Liebe Daisy,
heute melde ich mich zu einem Buch, dessen Erscheinung wir wohl beide entgegengefiebert haben: Secret Academy. Verborgene Gefühle von Valentina Fast, das 2020 bei One erschienen ist.
Die Geschichte folgt Alexis. Nach dem unerwarteten Ableben ihrer Eltern, sind sie und ihre Schwester im Waisenhaus gelandet. Eine Adoption scheint schwierig, da die beiden um jeden Preis zusammenbleiben wollen. Doch dann bekommt Alexis auf einmal einen Platz an der London Secret Academy angeboten, an der sie zur Agentin des geheimen MI20 ausgebildet werden soll. Wild entschlossen, für eine bessere Zukunft für sich und ihre geliebte Schwester zu kämpfen, nimmt sie an. Doch die Ausbildung fordert ihr alles ab und noch bevor sie diese beendet hat, merkt sie, dass ihr Beruf nicht nur ihr eigenes Leben gefährdet. Sie ist gezwungen alles zu hinterfragen – selbst die Loyalität ihrer KommilitonInnen.
Wie bin ich auf das Buch gekommen?
Vor langer, langer Zeit (na gut, Anfang 2017), habe ich die Royal Serie von Valentina Fast entdeckt. Und verschlungen. Und sie dir zum Lesen gegeben. Und sie selbst nochmal gelesen. Und dann Stunden damit zugebracht, mit dir darüber zu diskutieren. Das waren noch Zeiten…
Zurück zum Punkt jedenfalls: Seit damals wollte ich für eine vergleichende Analyse ein weiteres Buch von Valentina Fast lesen. Bloß, dass sich das nie ergeben hat. Bis jetzt. Obwohl ich mit SuperheldInnen eigentlich nicht so viel anfangen kann, klang das Buch vielversprechend und ich wollte ihm auf jeden Fall eine Chance geben.
Erzählstil
Das Buch ist eine Erste-Personen Erzählung im Perfekt. Wir erleben die Geschichte somit unmittelbar durch die Augen der Protagonistin Alexis. Obwohl es einige Zeit her ist, dass ich Royal gelesen habe, würde ich sagen, dass sich der Stil der Autorin nicht groß verändert hat. Er lässt sich mehrheitlich flüssig lesen, jedoch gab es einige Aspekte, die mich stutzig gemacht haben.
Es gab etwa einige grammatikalische Ungereimtheiten, die meinen Lesefluss unterbrochen haben. Teilweise waren es lediglich uneindeutige Personalpronomen, die dazu geführt haben, dass ich einen Abschnitt (insbesondere S. 100f.) mehrfach lesen musste, um zu verstehen, wie viele Leute überhaupt anwesend sind und welches Personalpronomen sich auf wen bezieht; andernorts waren die Personalpronomen schlichtweg falsch gewählt z.B.: „Vielleicht war die Person [...] auch schon so geübt, seine [sic] Gefühle zu verbergen […]“ (S. 225). An wieder anderen Stellen sind dem Lektorat Fehler im Satzbau entgangen, z.B.: […] erwiderte er auf meinen genervten Tonfall sanft […]“ (S. 230).
Des weiteren stimmen einige Anschlüsse der Sätze einfach nicht: [D]ie Explosion hat viel Schaden angerichtet. Außer ein paar Schrammen haben die Zivilisten nichts abbekommen.“ (S. 330) und manchmal ist das Subjekt einfach nicht klar, z.B.: „[…] ein Lächeln entfuhr mir und lächelte noch immer als [...]“ (S. 365). Ich muss auch sagen, dass mir der Schreibstil stellenweise etwas zu salopp bzw. umgangssprachlich in den Erzählpassagen war z.B.: „Bam. Auf den Platz verwiesen.“ (S. 277). Zudem haben doppelte Verneinungen wie z.B.: „[..] warum er weder geöffnet war, noch nirgendwo erwähnt wurde […]“ (S. 302) den Text unnötig verkompliziert. Hier hätte ich mir ein aufmerksameres Lektorat gewünscht.
Zusätzlich fanden sich unzählige Wiederholungen einiger Motive, die für mich leider sehr dem Wink mit dem Zaunpfahl glichen, z.B.: wenn Alexis nervös ist und andauernd schaut, ob eine neue Nachricht angekommen ist (S. 251 (2x), S. 252 (2x), S. 253, S. 254, S. 265.). Auch der Gedanke, dass sie eine Geisel retten muss, wiederholt sich ab einem gewissen Punkt etwas zu oft (z.B.: S. 292) dafür, dass sie keine entsprechenden Handlungen setzt. Ich muss auch sagen, dass sich manche Dialoge extrem unnatürlich und gemacht angefühlt haben (z.B.: S. 392f.).
Ein weiterer Aspekt, den ich vorbringen möchte, ist der Spannungsbogen, der für mich nicht unbedingt Sinn ergeben hat. Das Buch kommt schnell ins Rollen und schafft es, in kurzer Zeit einen spannenden Konflikt zu etablieren. Ich hatte viel Spaß daran, mit Alexis in ihren neuen Lebensabschnitt zu starten. Und wie nicht anders zu erwarten, spitzt sich die Lage zunehmend zu und es kommt zu einem Höhepunkt. Der kommt jedoch schon relativ früh in der Geschichte, sodass man danach noch einen beachtlichen Teil des Buches vor sich hat, in dem gefühlt nichts passiert. Ich hatte große Schwierigkeiten, mich durch diese Längen zu kämpfen, auch wenn ich zugeben muss, dass die Geschichte auf den letzten paar Seiten noch einmal Fahrt aufnimmt. Vielleicht hätte es hier geholfen, sich mehr an der Spannungsbogenstruktur klassischer HeldInnenerzählungen zu orientieren.
Ich möchte im Folgenden im Detail auf einige weitere Aspekte eingehen. Das schaffe ich leider nicht, ohne zu spoilern. Falls du das Buch also noch nicht gelesen haben solltest, klicke jetzt am besten weg.
Alexis
Der erste Punkt, auf den ich detaillierter eingehen möchte, ist die Protagonistin Alexis. Mit ihren 19 Jahren ist sie im letzten von fünf Ausbildungsjahren (S. 47) an der London Secret Academy, um Agentin des MI20 zu werden.
Doch obwohl ihre Loyalität zu ihrer Schwester ehrenwert und ihr Ehrgeiz bewundernswert ist, hatte ich einige Probleme mit der Figur. Ich hatte das Gefühl, dass Valentina Fast sehr darum bemüht war, hier eine starke, kämpferische Frauenfigur zu entwickeln. Das ist ihr in vielerlei Hinsicht auch gelungen. Doch in manchen Aspekten ist sie über ihr Ziel hinausgeschossen. Insbesondere wenn es um physische Gewalt geht, wie etwa auf S. 196, wo Alexis‘ Gewaltproblem offensichtlich wird. Das ist leider kein Einzelfall: Etwas später (S. 282) kann sie nicht mit ihren Gefühlen umgehen und geht zum Boxtraining, um Dampf abzulassen. Dabei spürt sie, dass sich ein Kommilitone von hinten nähert und schlägt auf ihn ein, ohne auch nur zu schauen, um wen es sich handelt: „Mit einer fließenden Bewegung drehte ich mich um und schlug blind zu.“ (S. 282). Ich sage nicht, dass eine derartige Ausbildung keine psychische Belastung darstellt; doch sicherlich müsste ein solches Institut psychologische Unterstützung für die Auszubildenden zur Verfügung stellen? Das Verhalten, das Alexis an den Tag legt, das an keiner Stelle kritisch hinterfragt wird, ist jedenfalls ganz und gar nicht zu unterstützen und sollte keinesfalls als Vorbild fungieren.
Ich muss auch sagen, dass ich mir allgemein nicht so sicher bin, wie viel sie von ihrer Ausbildung mitgenommen hat. Einer Ausbildung, die angeblich die beste für GeheimagentInnen im gesamten Vereinigten Königreich ist. Wie bereits erwähnt, steht Alexis kurz vor ihrer Abschlussprüfung dieser Ausbildung. Doch ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sich entsprechend verhalten hat. Etwa wenn sie erpresst wird und sich nicht anders zu helfen weiß, als klein bei zu geben und die Sache für sich zu behalten (S. 222). Oder wenn sie sich bei einem Einbruch von einem Kommilitonen erwischen lässt, weil sie zu unvorsichtig und unaufmerksam ist (S. 269). Es sind Momente wie diese, in denen ich mich gefragt habe, was sie die vergangenen 4 ½ Jahre an dieser Ausbildungsstätte gelernt hat. Diese Frage stellt sich mir auch später, wenn sie die Erkenntnis hat, dass ihr Schweigen über die Erpressung als Verrat gesehen wird (S. 405) und ihr einzig logischer Schluss ist, es weiter zu verschweigen, anstatt sich an eine Vertrauensperson zu wenden, um die TäterInnen zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist auch nicht so, dass sie nicht wüsste, dass sie eben das tun sollte – das weiß sie (S. 411). Aber sie schiebt ihr Geständnis immer weiter vor sich her – über 50 Seiten lang. Irgendwann verliert dieser Bogen leider auch den Spannungsfaktor, da er einfach nur von ihrer Feigheit zeugt.
Etwas fragwürdig fand ich zudem Alexis‘ Urteilsvermögen bzw. Taktgefühl. Etwa, wenn sie ganz entspannt mit einem anderen Agenten über dessen Ausbildung quatscht – Sekunden nachdem sich ein Selbstmordattentäter neben ihr in die Luft gesprengt hat (S. 318). Wenig später steht eine dringliche Rettungsmission an – der perfekte Augenblick, so findet Alexis, um sich ihren lustvollen Gefühlen hinzugeben und sich ganz auf die Reaktionen ihres Gegenübers zu konzentrieren: „Er knurrte und seufzte zugleich.“ (S. 336).
Ich verstehe aber auch nicht ganz, wieso sie sich dazu befähigt fühlt, einem Mann vorzuwerfen, dass sie ihm zu wenig bedeutet, nachdem sie gerade selbst fremdgeknutscht hat (S. 391). Wobei sie zu besagtem Mann ohnehin ein eigenwilliges Verhältnis hat: „[W]eil ich dich mag! Ich habe dir ein verdammtes Messer an die Kehle gehalten, [sic] und du hast mich nicht umgebracht, sondern wolltest mir die ganze Zeit helfen. [...] Wir sind verdammt nochmal Freunde!“ (S. 392). Kurz darauf spricht sie dann davon, dass er wie ein Bruder für sie ist (S. 392). Ein Bruder, für den sie offenbar romantische Gefühle hegt; den sie zugunsten eines anderen jungen Mannes abblitzen lässt, bloß um kurz darauf zu sagen, dass sie nicht möchte, dass er die Academy – und damit sie – verlässt (S. 392). Ich kann mir nicht helfen, diese ganze Szene ist merkwürdig. Das selbstmittleidige Verhalten von eben jenem jungen Mann macht das Ganze leider kein Stück besser (insb. S. 391).
Ich muss also leider sagen, dass ich mit Alexis nicht sehr viel anfangen konnte. Besonders gegen Ende hin fand ich ihr Verhalten zunehmend unnachvollziehbar. Somit habe ich weder besonders mit ihr mitgefiebert noch mitgelitten, wodurch das letzte Drittel des Buches deutliche Längen für mich hatte.
Geschlechterdarstellung
Das bringt mich direkt zu meinem nächsten Punkt: der Geschlechterdarstellung. An sich habe ich es positiv gewertet, dass an der Academy Frauen und Männer zugelassen sind. Obgleich die Relation von drei Frauen zu fünf Männern in Alexis‘ Jahrgang leider noch immer in die falsche Richtung unausgewogen ist. Aber sei es drum. Das wäre etwas, über das ich hinwegsehen könnte. Auch darüber, dass der Schulleiter natürlich ein Mann ist. Ebenso wie der Antagonist. Auch dass eine von Alexis‘ Kommilitoninnen lediglich ein Modepüppchen ist und all die Leute, die sie im Zuge von Aufträgen beschützen oder retten müssen, Frauen sind.
Aber spätestens bei Sprüchen wie „[Das ist] eine Frauensache.“ (S.273), die verwendet werden, um vom Thema abzulenken, auf die die männliche Figur dann „Bitte rede nicht weiter“ (S. 273) antwortet, fühlte ich mich wirklich in das Patriarchat des Mittelalters zurückversetzt. Inklusive aller dazu passenden Tabuthemen. Entsprechend dazu werden Themen wie Menstruation natürlich auch nicht angesprochen.
Dazu passend wird das Mysterium der Jungfräulichkeit bzw. der Bedeutsamkeit, eben jene zu verlieren, in diesem Buch sehr, sehr, SEHR großgeschrieben. Natürlich nur im Bezug auf Frauen, wie es sich für eine patriarchale Gesellschaft gehört. Dies wird deutlich, wenn etwa einer der Männer meint: „Jungfrau? […] Das erklärt so einiges.“ (S. 215). Als würde das Durchführen des sexuellen Aktes eine Frau von Grund auf verändern. Auch die Damen dieser Geschichte scheinen diese Auffassung zu vertreten (z.B.: S. 402). Wobei sexuelle Handlungen für Alexis schnell mit schlechtem Gewissen verbunden zu sein scheinen: „Ich fühlte mich wie ein Miststück“ (S. 397); im Gegensatz dazu, wird sehr früh klar gemacht, dass die Herren damit kein Problem zu haben scheinen: „War es mal wieder eine von deinen Wochenendfreundinnen?“ (S. 33).
Positiv hervorzuheben finde ich Alexis‘ Verliebtheit. Es ist nachvollziehbar, dass sie die Annäherungsversuche des jungen Mannes, der sie ins Auge gefasst hat, kritisch sieht (z.B.: S. 283) und ihm anfangs nicht traut; besonders charmant fand ich zudem ihre Unsicherheit im Umgang mit ihm, als sie merkt, dass vielleicht mehr entstehen könnte (z.B.: S. 305). Fraglich fand ich dafür leider wieder, und hier schließt sich der Bogen zur Sexualität, dass sie ihm etwas Wesentliches über ihre nahe Zukunft verschweigt, und ihn somit dazu bringen möchte, mit ihr zu schlafen (S. 414ff.).
Die Secret Academy und das MI20
Das MI20 ist ein hoch ominöser Verein. Ohne gefragt zu werden, bekommt Alexis nach einem Unfall ein Serum injiziert, das ihr übermenschliche Fähigkeiten verleiht (S. 16ff.). Erst danach wird sie gefragt, ob sie überhaupt eine Ausbildung an der Secret Academy machen möchte (S. 19ff.). Wenn das mal kein guter Start ist.
Was ich an der Secret Academy mochte, war, dass Valentina Fast gezeigt hat, wie vielfältig der Unterricht war. Immer wieder waren verschiedenste Lehrstunden, von körperlichem Training, über Sprachen, zu Informatik, in die Erzählung eingeflochten. Das hat Authentizität geschaffen. Und ich muss ja gestehen, dass ich beim Lesen starke Assoziationen zu Dem Geheimen Club der Zweitgeborenen Royals (Disney, 2020) hatte – faszinierend, wie zwei so ähnliche Geschichten quasi zeitgleich erscheinen können.
Ich war etwas verwirrt, was die Anzahl der SchülerInnen an der Academy anging. Alexis vermittelt die Information, dass sich in ihrem Jahrgang acht SchülerInnen befinden, was laut ihr eher wenig sei. Es seien immer zwischen 5 und 15 SchülerInnen pro Jahrgang. Von ihren Informationen ausgehend müssten in den anderen Jahrgängen mindestens gleichviele, aber eher mehr SchülerInnen geben. Somit müsste es mindestens 40 SchülerInnen an der Academy geben. Es gibt aber nur 39 (S. 47). Irgendwo steckt da der Wurm drinnen.
Das aber nur als Anekdote am Rande, bevor wir zu meiner wirklichen Frage kommen: Was lernt man an dieser Academy wirklich und was kann das MI20 eigentlich? Zu ersterer möchte ich auf eine Situation eingehen, in der Alexis angeschossen worden ist und ein Kommilitone bei ihr bleibt, bis die Einsatzkräfte kommen (S. 103). Anstatt zu versuchen, die Blutung zu stillen, hält er ihre Hand und flirtet mit ihr. Selbst mit meinem mehr als lückenhaften Erste-Hilfe-Wissen weiß ich, dass man Druck auf die Wunde ausüben muss. Wieso weiß der junge Mann das nach über vier Jahren Training, das auch eine medizinische Ausbildung beinhaltet, nicht?
Es gibt im Laufe des Buches zudem eine Szene, bei der Alexis in einer Simulation (die mich stark an Divergent (Roth, 2011) erinnerte) auf dem Boden liegt und einen Mann, der die Straße entlang geht, erschießen soll. Die Schwierigkeit dabei besteht darin, dass er 3000 Meter entfernt ist. (S. 262) Das sind 3km. Eine Strecke, die ein durchschnittlicher Läufer in etwa 12 Minuten läuft (der Weltrekord liegt bei 07:20). Ich frage mich, inwiefern ich mir das vorstellen darf. Wie genau versteckt sie sich liegend im Unterholz und schafft es, durch eben dieses aus solcher Entfernung hindurch auf den Mann zu zielen? Oder hat sie eine Kugel, die zickzack fliegt und den Hindernissen ausweichen kann? Ich sag nicht, dass es technisch nicht möglich wäre, über solche Distanzen zu schießen; würde sie sich auf einem erhöhten Standpunkt befinden, würde ich diese Übung nicht infrage stellen. [...]