Habe mich seinerzeit redlich gemüht, dieser Odysseus-Aufwärmung im Stil der 1950er was abzugewinnen. Wirkte seinerzeit ziemlich abgestanden auf mich. Das Cover war noch das Beste daran. Das Phänomen der Flucht in den Mythos war mir seinerzeit nicht bewusst, von daher fehlte mir wohl der Schlüssel zu einem eventuellen Geheimnis in der Prosa des Hörspiel- und Radiofeature-Pioniers. Die Gedenktafel an das Treffen der Gruppe 47 in Niendorf, die Schnabel als Rundfunkfunktionär ans Ostseebad gelotst hatte, erinnerte mich zehn Sommer lang an schier endlose 170 Seiten. Vielleicht gönne ich mir eines Tages noch mal eine Parallel-Lektüre Homer/Schnabel.
Das nun war ein interessantes Buch. Gelesen im Jahr des Nolan Films 2026 - ein Odysseus Jahr.
Erschienen 1956, erzählt es die Geschichte von Odysseus wie er sie - laut Homer - auf der Insel Scheria den Phaiaken erzählt. Das relativ kurze Buch (168 Seiten) wechselt mit jedem der kurzen Kapitel die Perspektive: Odysseus, Nausikaa, der halbblinde Barde Demodokos - der hier zu mit der wichtigsten Person wird.
Götter und Monster kommen hier nicht vor, niemand wird in Schweine verwandelt (nur ganz verborgen tritt Athene auf), all dies wird ganz prosaisch erklärt. Worum es (soweit ich das sehe) eigentlich geht, ist die Frage: welche Rolle spielt eigentlich Odysseus als Individuum im Kontrast zu all den Geschichten, die schon zu seinen Lebzeiten von ihm erzählt werden? Hat er überhaupt noch eine Chance auf eigenes Handeln, wo das Narrativ über DEN HELDEN ODYSSEUS dank Barden wie Demodokos schon feststeht.
Für die 1950er ein erstaunlich moderner Ansatz. Erstaunlich auch, dass, wie bei Nolan, die Rolle von Odysseus als Kriegsheimkehrer (der 2. Weltkrieg war gerade gut 10 Jahre her) überhaupt keine Rolle spielt. Die späteren 50er Jahre waren auch schon mehr Wirtschaftswunder als direkte Nachkriegszeit - da hat sich der Fokus wohl schon etwas verschoben. Interessant zu spekulieren, was passiert wäre, hätte Borchert ("Draußen vor der Tür") die Odyssee aufgegriffen.