Jens Jüttner war ganz „normal“ in seiner Zeit unterwegs. Führte ein Leben wie tausende anderer Menschen bis er „aus der Zeit fiel“. Und zehn Jahre seines Lebens investierte, um wieder in die Zeit zurückzufinden.
Bei diesem Buch handelt es sich um einen ehrlichen Erfahrungsbericht . Er erzählt schonungslos und frei von jeglichen Allüren , was ihm Unglaubliches widerfahren Über zehn Jahre lang hatte er unter den Symptomen der paranoiden Schizophrenie zu leiden. Es gab gute und schlechte Jahre – mehr schlechte. Er beendete sein Studium, heiratete und wurde Vater – und litt währenddessen unter Anfällen, Verfolgungswahn, bleierner Antriebslosigkeit und den Nebenwirkungen seiner Medikamente.
Mit seiner pragmatischen und informativen Herangehensweise macht Jens Jüttner vor allem Betroffenen und ihren Angehörigen Mut, die Hoffnung nie aufzugeben.
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch, da ich selbst in einer besonderen Wohnform für psychisch erkrankte Personen arbeite und daher täglich mit der Erkrankung Schizophrenie konfrontiert werde.
Insgesamt finde ich das Buch sehr gut und verständlich geschrieben. Als Person, die solche „Wahrnehmungsverschiebungen“, wie der Autor sie nennt, nicht hat, kann man sich die Erkrankung kaum vorstellen. Das Buch hat definitiv mein Verständnis für die Erkrankung und die Symptome gefördert.
Der einzige Kritikpunkt, weshalb ich diesem Buch „nur“ 4 Sterne gebe: Der Autor spricht in einem Satz von einem „sehr schweren Verlauf“ und im nächsten Satz davon, wie er währenddessen das Staatsexamen geschrieben hat und als Anwalt tätig war.
Ich weiß, dass er diese Tätigkeit schließlich aufgegeben hat & extrem überfordert damit war, dennoch sehe ich meine Klient*innen, welche basically zu nichts mehr fähig sind (angefangen bei Körperpflege, über Selbstreflexion, ganz zu schweigen von einer beruflichen Tätigkeit). Und das über einen sehr langen Zeitraum (Jahre oder Jahrzehnte). Ich sehe täglich Menschen die seit Jahren nicht mehr fähig sind ihr Leben selbstbestimmt zu leben, was für mich einen wirklich schweren Verlauf kennzeichnet. Damit möchte ich dem Autor selbstverständlich nicht seine individuellen Erfahrungen und Gefühle absprechen, ich denke schon, dass er sicherlich stark unter der Schizophrenie gelitten hat und auch viel verloren hat.. dennoch ist er, nicht zuletzt durch seine finanzielle und familiäre Situation in einer privilegierteren Lage als manch anderer (obwohl der Autor dies ja bereits weiß). Auch seine Intelligenz hat meiner Meinung nach einen sehr positiven Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung und vor allem dem Weg heraus gehabt. Aber auch damit sind leider nicht alle Personen ausgestattet und nicht jeder hat dieses Maß an Reflexionsfähigkeit.
Eine andere Frage, die ich mir gestellt habe: Der Autor spricht am Ende davon, dass er Personen in seinem Umfeld erzählt hat, er „hatte“ Schizophrenie. Darauf haben die Personen gut reagiert. Mich würde interessieren, wie die Personen reagiert hätten, wenn er gesagt hätte er „hat“ Schizophrenie und wenn Symptome dazu aufgetreten wären. Leider glaube ich, dass die Reaktionen dann negativer ausgefallen wären..
Ich wünsche dem Autor alles Gute. Vielen Dank für dieses tolle Buch!
Ein etwas anderes Buch! Auch wenn ich persönlich nicht von Schizophrenie betroffen bin und auch keine erkrankten Personen kenne, fand ich das Buch sehr spannend. Die Krankheit ist mit so vielen gesellschaftlichen Stigmata behaftet - Gewalt, Verrücktheit, Unzurechnungsfähigkeit -, dass ich es sehr interessant fand zu erfahren, wie es sich eigentlich anfühlt, wenn man schizophren ist. Mal kurz in eine andere Rolle schlüpfen. Das Buch enthält auch sehr viele medizinische Hinweise und ist daher ein gutes Buch für Betroffene oder Angehörige.