Schiefer, dem vielgestaltigen, wandlungsfähigen Sedimentgestein, und den Slate Islands, einem kleinen Archipel vor der Westküste Schottlands, ist Esther Kinskys neues Buch gewidmet. Jahrhundertelang wurde auf jenen zu den Inneren Hebriden gehörenden Inseln Schiefer abgebaut, und tief geprägt sind sie von der vor vielen Jahrzehnten schon aufgegebenen Intensivindustrie, die eine bizarre Landschaft der Trümmer und gefluteten Steinbrüche hinterlassen hat. Die Gedichte und kurzen Prosatexte dieses dreiteiligen Bandes erkunden Fragen der geologischen Frühgeschichte und der Definitionen des metamorphischen Gesteins der Inseln, widmen sich der Flora und den Vögeln in einer Gegend der Unwirtlichkeit und streifen, ausgehend von einem alten Schulfoto, die Geschichte der in die harte Arbeit des Schieferabbaus eingebundenen Menschen. Parallel zu den Natur- und Geschichtserkundungen setzen sich die Texte mit der menschlichen Erinnerung auseinander, die ein ähnlicher »Metamorphit« ist wie der Schiefer, ein Schichtwerk in Bewegung, unvorhersehbaren und schwer nachvollziehbaren Wandlungen unterworfen.
Esther Kinsky, geboren 1956, hat Slawistik und Anglistik in Bonn und Toronto studiert. Sie arbeitet als Übersetzerin aus dem Polnischen, Englischen und Russischen. Ihr übersetzerisches Oeuvre umfasst u. a. Werke von Ida Fink, Hanna Krall, Ryszard Krysnicki, Aleksander Wat, Joseph O'Connor und Jane Smiley.
Kinksy lebt in Berlin. 2009 wurde sie mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet und 2011 erhielt sie den Karl-Dedecius-Preis.
Es gibt sie doch die tränen im stein unersichtliche reste der rührung und einer art sanftheit ein dunst nur mitteilungslos unter der hand unbedürftig eines trostes genügsam im unspürbaren allein die hohlräume wissen ein lied von ihnen zu singen von der langsamen beweinung heranwachsender kristalle feinblättrige massen schließlich auch bruchbereit auf fissuren lauernd einverständig mit ihrer lösung vom stein und bestimmung zur schrift.
II
Bleiglanz im aufwind kühles licht über tage horchen aufs draußen beim ungelenken schleifen auf papier
fremdschimmern im hellen element sich formbar zeigen schneidbar dehnbar schmierig auch bei abrieb und schwund handzahm verhaftet den rillen der fingerbeere und den linien der schreibhand stellenweise dünnhäutig
was wird aus erinnerung an aderverlauf im einschluss an rundung der wand wellige schichtung des schwitzenden steins?
Störstufen in der oberfläche : halden, trümmerfelder, boden bedeckt mit schieferscherben : unter den schritten unablässiges klacken und knirschen, schlag-, schleif- und reibelaute, metallisch hell die splittersprachige frage nach der größeren versehrung : die splitter selbst oder der boden, den sie decken : jeder splitter ein neues fundstück : bläulich, bräunlich, rost-geädert, zeichentragend : eine verschlüsselte schrift, die sich einst um vergessene laute geschlossen haben mag.