Der etwas schrullige Mr. Widow betreibt in einer deutschen Großstadt einen Verleih ganz besonderer Art: bei ihm kann man sich eine seiner etwa 40 Katzen ausborgen. Gründe dafür gibt es viele. Nicht nur Einsamkeit und Tierliebe spielen da eine Rolle, sondern es gibt auch Schriftsteller, die Katzen als Inspiration ausleihen, oder eine Buchbloggerin, die ihre Videos gerne mit einem hübschen Katzentier garniert.
Eines Tages findet Mr. Widow in einem Müllcontainer nicht nur einen Wurf ausgesetzter Katzenbabys, sondern eine ausgewachsene Frau, die sich dort versteckt hat. Sie ist auf der Flucht aus ihrem alten Leben und weiß nicht, wo sie hin soll. Die Begegnung mit Mr. Widow scheint ihr ein Zeichen zu sein, dass sie von vorne anfangen kann oder soll. Sie gibt sich einen neuen Namen und ist froh, dass der ungewöhnliche ältere Herr ihr ohne Wenn und Aber Unterschlupf anbietet, und umgekehrt ist der schon ein wenig gebrechliche Gastgeber froh, wenn Nancy, wie sie nun heißt, ihm Botengänge (d. h. die Zustellung und Abholung der Leihkatzen) abnimmt.
Das könnte alles wundervoll und idyllisch sein, wenn sich Nancy nicht immer wieder von ihrem rachsüchtigen Ex verfolgt fühlte und wenn Mr. Widows Enkelin ihr nicht so feindselig gegenüberstünde. Offenbar ist Hannah eifersüchtig auf diese andere junge Frau im Leben ihres Großvaters und lässt keine Gelegenheit aus, ihre Abneigung kundzutun. Und dann verschwinden auf einmal Katzen ...
Schon auf den ersten Seiten ist klar, dass man hier kein hyperrealistisches Buch vor sich hat, sondern eher ein stimmungsvolles Märchen für Erwachsene. Ein bisschen zu gut sind die Guten und zu böse die Bösen (derer es hier mehr gibt als man anfangs annehmen würde), ein wenig überzeichnet und manchmal auch etwas klischeehaft die meisten Charaktere. Aber wenn man sich darauf einlässt, taucht man in eine trotz aller Bedrohungen heimelige und ein stückweit heile Welt ein voller Katzencharakterköpfe, exzentrischer Menschen, Bücher, Kunstwerke und natürlich Teatime mit Earl Grey, (steinharten) Scones und (ungenießbarer) Orangenmarmelade.
Allerdings haben mir die Beschreibungen des Katzenverleihalltags, der wachsenden Freundschaft zwischen Nancy und Mr. Widow, der Begegnungen mit den Kunden und der (manchmal ein bisschen arg menschelnden, aber dennoch unterhaltsamen) Macken und Eigenheiten der Samtpföter deutlich besser gefallen als die Spannungsaspekte der Handlung. Die Sache mit den verschwundenen Katzen und deren Auflösung fand ich nur in Teilen gelungen, vieles war mir zu wirr und unausgegoren und auch zu überdreht-unrealistisch. Der eigentliche Showdown hat mich aber dann doch in Atem gehalten und ich mochte auch das Ende, das ein paar kleine Überraschungen bereithält.
Insgesamt also ein etwas gemischtes Urteil, aber unbestritten hat das Buch einen ganz eigenen Charme dank der vielfältigen Katzenschar und auch dank eines gewissen Wortwitzes, über den ich öfter mal grinsen musste.