt, was schade ist, wenn man bedenkt, wie viel Platz der Party in der Geschichte gegeben wird. Aber es könnte sein, dass genau das als Instrument dafür benutzt wurde, das Ungleichgewicht zwischen den Freien und den Unfreien aufzuzeigen?
Lesenswert? Ja.
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Ein etwas anderer Roman. Während der Vorbereitungen zu einer Feier erhält frau Einblick in die Gedanken diverser Protagonistinnen und Protagonisten. Die letzte erwähnte Person eines Abschnitts führt zum nächsten Gedankengang.
Dieses Buch hat mich unheimlich verwirrst zurückgelassen. Sowohl vom Schreibstil her als auch von der Erzählung hat es nicht gepasst. Zu viele Zufälle, zu wenig Struktur und zu wenig Gefühle um das Buch wirklich schnell durchzulesen. Sprich es packt einem ganz und gar nicht.