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Die zitternde Welt

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Welcher Kampf tobt in dir, wenn die Welt über dich hereinbricht? – Eine Frau und ihr unbändiger Drang nach Selbstbestimmung und Freiheit.
Neuanfang im Orient: Maria nimmt ihr Leben in die Hand
Maria ist hungrig – lebenshungrig: Sie will spüren, frei sein, lieben. Hochschwanger reist sie 1896 nach Anatolien und überrumpelt damit den werdenden Vater. Wilhelm hat sich heimlich dorthin aufgemacht, um als Ingenieur am Bau der Bagdadbahn zu arbeiten, die Berlin mit Bagdad verbinden soll. Er, der seine Bleistifte stets streng nach deren Stärken ordnet, ist fasziniert von der eigensinnigen und unberechenbaren Frau. Fernab der trüben Enge des Dorfes, aus der Maria stammt, leben die beiden in der anatolischen Freiheit in wilder Ehe. Maria will ihren Körper nicht in ein Korsett schnüren lassen – sie trägt wallende Reformkleider, blickt in Liebesdingen über den Beziehungsrand hinaus und saugt mit jedem Atemzug genüsslich die fühlbare Weite der Landschaft ein. – Sie ist endlich angekommen.


Eine starke Frau und ihre Familie inmitten der großen Umstürze der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Marias und Wilhelms Kinder wachsen als Bürger des Osmanischen Reiches auf. Türkisch wird zu ihrer Muttersprache, nicht Deutsch. Von der alten Heimat bleibt bald nichts mehr als eine fahle Erinnerung. – Bis der Erste Weltkrieg ausbricht. Geburtsort, politische Grenzen und Allianzen gewinnen plötzlich an entscheidender Relevanz: Was bedeutet der Krieg für die beiden Söhne im wehrpflichtigen Alter? Was bedeutet er für Maria, für die ein Leben außerhalb von Anatolien fernab jeglicher Vorstellungskraft liegt? Droht der Selbstbestimmung und der frei gewählten Heimat nun ein Ende?


Ein Buch über unsere Verletzlichkeit in Zeiten großer Umbrüche. Und über die Kräfte, die dabei in uns erwachen.
Kunstfertig verwebt Tanja Paar den unbändigen Lebensdrang einer Frau und das Schicksal einer Familie mit den Verwerfungen der Weltgeschichte. In ihrem Generationenroman führt sie an blühende und aufregende, aber von Umwälzungen bedrohte Orte: in das Osmanische Reich des Fin de Siècle, ins Istanbul und die junge Türkei unter Atatürk, in den Irak des Ölbooms der 1930er. Ob damals oder heute – Tanja Paar stellt in ihrem aufwühlenden Roman eine Frage, die uns Menschen niemals loslässt: Wer bestimmt, welche Menschen wir werden? Sind es die Umstände? Oder wir selbst?

296 pages, Hardcover

Published September 8, 2020

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Tanja Paar

8 books3 followers

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Displaying 1 - 19 of 20 reviews
Profile Image for Alexandra .
936 reviews370 followers
October 26, 2020
Lost in Nahost
Die Autorin hat eine zu Beginn sehr beeindruckende Geschichte kreiert, die mich bedauerlicherweise durch dramaturgische Schnitzer und daraus folgender mangelnder Figurentiefe ab der Mitte auf dem Weg durch Länder und Zeiten komplett verloren hat.

Das ist sehr schade, denn die Story beginnt mit grandiosen Landschaftsbeschreibungen und tiefen Einblicken in die anatolische Gesellschaft. Die Leserschaft kann den Duft der Dorflandschaft förmlich riechen und wird in ein historisches Setting versetzt, das sowohl spannend und bedeutend als auch vielen nicht ganz so bekannt sein dürfte: Das Monsterprojekt, der Bau der Bagdad-Bahn von Konstantinopel über Ankara (Nord-Route) beziehungsweise über Mossul nach Bagdad (Süd-Route).

Der Eisenbahningenieur Wilhelm entflieht 1895 aus der Enge Österreichs und der drohenden Armut, da er keinen Job hat. Er macht sich auf in ein großes Eisenbahn-Abenteuer weit weg in Asien, obwohl er mit einer jungen Frau verlobt ist. Als diese 1896 hochschwanger vor der Tür seines Hauses in Anatolien steht, obwohl er ihr nie gesagt hat, wo er sich aufhält, steht er zu seiner Verantwortung und gründet mit Maria eine Familie. Diese resolute Frau ist schwanger über Kontinentsgrenzen gereist, hat keine Strapazen gescheut und ihn in der großen Weite des Osmanischen Reiches aufgespürt, um dem ungeborenen Kind seinen Vater zurückzugeben. Drei weitere gesunde Kinder und eine leidlich passable Ehe, die auf Respekt und Achtung basiert, aber nicht unbedingt von Treue beider Seiten getragen ist, krönen diese Familiengründung.

Als die zwei Söhne Erich und Hans gerade ins wehrfähige Alter gekommen sind und der erste Weltkrieg ausbricht, trifft die Familie, initiiert von den Eltern, eine ziemlich dumme und folgenschwere Entscheidung. Da die Söhne in Anatolien geboren sind, müssten sie eigentlich für das türkische Heer in den Krieg ziehen. Das wollen Wilhelm und Maria aber nicht, also bitten sie den Pascha zu intervenieren. Dieser kann aber nur eine suboptimale Lösung anbieten: nämlich dass einer der Brüder die Papiere eines gestorbenen Franzosen erhält und der andere jene eines toten deutschen Eisenbahnarbeiters. Die beiden müssten dann als Kriegsgegner in den ersten Weltkrieg ziehen. Warum sich alle auf den Deal einlassen, ist mir schleierhaft.

Als Bruder Hans auf dem Weg nach Frankreich wegen der Liebe im Triestiner Karst strandet, blitzte für mich das letzte Mal die Erzählkunst der Autorin auf. In dieser Gegend, wo ich seit 30 Jahren meinen Urlaub verbringe, viele Freunde gefunden habe, jeden Heuhaufen, jeden Heurigen und jedes Dorf kenne, kann ich erstmals auch selbst beurteilen, wie genau die Landschaftsbeschreibungen und Schilderung der dortigen Gesellschaft sind.

Und dann beginnen die meiner Meinung nach größten dramaturgischen Schnitzer. Eine sehr effiziente Strategie, wie man Spannung mit einem Schlag perfekt zerstören kann. Immer wenn die Geschichte auf eine rasante Schlüsselszene zusteuert, die die Handlung dramatisch werden lässt, blendet die Autorin weg, macht einen Zeitsprung und fasst dann in viel zu knappen Worten in einer Nachschau als Kurznachricht alles zusammen. Man ist leider als Leser nie direkt dabei, wenn was Wichtiges passiert.

Beispielsweise als Hans sich in einer Karsthöhle vor den italienischen Behörden versteckt, wird abgeblendet. Nachher erfahren wir ganz lapidar, dass er erschossen wurde. Der erste Weltkrieg an der deutschen Front und die daraus resultierenden Traumata von Bruder Erich werden gleich ganz übersprungen. Aber auch die Veränderungen der Eltern Wilhelm und Maria mit der Tochter Irmgard, die in Wien gestrandet sind, werden leider in der Nachschau auch nicht in ausreichender Tiefe thematisiert. Durch diese Zeitbrüche entstehen auch sehr flache Figuren, da die Charakterveränderungen und die Figurenentwicklung viel zu wenig nachvollzogen werden können. Viele Fragen stellen sich: Warum ist aus der resoluten Maria schon in der Anfangszeit in Wien so schnell eine verbitterte Frau geworden, warum wurde Irmgard Kommunistin und ist in die Tschechoslowakei gegangen?

Erichs Leben scheint dann nur noch aus abrupten Szenenwechseln zu bestehen. Er ist durch den Krieg zum Junkie geworden und lebt eine Weile in Istanbul. Als er seine Verlobte dort sitzenlässt, inklusive seinem schwulen oder auch nicht homosexuellen Freund, erneut Abblende, Neubeginn und Verlagerung des Lebensmittelpunktes Erichs zu einer Erdölgesellschaft nach Baku. In der Nachschau wird wieder einmal im Telegrammstil klar: es gab eine riesengroße Trennungsszene und seine Verlobte litt mehrere Jahre sehr unter dem plötzlichen Verschwinden ihres Geliebten.

Am Ende löste sich durch diese chronologischen Brüche für mich auch die Verortung des Romans auf. Völlig orientierungslos stolperte ich nur noch durch den Plot. Wo Erich letztendlich auf der Flucht vor dem zweiten Weltkrieg gestrandet ist, erschloss sich mir nicht mehr. Haifa? Bagdad? Kuwait? Irgendwo an einem Wasserfall am Euphrat und Tigris oder doch in Anatolien? Egal! Hat mich dann auch nicht mehr interessiert, denn ich habe aufgegeben, mit der Figur Erich mitfiebern zu wollen.

Ich weiß auch nicht, was die Intention war, den zweiten Teil des Buches dramaturgisch so derart gegensätzlich zum ersten Teil zu gestalten. War es Zeitdruck, dass der Plot einfach nicht mehr sorgfältig ausgearbeitet werden konnte oder sollte so ein Stilmittel der Geschichte eine literarische und mysteriöse Komponente verleihen? Das hat so was von überhaupt nicht funktioniert!

Fazit: Ein leider mittelmäßiger Roman, der ausgezeichnet beginnt, aber durch seine handwerklichen Schwächen im zweiten Teil einfach ins Nirwana verpufft.
Profile Image for auserlesenes.
364 reviews16 followers
October 11, 2020
Anatolien am Ende des 19. Jahrhunderts: Hochschwanger mit dem ersten Kind ist die junge Maria, als sie im Osmanischen Reich ankommt. Sie ist auf eigene Faust von Wien aus ihrem Verlobten Wilhelm Paar nachgereist, der als Ingenieur an dem Bau der Bagdadbahn arbeitet. Es wird nicht das letzte Kind der beiden bleiben, die fernab ihrer Familien eine neue Heimat finden. Doch für Maria, Wilhelm und ihre Nachkommen hält das Schicksal noch mehrere Prüfungen bereit...

„Die zitternde Welt“ ist ein Roman von Tanja Paar.

Meine Meinung:
Der Roman ist in zwei Teile untergliedert, die wiederum aus mehreren Kapiteln und Absätzen bestehen. Im ersten Teil wird aus den Perspektiven von Maria und Wilhelm erzählt, und zwar im Wechsel. Der zweite Teil legt den Fokus auf ihren Sohn Erich, während seine Geschwister und seine Eltern deutlich weniger Raum in der Geschichte einnehmen. Der Roman endet mit einem Epilog. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte. Immer wieder finden zeitliche Sprünge statt, wobei es keine einheitlichen Zeitangaben gibt, was die Orientierung erschwert. Hilfreich ist dagegen eine abgebildete Landkarte.

Der Schreibstil ist eindringlich, einfühlsam und - dank treffender Metaphern und Vergleiche - anschaulich. Gut gefallen hat mir auch, dass mehrere Briefe eingestreut sind.

Die Protagonisten sind keine typischen Sympathieträger. Marias selbstbewusste und scheinbar kaum erschütterliche Art sowie ihr Mut zu Beginn der Geschichte stechen allerdings positiv hervor. Alle Figuren werden authentisch gezeichnet. Tiefe Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt von Maria, Wilhelm und Erich lassen den Leser mit diesen drei Charakteren mitfühlen. Sohn Hans und Tochter Irmgard bleiben leider etwas blass.

Inhaltlich ist die Geschichte trotz der nur knapp 300 Seiten sehr vielschichtig. Es geht um Freiheit und Selbstbestimmung, um Familie und Generationenkonflikte, um Heimat und Identität, um Krieg und Umbrüche.

Nebenbei erfährt der Leser einiges über die politischen und kulturellen Umstände in der heutigen Türkei rund um das Fin de Siècle und die ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Gerne habe ich auch vom Bau der Bagdadbahn gelesen, einem Projekt, das mir bis dato fremd war. An mehreren Stellen zeigt sich die fundierte Recherche der Autorin, die gekonnt fiktive Figuren mit realen Begebenheiten verknüpft.

Vor allem im ersten Teil werden mehrere Fragen aufgeworfen, die erst Stück für Stück beantwortet werden. Die Autorin versteht es, mit vagen Andeutungen und Auslassungen viel Spielraum für eigene Interpretationen und Spekulationen zu lassen und Spannung zu erzeugen. Besonders in der ersten Hälfte konnte mich die Geschichte fesseln. Etwas schwächer ist dagegen nach meinem Empfinden der zweite Teil, der durch zu große zeitliche Sprünge stellenweise ein wenig fragmentarisch wirkt und ein paar Längen aufkommen lässt.

Das Cover hat keinen direkten inhaltlichen Bezug, gefällt mir aber dennoch sehr gut. Der Titel ist durchaus treffend formuliert.

Mein Fazit:
„Die zitternde Welt“ von Tanja Paar ist ein historischer Roman, der sich auf erfrischende Art von anderen Büchern des Genres abhebt. Eine ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Lektüre mit nur kleineren Schwächen, die eine ungewöhnliche Familiengeschichte zu bieten hat.
Profile Image for Michael Reiter.
207 reviews21 followers
April 19, 2023
Nach dem wunderbaren Werk Die Unversehrten hatte ich sehr große Erwartungshaltungen an den zweiten Roman von Tanja Paar. Leider wurden diese nicht erfüllt.

Das Buch besteht aus 2 Teilen, durch den zweiten habe ich mich regelrecht durchquälen müssen. Der erste Teil beschreibt ein Idyll im osmanischen Reich des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts. Und dann kommen die beiden Weltkriege. Das osmansiche Reich zerfällt, Atatürk ist da, Atatürk ist wieder weg. Und eben diese Perspektive der Auswirkungen der Weltkriege und der Weltwirtschaftskrisen auf das osmanische Reich/die Türkei/den vorderen Orient, das ausführlich zu beleuten wäre genial gewesen.

Aber so mäandert die Geschichte an den großen Ereignissen entlang und verteilt ihre Protagonisten quer über Europa und wieder retour und verliert jede Storyline in einer eigenen Bedeutungslosigkeit.

Sowohl als Familiensaga als auch als historischer Roman war das für mich leider absolut enttäuschend.
Profile Image for Johann Guenther.
807 reviews28 followers
December 22, 2025
PAAR, Tanja: „Die zitternde Welt“, Innsbruck Wien 2020
Die Autorin führt den Leser, die Leserin in die Türkei. Ein österreichischer Eisenbahningenieur ist dorthin ausgewandert, um seine Technikkenntnisse in den Bau der Bagdad-Bahn einzubringen. Die Deutschen wollen eine Eisenbahnverbindung von Berlin bis Bagdad. Die Geschichte handelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Mann war heimlich allein zu diesem Job aufgebrochen und ließ seine Geliebte zurück. Obwohl sie aus einfachen Verhältnissen stammte, schaffte sie es hochschwanger – von ihm – bis in das kleine Dorf in Anatolien zu fahren, wo sie auf ihn traf. Die Autorin erzählt sehr anschaulich das Leben einer ausländischen Familie am Land in Anatolien vor über 100 Jahren.
Maria – so hieß die Frau aus Oberösterreich – schaffte es zu einer ansehnlichen Stellung. Als Frau eines Ingenieurs gehörte sie zur besseren Gesellschaft. Kinder wurden geboren. Eines starb. Zwei Buben und eine Tochter blieben ihr. Der Eisenbahnbau machte Fortschritte und die Familie zog der Bahnstrecke nach. Der Ingenieur wurde dort gebraucht, wo gebaut wurde. Dann änderte sich die Welt Krieg brach aus. Die Familie musste flüchten. Der befreundete Sultan stellte den Söhnen Papiere von Gestorbenen aus und gab ihnen neue Identitäten. Einer wurde Franzose, der andere Deutscher. Der eine versteckte sich in Italien vor den anrückenden österreichischen Truppen. Letztlich erwischten sie ihn und erschossen ihn. Der zweite war auf der anderen Seite der Schlacht und kam seelisch und geistig verwundet aus dem Krieg. In Wien wollte er nicht mehr wohnen. Der Vater war gestorben. Die Mutter lebte allein mit der Tochter, mit der sie sich zerstritt. Die Mutter blieb allein in ärmlichen Verhältnissen. Der Zweite Weltkrieg brach aus. Der zweite Sohn wurde von einem homosexuellen Freund gefördert und finanziert. Als Tangolehrer schlug er sich in Istanbul durch. Bevor es zu einer Hochzeit kam, flüchtete er und fand eine Anstellung in den neuen Ölbohrfeldern in der Wüste, wo er sich zum Personalchef hocharbeitete. Seine Freundin - eine Kurdin – verfolgte andere Ziele und er zog sich von ihr zurück. Seine Krankheit aus dem Krieg holte ihn ein.
Es ist eine Geschichte, die anhand einer Familie die Periode vom Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zur Mitte des 20. Jahrhunderts erstreckt. Ein Bindefaden ist die Bagdadbahn. „Eine durchgehende Eisenbahnstrecke von Berlin bis Bagdad, von der Ostsee bis an den Persischen Golf. Sie war das größte Infrastrukturprojekt des Fin de Siècle und des beginnenden Jahrhunderts, ein nie dagewesener Kraftakt, Traum ebenso wie Albtraum.“ (Seite 297) Während des Zweiten Weltkriegs 1940 wurde sie fertiggestellt. An Bedeutung hat sie verloren. Pipelines erfüllen heute die Aufgabe des Transports von Öl.
Tanja Paar lässt den Leser, die Leserin in die Zeitperiode des anfangenden 20. Jahrhunderts eintauchen und macht sie anhand einer Familie sichtbar. Auch textlich hat sie sich an diese Zeit angepasst. Ein interessanter und sehr gut geschriebener Roman!
Profile Image for Buchbesprechung.
210 reviews24 followers
October 11, 2020
REZENSION – Vordergründig mag „Die zitternde Welt“ von Tanja Paar (49) ein historischer Roman sein. Doch das eigentliche Thema ihres zweiten Buches ist zeitlos: In beeindruckender Schärfe und Tiefe schildert die österreichische Schriftstellerin den schleichenden Zerfall einer scheinbar glücklichen Familie. In kurzen Szenen, begrenzt auf wesentliche historische Fakten, begleiten wir das junge österreichische Paar Maria und Wilhelm um 1900, später auch ihre im Osmanischen Reich geborenen drei Kinder Hans, Erich und Irmgard, während der folgenden vier Jahrzehnte über den ersten Weltkrieg hinaus bis zum Beginn des zweiten.
Die lebenshungrige Maria entflieht 1896 hochschwanger aus der familiären Enge der österreichischen Provinz und folgt ihrem Geliebten Wilhelm in die befreiende Weite Anatoliens, wo dieser inzwischen als Ingenieur auf deutscher Seite beim Bau der Bagdadbahn Arbeit gefunden hat. Von der Heimat bleibt bald nur eine blasse Erinnerung, ihre Kinder werden Türkisch besser als ihre Muttersprache sprechen. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, auch des Aufbruchs in eine globalisierte Welt.
Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwingt sie zurück in kleinstaatliches Denken. Geburtsort, nationale Grenzen und politische Allianzen gewinnen plötzlich an Bedeutung. Das Recht auf persönliche Freiheit und Selbstbestimmung ist verloren. Hans und Erich glauben sich mit falschen Papieren vor der Einberufung sicher. Wilhelm kehrt mit Frau und Tochter nach Wien zurück und meldet sich freiwillig zum Militärdienst. Später ist auch Erich an der Ostfront, Hans bleibt verschollen. „Alle drei waren sie in den Krieg gefahren, aber in unterschiedliche Richtungen.“ Europa begann zu zittern, bald zitterte die Welt. Eindringlich schildert Tanja Paar die Verwerfungen innerhalb dieser anfangs so glücklich scheinenden Familie. Doch frühzeitig zeigten sich erste Risse im Familienglück. Alle fünf sind in Charakter und Vorlieben unterschiedlich. Heimatverlust, Krieg und dessen Folgen besorgen den Rest.
Einerseits ist „Die zitternde Welt“ ein historischer Roman, der uns mit dem Bau der Bagdadbahn einen kaum noch beachteten Punkt deutscher Geschichte vertraut macht. Zudem beschreibt die Autorin den Zerfall des einst mächtigen Osmanischen Reiches in die heutigen Einzelstaaten, wo erste Ölförderungen zu neuem Aufschwung führen. „Das Öl, das war ein neues Zeitalter, dessen war sich Erich sicher.“
Parallel zum Zusammenbruch des Osmanischen Reiches läuft die beklemmende Schilderung des Zerfalls von Marias Familie – nach Verlust der Heimat, politischen Einwirkungen und gesellschaftlichen Umbrüchen. „Freiwillig wäre sie nie zurückgekehrt in die sogenannte Heimat. Sie fühlte sich nicht als Österreicherin.“ Es stellt sich die Frage, ob es die Umstände sind oder wir selbst, die über unsere Entwicklung, unsere Entscheidungen und unser Handeln bestimmen. „Warum sollen wir der Willkür der Geschichte ausgeliefert sein? Warum nicht selbst für unsere Rechte kämpfen?“, fragt Erichs Freund Ali.
Die einzelnen Figuren sind in ihrem unterschiedlichen Charakter von Tanja Paar plastisch beschrieben, deren individuelles Denken und Handeln ist konsequent nachvollzogen. So ist „Die zitternde Welt“ nicht nur ein historisch interessantes Buch, sondern vor allem wegen der eingehenden und berührenden Schilderungen der einzelnen Schicksale ein emotional bewegender und sehr lebendiger Roman, den es zu lesen lohnt.
Profile Image for Fatma.
84 reviews34 followers
September 25, 2020
Hochschwanger reist die junge Maria, die aus einem kleinen österreichischen Dorf stammt, Ende des 19. Jahrhunderts ihrem Geliebten Wilhelm nach Anatolien nach, der dort als Eisenbahningenieur am Bau der Bagdadbahn beschäftigt ist. Ausgebrochen aus der Enge ihres Lebens, folgen für Maria, Wilhelm und ihren drei Kindern Jahre des scheinbaren Glückes an einem fast schon paradiesisch wirkenden Ort. Dieses Glück, so stellt es sich heraus, ist nur von kurzer Dauer, denn der Erste Weltkrieg rückt unerbittlich näher und auch Wilhelms Arbeit bedeutet, dass sie stets dorthin gehen müssen, wo für die Bahn gebaut wird. Als der Krieg dann auch bei ihnen ankommt, bleibt nichts, so wie es mal war. Weder die Orte, noch die Menschen.
Von der Handlung her fand ich Tanja Paars Roman sehr spannend. Allgemein lese ich sehr gerne Bücher, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg spielen, deshalb war mir das Buch sofort sympathisch. Nach dem Lesen würde ich ihm allerdings nur 3.5/5 Sternen geben, da es doch einige inhaltliche Schwächen hatte, die den Lesegenuss etwas getrübt haben.
So schreibt die Autorin ziemlich am Anfang, dass Maria hochschwanger im Sommer 1896 in Bünyan ankommt, d.h. ihr Kind auch kurz danach gebiert. Das Alter des ältesten Kindes wird als vier angegeben, was das Jahr 1900 oder 1901 machen müsste, aber eines der Charaktere erwähnt, dass es 1899 sei. Das geht nicht auf.
An anderer Stelle wird erwähnt, wie die Dienstboten der Familie Kuskus mit Minzsauce essen. Das hört sich verdächtigt nach einer nordafrikanischen Speise an. In Anatolien würden sie Bulgur essen und höchstwahrscheinlich Joghurt dazu.
Ziemlich in der Mitte des Romans möchte sich Maria eine Darbietung anschauen, die nicht für Frauen zugelassen ist und versucht ihren Mann zu überreden, indem sie ihm sagt, sie würden gemeinsam zum Abendessen gehen, dort Kopfschmerzen (oder so ähnlich) vortäuschen und früh auf ihr Zimmer zurückgehen. Aber bevor das alles passieren kann, kommt schon das Signal, dass der Mann, der sie abholen soll, da ist und sie geht. Wahrscheinlich wollte die Autorin da eine andere Szene schreiben oder sie hat etwas weggekürzt und die Passage ergibt deshalb keinen Sinn.
Ein letzter Fehler, der mir aufgefallen ist: Zwei Charaktere unterhalten sich im Jahr 1910 und einer von ihnen sagt, dass die Bewohner Griechenlands, Serbiens und Bulgariens unruhig würden und sich vom Osmanischen Reich loslösen möchten. Alle drei Staaten waren da aber schon seit Jahrzehnten unabhängig vom Osmanischen Reich.
Das mögen vielleicht Kleinigkeiten sein, die aber für Leute, die auf so etwas achten, schon sehr störend sein können.
Ganz allgemein gesagt, fand ich den zweiten Teil besser als den ersten, weil die Handlung an Geschwindigkeit zunahm.
Außer den obigen Fehlern gab es einige weitere Dinge, die mir nicht gefallen haben oder für Verwirrung gesorgt haben.
Die Protagonistin war mir stellenweise sehr unsympathisch. Sie sollte eine starke, unabhängige Frau darstellen, aber klang meistens wie ein störrisches und trotziges Kind.
Wilhelm war auch nicht besser, weil er ziemlich zweidimensional war. Vielleicht lag es auch am Stil des Buches, denn durch die vielen Zeit- und Ortsprünge wurden Dinge, die in der Zwischenzeit passiert waren, nicht gezeigt, sondern von den Charakteren erzählt. Und das wirkte an manchen Stellen so, als ob ganze Passagen aus einem Geschichtsbuch kopiert seien, bzw. es las sich nicht natürlich, sondern wie Worte, die ihnen durch die Autorin in den Mund gelegt worden sind. Das fand ich besonders schade, da die Handlung so viel Potenzial gehabt hätte, die durch "show, don't tell" viel besser zur Geltung gekommen wäre.
Und schließlich: Warum die Familie denselben Nachnamen wie die Autorin hat, wird auch nirgends erwähnt, das hätte mich nämlich brennend interessiert.
116 reviews
December 2, 2020
Ich hatte mir mehr erhofft

Wilhelm ist am Bau der Bagdadbahn beteiligt, er hat sich heimlich aus Wien davon gestohlen nach Anatolien und ist ziemlich überrascht, als seine zurückgelassene Freundin plötzlich vor der Tür steht - hochschwanger. Damit beginnt die Familiengeschichte von Maria und Wilhelm, die beiden geben sich als Ehepaar aus und leben ein gutes Leben in Anatolien. Maria geniest das Freisein, das sie nun zum ersten Mal erfahren darf. Abseits vom beengten Heim ihrer Eltern blüht sie auf und weiß sich durchzusetzen, sie lässt sich nicht mehr einengen, weder von ihrem Mann noch von sonst jemandem. Doch es kommt wie es kommen muss, das Leben kann nicht immer so gut bleiben, die beiden müssen Anatolien verlassen, ihre Kinder, in Anatolien geboren, können nur unter falschem Namen ausreisen, die Familie verliert ihren Zusammenhalt und die einzelnen Familienmitglieder müssen ins Ungewisse reisen.

Ich muss gestehen, ich hatte hier etwas ganz anderes erwartet. Tanja Paar hat durchaus eine angenehme Art zu schreiben und v.a. die historischen Begebenheiten und Schauplätze rund um den Bau der Bagdadbahn und das Leben in Anatolien fand ich richtig interessant! Paar schildert dem leser hier ein Leben, das ganz anders ist, als unseres und sie lässt Orte voller Farben entstehen. Leider konnten mich jedoch die Figuren überhaupt nicht berühren. Die Geschichte wird oftmals sehr verworren erzählt, immer wieder gibt es große Zeitsprünge, wo ich mir mehr Tiefe gewünscht hätte. Abseits vom historisch interessanten passiert auch leider nicht allzu viel interessantes in diesem Buch. Der Leser begleitet die einzelnen Familienmitglieder auf ihrem Weg aber auch hier fehlt es mir irgendwie an Tiefe, ihre Schicksale waren mir selbst am Ende noch ziemlich egal. Auch von den Nebencharakteren sticht keiner so wirklich hervor. Interessante Ansätze, aus denen man etwas hätte machen können, werden oft nicht weiter verfolgt, was ich ziemlich schade fand.

Am Ende hätte ich es wahrscheinlich besser gefunden, wenn sich die Autorin vielleicht auf einen Aspekt konzentriert hätte, das leben in Anatolien und Maria als vorausschauende Frau oder das Leben der Kinder und ihre Erlebnisse während des 1. Weltkriegs bzw. danach. Dieses Buch findet sicherlich seine Liebhaber, meins war es leider nicht.
Profile Image for Lena.
53 reviews1 follower
October 20, 2020
*Rezensionsexemplar*

1896 bricht Maria hochschwanger nach Anatolien auf und überrumpelt den werdenden Vater Wilhelm damit komplett. Dieser hatte sich nämlich heimlich dorthin aufgemacht um an der Bagdadbahn, die Berlin mit Bagdad verbinden sollte, zu arbeiten.

Ein Paar, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte, baut sich eine gemeinsame Existenz in der Ferne auf. Maria, freiheitshungrig und unabhängig, kann endlich aufatmen und leben. Wilhelm der seine Bleistifte akribisch nach der Stärke ordnet, ist fasziniert von der eigensinnigen Frau.

Doch bald machen sich die Umstürze der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts bemerkbar: Die Söhne von Maria und Wilhelm wachsen als Bürger des osmanischen Reichs auf und haben nahezu keinen Bezug mehr zur Heimat. Doch dann bricht der erste Weltkrieg aus.

Was bedeutet der Krieg für die beiden Söhne in wehrpflichtigem Alter? Wohin gehört Marias Familie eigentlich und wo kann sie bleiben?



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Tanja Paar zeichnet mit der Figur von Maria eine unglaublich starke, eigensinnige und freiheitsliebende Frau, die der Geschichte bereits von Anfang an eine pulsierende Atmosphäre verschafft und ihre Leserinnen und Leser in ihren Bann zieht. Die Lebensumstände der Familie werden sehr schön beschrieben und man kann sich wunderbar in sie einfühlen.

Auch die Geschichte an sich wird behutsam entwickelt, enthält viele implizite Bedeutungen, die zum Nachdenken anregen und aufwühlen.

Am Besten gefallen hat mir persönlich die Entwicklung, die alle Figuren in "Die zitternde Welt" durchmachen. Was Schicksalsschläge und Umstürze aus und mit Menschen machen können wird einfühlsam und doch bestürzend realistisch beschrieben.

Ein sehr berührendes und auf jeden Fall aufwühlendes Buch, das ich aufgrund seiner Tiefe nur empfehlen kann, und das mich auf jeden Fall noch etwas länger beschäftigen wird.
103 reviews
October 1, 2020
Die zitternde Welt von Tanja Paar beschreibt die Familiengeschichte eines ungewöhnlichen Paares. Maria reist 1896 hochschwanger dem Vater ihres Kindes, Wilhelm nach Anatolien hinterher und beginnt dort mit ihm ein neues Leben in wilder Ehe. Ein Zitat aus dem Buch beschreibt meiner Meinung nach die Beziehung besonders gut: "Maria war wie der Drache in der Luft, er ihr Gewicht am Boden. Dazwischen eine dünne Schnur, die manchmal gefährlich surrte und sie doch hielt und ihr Richtung gab. Ohne ihn, das wusste sie, wäre sie abgehoben und zerschellt. (S.105)"

Auf nur 300 Seiten bringt uns Tanja Paar die Lebensgeschichte der beiden mit eindringlichen Szenen und Dialogen nah. Die ausgewählten Szenen sind reduziert auf das Wesentliche, jede trägt dazu bei einen Charakter kennenzulernen. Für mich war das Buch eine Liebe auf den zweiten Blick, im ersten Teil musste ich noch warm werden mit dem Erzählstil der Autorin. Während der erste Teil vor allem das Leben von Maria und Willhelm beschreibt, die in Anatolien trotz aller Unterschiede ein glückliches Leben aufgebaut haben, entfaltet sich im zweiten Teil der tragische Teil der Geschichte und der Blick richtet sich auf das Leben der Kinder. Zwei Weltkriege beeinflussen das Geschehen stark, doch manchmal entscheiden kleine Momente über das Schicksal.

Die zitternde Welt ist kein Buch, das man so nebenher liest, viel steht zwischen den Zeilen. Vor allem der zweite Teil hat mich jedoch in seinen Bann gezogen. Das Cover finde ich sehr passend gewählt: Es zeigt einen auf dem Kopf stehenden Orangenbaum und auch für Maria steht die Welt im Buch plötzlich auf dem Kopf.

46 reviews
November 12, 2020
Eine ungewöhnliche Familiengeschichte
Als die Österreicherin Maria bemerkt, dass sie schwanger ist, macht sie sich auf den Weg zu ihrem Liebhaber: Wilhelm arbeitet in Anatolien für die dortige Eisenbahn, die eines Tages quer durch das osmanische Reich von Istanbul bis nach Bagdad. Doch der 1. Weltkrieg zerstört nicht nur diesen Traum, sondern auch Marias Familie zerbricht.
Das gewählte Thema – eine Familiengeschichte rund um den ersten Weltkrieg und den Bau der Bagdadbahn – ist sehr spannend und außergewöhnlich. Als Leser begleiten wir nicht nur Maria in den ersten Jahren in Anatolien, wo sie sich als westliche und eigenständige Frau gegen die sittlichen Vorstellungen zurecht finden muss, sondern auch später ihre erwachsenen Kinder. So gelingt es der Autorin, auf nicht einmal 300 Seiten ein generationenübergreifendes Portrait einer ungewöhnlichen Familie zu zeichnen.
Sehr gut beschrieben werden auch die innerlichen Konflikte der einzelnen Familienmitglieder. Maria, die immer mit ihrem Leben in Anatolien hadert, weil sie sich als Frau nicht respektiert fühlt, dennoch niemals nach Österreich zurückkehren möchte. Wilhelms Herz schlägt nicht nur für seine Frau und seine Familie, sondern auch für die Eisenbahn. Als dieser Lebenstraum aufgrund des heranbrechenden Krieges verloren zu sein schein, zerbricht auch er. Und auch die drei Kinder des Paares haben es auf ihrem Weg durch die Welt alles andere als einfach und müssen schwere Schicksalsschläge überstehen.
Insgesamt ist „Die zitternde Welt“ ein wirklich lesenswertes Buch, dass das Schicksal einer Familie mal aus einer ganz anderen Sicht beleuchtet und damit wirklich empfehlenswert.
183 reviews
November 22, 2020
Hoffnungsvolle Geschichte einer starken Frau

Maria ist hungrig – lebenshungrig: Sie will spüren, frei sein, lieben. Hochschwanger reist sie 1896 nach Anatolien und überrumpelt damit den werdenden Vater. Wilhelm hat sich heimlich dorthin aufgemacht, um als Ingenieur am Bau der Bagdadbahn zu arbeiten, die Berlin mit Bagdad verbinden soll. Er, der seine Bleistifte stets streng nach deren Stärken ordnet, ist fasziniert von der eigensinnigen und unberechenbaren Frau. Fernab der trüben Enge des Dorfes, aus der Maria stammt, leben die beiden in der anatolischen Freiheit in wilder Ehe. Maria will ihren Körper nicht in ein Korsett schnüren lassen – sie trägt wallende Reformkleider, blickt in Liebesdingen über den Beziehungsrand hinaus und saugt mit jedem Atemzug genüsslich die fühlbare Weite der Landschaft ein. – Sie ist endlich angekommen.

Fazit:
Geschrieben ist das Buch mit ausgesprochen viel Gefühl und Emotionen zwischen den Zeilen, und ds ist für mich das herausragende an diesem Buch.
Man fühlt so richtig mit - man wird in den Bann gezogen.
Ohne diesem tiefgehenden Schreibstil, hätte mich das Buch nicht so in den Bann gezogen. Inhaltlich ist es auch recht interessant, aber für mich wäre das zu wenig gewesen. Ein bisschen wir Tausend und eine Nacht.
Schön finde ich auch, dass man das Zerbröckeln der Familie richtig gut dargestellt bekommen hat - man hat einfach alles hautnah miterlebt.
28 reviews
October 18, 2020
Porträt schwankender Zeiten

Ich habe die Lektüre des Buches mit sehr gemischten Gefühlen beendet. Einerseits ein interessantes Zeitporträt des ausgehenden 19. Jh. und des beginnenden 20. Jh. über zwei Generationen hinweg. „Die zitternde Welt“ trifft es sehr gut; alles ist unsicher in dieser Umbruchszeit und Staatsgrenzen, Namen und Traditionen zerbrechlich. Durchaus interessant und unterhaltsam geschrieben, mit einigen sehr starken Charakteren in der ersten Hälfte des Romans. Das Setting in Anatolien am Anfang der Geschichte hat mir gut gefallen, man kann sich sofort gut in die Probleme der österreichischen Auswandererfamilie hineinversetzen und hat ein wenig Karl-May-Feeling. Andererseits auf die Dauer ermüdend durch die ständige Wiederholung gewisser Begriffe (Bagdadbahn konnte ich irgendwann nicht mehr hören, da geht es mir so wie Marie im Buch). In der zweiten Hälfte, gefiel mir die Charakterentwicklung nicht mehr; offensichtlich war diese Entwicklung von der Autorin gewollt, aber für mich einfach uninteressant und langweilig zu lesen. Das Ende dann auch wieder irgendwie unbefriedigend.
Insgesamt ein Buch, das man schon lesen kann, ganz besonders, wenn man historischen Romanen dieser Zeitepoche Interesse hat. Mir persönlich hätte aber nichts gefehlt, wenn ich das Buch nicht gelesen hätte. Viel erinnernswertes steckt für mich nicht drin.
74 reviews
September 27, 2020
Ungewöhnlicher Schauplatz

Normalerweise erwähne ich das Cover eines Buches bei einer Rezension ja nicht, aber die Farbgebung ist hier wirklich außergewöhnlich schön. Hinzu kommen noch ein gelber Buchsschnitt und ein grünes Lesebändchen. Optisch wirklich ein Genuss.

Aber auch inhaltlich kann das Buch durchaus überzeugen. Wir befinden uns im Jahr 1899 in Anatolien bei einer österreichischen Familie, deren Familienoberhaupt als Ingenieur beim Aufbau der Bagdadbahn beteiligt ist. Seine starke und fast schon aufsässige Frau ist ihm hochschwanger nachgereist und wird in Anatolien in den nächsten Jahren drei Kinder zur Welt bringen. Der Beginn des ersten Weltkrieges wird die Familie aber auseinanderreißen und aus ihrer neu gewonnen Heimat vertreiben.

Mir hat der recht ungewöhnliche Schauplatz sehr gut gefallen. Anatolien, das osmanische Reich, die Bagdadbahn – alles Themen, mit denen ich mich bisher so gut wie gar nicht beschäftigt habe. Historisch wirklich interessant und es hat mich angeregt, auch mal die ein oder andere Dokumentation dazu anzusehen.

Eine österreichische Familiengeschichte an einem ungewöhnlichen Schauplatz.
9 reviews
November 12, 2020
Ich hatte mir von dem Klappentext und der Leseprobe so viel mehr erwartet. Für mich klang alles nach einer starken Frau, die in dieser Zeit ihren eigenen Weg geht. Doch irgendwie geht es zwar schon um sie aber dann halt doch nicht ganz.
Für mich war die Geschichte teilweise ziemlich zusammenhanglos. Klar der Zusammenhang der Familienband war gegeben, aber so mancher Wechsel war einfach plötzlich.
Dieser ständige plötzliche Sichtwechsel, der erst ab circa der Mitte des Buches passiert, hat mich verwirrt. Weiters hat das dazu geführt, dass das Buch für mich ein bisschen unfertig wirkte. Als hätte man vergessen die Übergänge zu verfeinern. Oder als wäre es egal, dass das Buch einfach keinen roten Faden hat.
Leider fand ich das Buch stellenweise ziemlich langweilig. Es gab schon ein paar gute und spannende Ansätze, aber diese wurden leider nicht weiterverfolgt.
Auch die Charaktere waren mir überhaupt nicht sympathisch, aber vielfach waren sie für mich einfach zu unausgegoren.
Alles in allem war es eine Enttäuschung. Ich hatte anders nach Lesen des Klappentextes erwartet.
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Profile Image for Forti.
51 reviews
September 26, 2020
Tanja Paar hat die Geschichte einer ungewöhnlichen Familie aufgeschrieben. Offenbar ist es die Geschichte ihrer eigenen Familie – oder zumindest von dieser inspiriert –, denn die Familie trägt den gleichen Nachnamen wie die Autorin.

Das österreichische Paar Maria und Wilhelm lebt um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Anatolien. Dort erleben sie die Umbrüche rund um das Ende des Osmanischen Reiches. Das war durchaus interessant und spannend zu lesen. Anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges kehrt die Familie mit ihren drei Kindern nach Österreich zurück. Auch die Identitätssuche zwischen den Kulturen, die alle Familienmitglieder prägt, fand ich sehr interessant.

Insgesamt konnte mich das Buch dennoch nicht restlos überzeugen. Erzählt wird manchmal sehr sprunghaft, sodass ich das Gefühl hatte, dass manches auf der Strecke blieb.
Profile Image for Valerie.
308 reviews11 followers
October 25, 2020
Spannende Familiengeschichte

Nachdem Wilhelm heimlich nach Anatolien gereist ist, um als Ingenieur für die Bagdadbahn zu arbeiten, reist Maria ihm kurzerhand nach. Es ist 1896, sie ist hochschwanger – viele Optionen hat sie in Wien als unverheiratete Frau damals nicht. In Anatolien leben die beiden glücklich in wilder Ehe. Ein großes Haus, genug Geld, Bedienstete – mehr, als in Wien je möglich gewesen wäre. Ihre drei Kinder wachsen als Bürger des Osmanischen Reich auf, sprechen Türkisch und Deutsch und lernen Französisch. Doch mit dem ersten Weltkrieg ändert sich plötzlich alles: die Familie muss zurück nach Österreich. Doch das ist gar nicht so einfach, da die zwei Buben als Bürger des osmanischen Reichs wehrpflichtig sind… Und so beginnt eine abenteuerliche Flucht und eine Suche nach einer Heimat, die die drei Kinder nie als solche kannten.

Ich habe dieses Buch wahnsinnig gern gelesen. Vor allem die erste Hälfte des Buches hat es mir angetan. Der Schreibstil von Tanja Paar gefällt mir. Sie schreibt mitreißend und mit österreichischem Flair. Immer wieder gibt es Zeitsprünge, so dass man manchmal für die Geschichte wichtige Ereignisse erst etwas später mitkriegt. Wenn man über das Buch liest, liest man immer wieder über Maria als „die starke Frau“. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, was hiermit gemeint ist. Maria ist für mich nicht stärker als viele andere Frauen ihrer Generation. Das einzig starke war wohl, allein und schwanger nach Anatolien zu reisen, als ihr nichts anderes übrigblieb. Es handelt sich also keineswegs um ein feministisches Buch. Insgesamt gefiel mir der zweite Teil der Geschichte nicht ganz so gut. Nur so viel: ein happy end gibt es in diesem Buch nicht. Dennoch sehr lesenswert und eine sehr begabte Autorin!
Profile Image for Kathrin.
91 reviews3 followers
October 6, 2020
Diese Geschichte hat mich gefesselt und begeistert! Das Leben im Osmanischen Reich, der Umbruch des Weltkrieges, seine Folgen und die Versuche wieder zu einem geregelten Leben zurück zu finden!
Profile Image for Linda Neubauer.
50 reviews
November 11, 2020
So schön das Cover ist und sich farblich in Buchschnitt und Lesezeichen widerspiegelt, so schwach fand ich den Inhalt des Romans. Maria folgt Wilhelm hochschwanger nach Anatolien und führt fortan ein Leben in wilder Ehe an seiner Seite mit fremden Sitten und Gebräuchen. Mag sein, dass Marias Entschluss, alleine und ohne Sprachkenntnisse in ein fremdes Land aufbricht, selbstbestimmt ist, aber alles, was darauf folgt, ist es nicht. Ständig hatte ich das Gefühl, dass sie sich bei allem dem Willen ihres Mannes unterwirft, denn wie die große Liebe wirkt es zwischen den beiden nie: Bleibt sie lediglich an seiner Seite, weil sie nicht mehr zurück kann? Auch die Affäre, die sie nur aus purer Langeweile beginnt, hat für mich wenig mit Selbstbestimmung zu tun.
Sobald die Geschichte fast ausschließlich nur noch von der Geschichte ihres Sohnes handelte, hatte der Roman den Reiz für mich komplett verloren. Die Handlung plätschert so vor sich hin, ohne dass sich wirklich etwas ereignet. Ich musste mich richtig dazu zwingen, den Roman zu Ende zu lesen. Leider konnte mich der Roman daher überhaupt nicht überzeugen. Schade!
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