Wenn man einen Blick in das Literaturverzeichnis von „Injury Impoverished“ wirft, dann ahnt man bereits, was einen erwartet: Nate Holdren hat die Quellen ganz nach Foucaultschem Gusto gewühlt und ist nach der Lektüre hunderter (tausender?) Gerichtsprotokolle, Arztberichte und Versicherungstabellen mit einem Buch aus dem Archivkeller gestiegen, das einiges bewerkstelligt.
Gegenstand sind Unfälle, Verletzungen und Tod bei der Arbeit im frühen 20. Jahrhundert und die Frage: Wie wird damit umgegangen?
Holdren stellt zwei „Tyranneien“ dar, die den Umgang mit verletzten Arbeitern und deren Angehörigen zu dieser Zeit leiten: Die (frühere) „tyranny of the trial“ der Gerichtsprozesse, bei der die Geschädigten vor dem Gesetz um eine „angemessene“ Entschädigung kämpfen müssen, ihr Leid als Indiz ausschlachten müssen, beweisen müssen, dass der Arbeitgeber für ihre Verletzungen verantwortlich sind. Diese Prozedur wird durch die standardisierte „tyranny of the table“ der Versicherungsgesellschaften abgelöst, die vermeintlich mehr Sicherheit gibt, wobei sich herausstellt, dass diese Sicherheit vor allem eine Sicherheit der Kapitalisten ist.
Die Frage die sich durch das ganze Buch zieht ist: Kann man überhaupt den Verlust eines Körperteils, den Verlust eines Angehörigen in Geld aufwiegen? Nate Holdren beantwortet die Frage vor allem implizit, durch die gewählte Darstellungsform. Es werden hier nicht nur Daten genannt, Fakten gelistet, sondern vor allem auch Namen und Geschichten von Verletzten und Gestorbenen genannt. Die Größenordnung der Arbeiter die „on the Job“ Unfälle erleiden, während sich Unternehmer aus der Verantwortung schleichen soll klar werden aber auch die Singularität jedes einzelnen Falls.
Das Buch insgesamt ist mehr oder weniger gelungen, wobei das mehr überwiegt. Es ist vor allem ein aufschlussreicher Einblick in die Ökonomisierung menschlichen Leidens im 20. Jahrhundert, theoretisch ist das Buch nicht besonders dicht aber es finden sich viele gute Ansätze. Schade ist dass eine Anbindung an heutige Situationen etwas zu kurz kommt – das würde aber wahrscheinlich auch den Umfang einfach sprengen.