4.6| Wie bereits Andreas Eschbach in seinem Tribute auf dem Backcover von „Vakuum“ schreibt, ist „dies der endgültige Katastrophenthriller mit einem tollkühnen Rettungsunternehmen“; diesem Bonmont kann ich mich nur anschließen !
Die Idee des spontanen Vakuumzerfalls geht auf ein Denkmodell der Quantenfeldtheorie zurück, sie ist also keineswegs die spinnerte Idee des Autors, sondern ist eine ernsthafte Möglichkeit, dem sich Quantenphysiker seit Jahren zuwenden, insbesondere seit der Entdeckung des Higgs-Bosons.
Vakuum geht davon aus, dass der spontane Vakuumzerfall in den Hyaden ausbricht, einer ca. 100 Lichtjahre von der Erde entfernten Region der Milchstraße. Die junge Neutrino-Astronomin Susan Boyle entdeckt im Neutrino-Observatorium in der Antarktis diese Elementarteilchen, die aus der Richtung der Hyaden kommen, dies würde nach den gängigen Theorien normalerweise bedeuten, dass dort eine Supernova-Explosion stattgefunden hat. Allerdings finden die großen Teleskope der Erde keine Nachweis eines solchen Ereignisses. Tatsächlich entdecken sie, dass in dieser Region Sterne verschwinden.
Gleichzeitig finden NASA-Astronomen an Bord des Luna Gateways ein Alien Schiff, das mit annähernd Lichtgeschwindigkeit, aus den Hyaden kommend, das Sonnensystem durchquert und noch eine Nachricht hinterlässt. Nachdem diese entschlüsselt wurde, konnte Susan den Grund für das Verschwinden der Sterne ermitteln, es hat ein Vakuumzerfall begonnen, der sämtliche Materie im Universum zerstrahlen würde. Die Welle des Vakuumzerfalls breitet sich mit Lichtgeschwindigkeit aus und wird die Erde in ca. 2 ½ Jahren erreichen. Nachdem nun klar ist, dass die Aliens vor diesem Ereignis fliehen, macht sich die amerikanische Regierung daran, etwas ähnliches zu bauen. Man erinnerte sich an das Orion-Projekt aus den 50er Jahren, mit dem man mittels Atombomben ein Raumschiff in den Orbit katapultieren wollte, außerdem hat man die Fusionstechnologie bereits erprobt, so dass man ein Raumschiff mit Hilfe eines Fusionsantriebes auf nahezu Lichtgeschwindigkeit bringen kann, der Brennstoff würde mit Magnetfeldern aus dem interstellaren Medium eingefangen. Der Bau einer Arche wird beschlossen und sämtliche Ressourcen der USA wird auf dieses eine Projekt gelenkt. Die Arche sollte Platz für ca. 1000 Menschen bieten und sollte mit nahezu Lichtgeschwindigkeit vor der Zerfallswelle fliehen. Die beiden Hauptprotagonisten des Romans, Susan Boyle und der Astronaut Colin Curtis begleiten den Leser in der folgenden, alptraumhaften Zeit des Baus und des Start des Unternehmens.
Im krassen Gegensatz zu diesen von Technik umgebenen Charakteren steht Pala, die als dritter Protagonist eingeführt wird. Sie befindet sich in einem Dorf, in dem vom "Zyklus" die Rede ist, Rechnen und Lesen als mysteriöse Fertigkeiten gelten und Technik als etwas angesehen wird, das den Vorvätern zur Seite gestanden hat. Es ist schnell ersichtlich, dass sich Pala nicht in der gleichen Welt befindet wie Susan und Colin. Die große Frage ist jedoch: In welcher dann? Wird mit ihr die Zukunft geschildert? Handelt es sich um Außerirdische, die wie Menschen aussehen und interagieren? Diese Frage wird endgültig erst recht spät beantwortet, allerdings wird dem Leser schon bald klar, in welcher Richtung sich dieser Ort verorten lässt…
Nicht nur private Einzelschicksale greift Peterson auf. Es geht auch darum, zu entscheiden, welche wenigen der Milliarden von Menschen am Ende überleben sollen. Wenn Flucht die einzige Möglichkeit ist, wem wird diese dann vergönnt? Die Reichen oder Politiker? Kindern? Fachkräften? Selbst diese Gruppen haben mehr Angehörige, als Menschen gerettet werden können. Also wie trifft man eine Entscheidung? Ist es eine Lotterie, wie sie angedacht wird und ist sie gerecht? Aber was, wenn Fachkräfte fehlen, um einander versorgen zu können? Was für Kriterien sind an Überlebende zu stellen, damit Fertigkeiten sichergestellt werden? Ist es moralisch vertretbar, den Menschen falsche Hoffnungen zu machen, um unsere Spezies zu retten? Wer trifft am Ende die Entscheidungen? Und wie geht man gegen Personen vor, die sich gegen diese Entscheidung stellen? Ist das gesellschaftliche Chaos überhaupt aufzuhalten? Wie zu erkennen ist, geht es in Vakuum um mehr als Aliens und Science Fiction. Es geht um fundamentale Fragestellungen, die jederzeit auch uns treffen könnten. Hier kommt man zu den Momenten, die zum Nachdenken anregen.
Was tun die Menschen, wenn sie erkennen, dass das Ende der Welt bevorsteht? Was für Lösungen entwickeln sie, was wird aus dem System und dem Verhalten der Menschen? All diesen Fragen sind die eigentliche Grundessenz dieses Romans. Es ist ein Werk, das sich mit technischen und physischen Feinheiten, doch ebenso mit menschlichen Grundwerten befasst. Es gelingt dem Autor, das perfekte Maß zu finden, um den Leser nicht mit technischen und physikalischen Details zu erschlagen, sondern darüber hinaus grundlegende ethische Fragen aufzuwerfen und zu beantworten. Ethik kann in Bezug auf apokalyptische Szenarien stets einen üblen Beigeschmack haben, was in einigen Punkten auch hier der Fall ist. Doch im Großen und Ganzen hat Peterson ein Werk geschaffen, das unglaublich realistisch und dadurch nachvollziehbar ist.
Der (deutsche) Autor hat den Roman in den USA angesiedelt, was nach einigem Nachdenken auch logisch ist, denn man sieht bereits in der Corona-Pandemie, dass internationale Zusammenarbeit zurückgeht und jeder nur noch an sich selbst denkt Es geht dann nicht mehr darum, "die Menschheit" zu retten – sondern die eigenen Einwohner. In den USA geht es also um das Überleben des amerikanischen Volkes, in China um das chinesische und in Russland um das russische. Dass sich Peterson für die amerikanische Sicht entschieden hat, ist nachvollziehbar, da das Land eine große Raumfahrt-Nation ist. Europa hat keine Mittel und ist in vielen Punkten von anderen Staaten abhängig. Das Überleben des "europäischen Volkes" zu schildern, wäre also recht unrealistisch geworden. Zu glauben, dass sich die Staaten gegenseitig in Ruhe lassen, um ihr Überleben sicherzustellen, ist ebenfalls ein Irrglaube. Sehr realistisch schildert der Autor, dass internationale Konflikte neu aufflammen und sogar eskalieren, gewisse Bevölkerungsgruppen auf Rache aus sind und Staaten gewiss nicht zusammenarbeiten, sondern auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind.
Mit diesem Roman hat Phillip P. Peterson in meinen Augen zu Größen wie Stephen Baxter, Alastair Reynolds, Gregory Benford, Greg Bear oder David Brin aufgeschlossen, genau diese Art SF ist mein Ding und ich habe mich sehr gefreut, solch ein Szenario aus der Feder eines deutschen Autors zu lesen, das äußert realistisch, und dadurch auch unheimlich spannend ist.
Nicht verschweigen will ich allerdings, dass mir einige Prämissen zu unrealistisch erscheinen. Ein Flug eines Raumschiffes mit annähernden Lichgeschwindigkeit (ca. 97%) erscheint mir physikalisch nicht machbar, aber ich bin kein Physiker, der das beweisen kann. Die Bauzeit des Schiffes, der ganze Zeitplan des Projektes erscheint mir auch nicht möglich, auch wenn man auf die gesamten Ressourcen eines der reichsten Länder der Welt zurückgreifen kann. Ich sehe aber über diese Schwächen hinweg, diese Prämissen sind allerdings von diesem Weltentwurf nicht wegzudenken, ansonsten würde die Story nicht funktionieren.
Sprachlich kann ich absolut nichts bemängeln, nachdem ich seine letzten Fortsetzungen der „Transport“-Reihe auch deswegen stark kritisiert habe. Dieser Roman hat einen sehr flüssigen und vor allem bildhaften Schreibstil, so dass sich nach einiger Zeit das Pageturning einstellt. Ich persönlich fand die Charakterzeichnungen, obwohl nicht übertrieben detailliert, sehr gut und man konnte sich die einzelnen Protagonisten und ihre Handlungsweisen wirklich sehr gut vorstellen, der Roman und die Kapitel haben eine angenehme Länge, so dass ich das Fazit eines beeindruckenden, spannenden und höchst dramatischen Romans ziehen möchte, der die Verbindung zwischen Science Fiction und Moral perfekt herstellt und auch den Realitätsbezug nicht außer Acht läßt.
Ich denke auch, dass der Roman genügend Raum für eine Fortsetzung oder gar ein Prequel bietet, obwohl man sich dieses Szenario dystopischer und hoffnungsloser kaum denken kann. Die offenen Fragen nach dem Grund des Vakuumzerfalls, die Flucht der Aliens, die Zukunft in der Arche etc. könnten die Basis für weitere Geschichten sein…