Überhebliche, selbstgefällige Ich-Erzählerin zieht konstant über "dicke" und "dumme" Mitmenschen her
Claerie war schon in Band 1 schwer zu ertragen, weil sie etwas höhnisches und gemeines an sich hat, was jedoch immer wieder dadurch relativiert wird, das die Charaktere, über die sie sich lustig macht, weniger schlank, weniger hübsch, weniger klug und dann auch noch weniger freundlich sind als Claerie. Tatsächlich ist das mit der Freundlichkeit schon weit hergeholt, wenn man bedenkt, wie Claerie ihre Stiefschwestern beschreibt: Kanickla ist die grenzdebile, kleinkindlich vernunftbegabte Fette, die immer wieder auf ihr Gewicht ("bummbummbumm machen ihre Schritte") und ihre Essgewohnheiten reduziert wird. Man sieht Kanickla selten ohne ein Stück Gebäck in der Hand, und ihre Sätze sind kurz und dumm.
Etzi ist die hochnäsige Schnepfe, die kein normaler Mann zwei Mal ansehen würde uns die absolut keine Freundinnen hat. Kaum klüger als Kanickla sagt sie entweder etwas abfällig-dämliches oder zitiert eine pathetische Passage aus den Theaterstücken eines schrecklichen Poeten, von dem Claerie überhaupt nichts hält. Etzi wird dadurch immer wieder zur Lachnummer, während der Leser den ständigen Kommentaren von Claerie folgen muss, die sich offenkundig für etwas viel Besseres hält, aber nicht die Selbstwahrnehmung besitzt, um festzustellen, dass Selbstgefälligkeit und Arroganz nicht nur Etzis schlechte Eigenschaften sind, sondern auch ihre eigenen.
Fairerweise muss man sagen, dass ich Etzis fanatische Begeisterung für den fiktiven Poeten Bandit Borger-Schelly amüsant fand und ihr dadurch mehr charakterliche Tiefe zuteil wurde als in Band 1.
Jedoch kam mir das Body-Shaming und Fat-Shaming und Stupid-Shaming von Claerie gegen ihre Stiefschwestern noch ausgeprägter vor als noch im letzten Band. Das halte ich für sehr schädlich für die doch sehr jungen Leser dieser Reihe.
Dass Hässlichkeit mit Bösem und Schönheit mit Gutem gleichgesetzt wird, ist schon in alten Märchen ein fataler Missstand. Die hässliche Schwester ist gemein, dumm und neidisch. Die schöne Schwester ist klug und freundlich. Sie allein ist schon seit ihrer Geburt mit einem schönen Gesicht gesegnet und damit für eine glorreiche Zukunft prädestiniert, während das hässliche oder gar übergewichtige Mädchen von Anfang am nichts zu erwarten hat, denn sie wird doppelt bestraft: einmal für ihren Körper, der sie zur Aussetzigen in der Gesellschaft macht und dann zum zweiten Mal, wenn sie sich mit ihrem Fehlverhalten endgültig disqualifiziert.
Dass die bösen Stiefschwestern hässlicher sind als Aschenputtel und noch dazu gemein und egoistisch und blöd ist ein altes Motiv. Meiner Meinung nach ist es aber ein sehr schädliches Motiv, weil hier junge Frauen in ganz besonders boshafter Weise gegeneinander ausgespielt werden. Insbesondere Kanickla ist in diesem Band das größte Opfer, und ihr Portrait als extrem dummer hungriger Elephant im Porzellanladen ist eines, was ich einem jungen Mädchen, wäre sie selbst übergewichtig, nicht zumuten wollen würde.
Kanickla ist der Inbegriff dessen, worauf fiese Grundschüler ihre übergewichtigen Mobbingopfer reduzieren: es reicht nicht, dass sie dick sind. Es müssen noch Verfressenheit (in der Gesellschaft oft als Gier und Charakterschwäche gedeutet) und Verblödung (wann gab es jemals eine hochintelligente fette Heldin?) hinzukommen.
Fat-Shaming ist nie das eindimensionale Urteilen gegenüber dem dicken Bauch (was schlimm genug wäre und verletzend), sondern es kommen die Dimensionen der Persönlichkeit und der Intelligenz hinzu.
Kanickla deckt alle drei Dimensionen ab: sie ist dick, sie frisst permanent und ohne jede Eleganz und sie ist der mit Abstand unintelligenteste Charakter in der ganzen Serie.
Onomatopäen wie "bummbummbumm", um zu verdeutlichen, dass Kanickla das Gegenteil von Grazilität ist, verstärken den Eindruck, dass sie fast schon kein Mädchen mehr ist - sondern ein "Trampeltier".
In Amerika wird die Debatte um Fat-Shaming, und das man es unterlassen sollte, ein zu hohes Körpergewicht mit einem Makel der Persönlichkeit und Fähigkeiten gleichzusetzen.
Offenbar gibt es in Deutschland noch nicht genug Awareness dafür, was es für ein dickes Kind bedeutet, nicht nur in der Schule auf sein Gewicht hingewiesen zu werden, sondern auch immer wieder über dicke Nebencharaktere zu lesen, die nicht schlau sind und nicht hübsch und die immer nur "fressen". Das verdeutlicht den Kindern, dass sie abnehmen müssen, sonst können sie nicht zu den guten gehören, oder schlau sein, oder überhaupt geliebt werden. Dabei können sind nicht alle dicken Kinder verfressene Gierschlunde (viele werden einfach von den Eltern mit leeren Kohlenhydraten abgefüttert, manche haben Gesundheitsprobleme oder Bewegungamangel), und ihre Intelligenz ist so divers und ihre Persönlichkeiten und Interessen so unterschiedlich und kreativ wie bei allen anderen Kindern.
Natürlich machen viele Bücher den Fehler, dicken Charakteren zu wenig tiefe zu geben. Aber Kanickla finde ich schlimmer als andere Beispiele, weil bei ihr alles zusammenkommt: der schreckliche Name, den man keinem Hamster geben würde, die fehlende Persönlichkeit, die Verfressenheit, die Debilität, die Versessenheit der Beschreibungen auf fettige Finger und das bummbummbumm der Schritte, und der ständige Vergleich mit der klügeren, schöneren, beherrschteren, würdigeren Claerie.
Man könnte bei dieser Gegenüberstellung wirklich meinen, dass die Message ist, dass dicke Mädchen, wie schon in den alten Märchen, einfach von vorneherein nichys positives zu erwarten haben. Dumm und unbeholfen sind sie ja zwecks ihrer Unattraktivität.
Leider ist Fat-Shaming nicht das einzige Vergehen in diesem Buch, sondern Claerie und ihre Anti-Feministische Nachricht der Abhängigkeit von ihrem Liebhaber an die Leserschaft ist ein riesiges zusätzlichds Problem.
Während es sich in der Sumpflochsaga derselben Autorin immer wieder um Themen wie Mädchenfreundschaften und Empowerment dreht, ist Claerie das diametrale Gegenbeispiel.
Im ersten Band heiratete sie einen Prinzen, den großartigen Zauberer Ysper. Dieser lässt Claerie in diesem Band nach ein paar Besuchen bei ihr Zuhause und schmachtenden Worten und Küssen prompt und ohne Erklärung sitzen. Und das auch noch offiziell!
Die beiden haben trotz Hochzeit nie zusammen gelebt, also dürfte sich die Überraschung in der Öffentlichkeit in Grenzen gehalten haben. Aber trotz der Ächtung, die nicht auf sich warten lässt, ist Claerie unverzagt. Ysper liebt sie (das sagen seine Küsse!) und es gibt mit Sicherheit eine gute Erklärung für alles!
Die Erklärung jedoch lässt auf sich warten, und Claerie schmachtet. Schmachtet und leidet und liebt, während Ysper irgendwo irgendwelche Dinge tut, ohne ihr Bescheid zu geben, was zur Hölle los ist.
Im positiven Sinne könnte man sagen: Claerie ist loyal. Vielleicht könnte man es sogar selbstbewusst nennen, wie verbissen sie trotz gewaltiger Gegenbeweise an der Gewissheit festhält, dass Ysper sie in Wahrheit liebt (und es gewiss eine Erklärung gibt!).
Und durchaus war das sicher die Intention der Autorin: dass Claerie sich nicht beirren lässt. Eigentlich eine positive Eigenschaft, die vielen unsicheren, zweifelnden Heldinnen fehlt.
Aber eine Sache wurde dabei komplett vergessen: nämlich, dass Claerie nicht nur fest an Yspers Liebe glaubt, sondern ihm auch vorschussweise, ohne dass er es durch sein undurchsichtiges Verhalten verdient hätte, einen Blanko-Scheck der Vergebung ausstellt.
Und da sieht man, dass Claerie nicht an sich selbst glaubt, sondern vor allem für ihre Beziehung bereit ist, alles wegzustecken. Zu schlucken und zu nicken, immer wieder. Vielleicht, weil Ysper ein Prinz ist. Oder ein großartiger Zauberer. Oder der hübscheste Mann der Welt.
Oder ... weil Claerie in Wahrheit nicht das Rückrat besitzt um Ysper Paroli zu bieten. Nachdem er hunderte Seiten und Wochen später endlich seine lang ersehnte, völlig legitime Erklärung bietet, warum er sie hat sitzen lassen, hätte Claerie ihm sagen können: bis hierhin und nicht weiter. Deine Begründung ist schön und gut, aber du hättest das kommunizieren müssen.
Weil erwachsene, gleichberechtigte, liebende Partner miteinander sprechen müssen, wenn sie notwendige Entscheidungen treffen, die den anderen verletzen und verunsichern.
Yspers "Vertrauen", dass Claerie weiß, dass er sie liebt, rechtfertigt in keinster Weise seine unfaire Aktion, mit der er alles Wissen hatte und sich entschied, es für sich zu behalten - dabei in Kauf nehmend, dass Claerie sich mies fühlt.
Und Claerie akzeptiert das. Und es wird hier als Stärke verkauft. Das ist aber keine Stärke. Das ist keine Beziehung, die ich führen wollen würde.
Übrigens gab es ab und an ähnliche Aktionen von Hanns gegenüber Scarlett in der Sumpflochsaga. Der Unterschied? All diese undurchsichtigen Tricksereien geschahen, bevor die beiden überhaupt zusammen waren, oder dann, wenn absolut keine Möglichkeit bestand, eine Nachricht zu verschicken (gleiches galt für Maria, als sie eine folgenschwere Entscheidung treffen musste, ohne Gerald kontaktieren zu können).
Claerie und Ysper sind verheiratet und angeblich super verliebt und es gab nur Alibi-Gründe, wieso Ysper nicht hätte erklären können, was er vorhat. Das muss anders gehen.
Fazit: verletzendes Fat-Shaming, anti-feministische Message an Leserinnen, dass sie ihrem hotten Freund alles durchgehen lassen müssen. Nein danke.