Gehorcht das Leben eines Menschen den Gesetzen eines mathematischen Beweises? Zwei Menschen sitzen sich in einem Verhörraum gegenüber. Dr. Gödeler wird des Mordes verdächtigt, der Staatsanwalt will ihm ebenjenen Mord nachweisen. Doch die Kontrolle über die Verhörsituation verschiebt sich unaufhörlich zugunsten des Verdächtigen. Ein raffiniert konstruierter, spannungsreicher Roman, literarisch vielfältig orchestriert, über Aufstieg und Fall eines Mathematikgenies.
Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, Nachhilfelehrer aus Stuttgart, wird verdächtigt, für das Verschwinden seiner Urlaubsbegleitung Susanne Melforsch verantwortlich zu sein. Ein junger Staatsanwalt möchte den Mathematiker unbedingt des Mordes überführen. Doch es kommt anders. Dr. Gödeler ist über die Maßen auskunftsfreudig. Was der Staatsanwalt zu hören bekommt, ist nicht weniger als die Lebensgeschichte des Verdächtigen. Ein Zahlengenie, dessen Leben stets von der Ekstase diktiert war, sei es in seinen Beziehungen zu Frauen, sei es im Aufgehen in der Mathematik. Als die Untersuchungshaft aufgehoben wird, verschwindet Martin Gödeler spurlos. Was bleibt, ist das Protokoll einer höchst eigentümlichen Existenz, eines Lebens zwischen Genialität und Verwahrlosung.
Dies ist eine Geschichte um einen genialen Mathematiker, seinen Aufstieg und Absturz, es geht um seine Beziehungen zu verschiedenen Frauen im Laufe einiger Jahrzehnte und darum, wie Ereignisse einen Menschen aus der Bahn werfen können. Der Mathematiker wird des Mordes verdächtigt und von einem Staatsanwalt verhört, dem er nach und nach sein Leben erzählt. Der Aufbau des Romans ist kompliziert, vielleicht auch zu stark konstruiert, es wird ständig hin und her gesprungen und der Leser muss aufmerksam bleiben. Dabei lehnen sich die Kapitel an einen mathematischen Beweis durch vollständige Induktion an, d.h. die einzelnen Kapitel haben Titel wie “Induktionsvoraussetzung”, “Induktionsschritt” (hier gibt es mehrere), “Lemma” und “Q.E.D”. Dabei fand ich die Zuordnung nicht immer schlüssig. Mir als Mathematiker haben die Anspielungen auf die Mathematik (bis hin zu bekannten Lehrbüchern) und den Lehrbetrieb sehr gut gefallen, ebenso wie das Stuttgarter Lokalkolorit. Durch den komplexen Aufbau, der die Handlung in einigen Enthüllungen gegen Ende kulminieren lässt, entstand für mich eine ausreichende Spannung. Die Sprache fand ich ausgezeichnet, auch in ihrer Variabilität und Anpassung an die jeweilige Geschehnisse, Gedanken und Personen. Mir hat das Buch sehr gut gefallen.
Kurzmeinung: Man sollte den Lesern mehr Erklärungen anbieten und sich nicht so sehr im Geheimnisvollen, Surrealen oder Hochgeistigem verbeißen.
REZENSION: Michael Wildenhain, das hat er mit seinen Romanen bereits hinlänglich bewiesen, ist ein unbequemer Autor. Er mutet seiner Leserschaft einiges zu. Ob sich die literarische Zumutung auszahlt, ist die Frage. So oder so: in seinen Romanen geht es um das Scheitern der menschlichen Existenz.
Sein neuster Roman „Die Erfindung der Null“ dreht sich um den Loser, insofern natürlich eine Null, Dr. Martin Gödeler.
Martin ist hochbegabt. Ein Mathematiker. Der sich in die reine Mathematik nicht nur verbeißt, sondern verliebt hat. Ein Überflieger. Der im Laufe seines Lebens drei Frauen trifft, die ihn prägen. Zunächst läuft alles bestens, er verliebt sich in seine intelligente Kommilitonin Gunde, bekommt ein Kind mit ihr und schreibt schließlich an seiner Doktorarbeit. In der er sich alsbald verheddert. Er findet keinen Ausweg, keinen Abschluss, er gerät in tiefe innere Not. Sein Absturz zeichnet sich bereits ab. Schnell wird ihm alles schal. Martin ist ein Scheiternder per excellence.
Vielleicht ist ja die reine Mathematik als zentraler Lebensinhalt zu hoch philosophisch und blutleer, um ein Leben auszufüllen? Solche Fragen stellt man sich am Rande. Bevor Martin aufgibt, er neigt zum Aufgeben, neigt mehr zur Null als zur Eins, trifft er auf die herausragende Dozentin der Mathematik Dr. Elisabeth Lucile Trouvé und verfällt ihr mit Haut und Haar. Er wechselt die Frau, er wechselt die Stadt. Er ist wieder mathematisch zentriert und „Lu“ kann ihm das Wasser reichen. Die dritte Frau, Susanne Melforsch, ist eine Stalkerin. Sie ist rätselhaft. Wirft sich ihm an den Hals als sie zwanzig ist, kehrt zurück mit siebenundvierzig und bringt ihn schlussendlich vor den Kadi.
Bei der Wiederbegegnung der beiden, ist Martin längst eine echte Null. Lebt in einer Souterrainwohnung, die er vergammeln lässt, er ist verwahrlost, innen und außen.
Der Kommentar: Der Roman von Michael Wildenhain hat, wie seine ersten beiden Romane auch, eine politische Komponente. Sie ist nicht zentral, es scheint dem Autor aber wichtig zu sein, darzustellen, dass Menschen an ihrer Politik scheitern. Also am realen Leben. Dort haben sie keinen Einfluss, sie bleiben eine Nullnummer.
Der Roman hat eine philosophische Komponente, was nicht verwunderlich sein dürfte, da es um „die reine Mathematik“ geht, um etwas Verkopftes, das nur wenige Menschen begreifen. Kein Wunder, dass der Pragmatismus der Susanne M. eher greift als das rein Geistige. Und eigentlich siegt. Der Protagonist wird von seiner Umgebung bestimmt. Wie eine Null eben den Wert wechselt, je nachdem, von welcher Zahl sie bestimmt wird.
Natürlich gibt es im Roman noch jede Menge Nebenhandlung, Odysseus taucht ebenso auf (warum ist er nicht in „Das Singen der Sirenen“ geblieben?) wie der Mathematiker Evariste Galois, mit dessen Existenz sicherlich alle Leser bestens vertraut sein dürften (bitte aufzeigen wer ihn nicht kennt!), pöbelnde, gewalttätige Jugendliche spielen eine Rolle, zu denen der Protagonist eine seltsame Affinität hat. Und ein Staatsawalt, dem Martin sein Leben erzählt.
Nun könnte man denken, das ist doch ein super Roman. Handlung, Metaebene, Philosophie, Kriminalfall. Ja, könnte man. Ist aber nicht. Denn das Meiste muss die geneigte Leserin interpretieren. Die Geschichte ist weder linear noch stringent. Man muss zwischen unwichtigem Wust ein paar klare Gedanken extrahieren. Das ist nicht nur fordernd, sondern leider auch, trotz allerhand Tiefschürfendem, äußerst langweilig. Das mag daran liegen, dass Martin selber so langweilig ist: Eben eine Null.
„Die Erfindung der Null“ ist ein allzu kompliziertes, hochphilosophisches Machwerk, das Mehrwert hat, wenn man bereit ist, sich durch ein Dornengestrüpp von Nebenhandlungen und assoziativen Gedanken zu wühlen. Ein wenig mehr an Erklärung und Erläuterungen plus Interpretation sollte der Autor dem Leser jedoch künftig unbedingt an die Hand geben, sonst läuft er Gefahr bald der einzige Leser seiner Werke zu bleiben.
Fazit: Zu ambitioniert.
Kategorie: (Zu) anspruchsvoller Roman Klett Cotta, 2020
Die Erfindung der Null", so heißt der neue Roman des renommierten Berliner Schriftstellers Michael Wildenhain. Der Roman ist gut, doch kompliziert konstruiert, man braucht Geduld und bleibendes Interesse um sich durch Martin Gödelers Leben zu lesen. Er ist Mathematiker und Nachhilfelehrer – vielleicht bedeutet das an sich schon Scheitern – und wird des Mordes an seiner Geliebten verdächtig. In diversen Verhören, soll der Beweis geführt werden …. er ist doch schuldig?
Trotz sparsamer Beschreibungen und eher zurückgenommener Sprache, gelingt es Michael Wildenhain, selbst studierter Mathematiker, von Anfang an eine verstörende, außergewöhnliche Atmosphäre zu kreieren. Allerdings lässt er – selbstverliebt in sein Werk, so glaube ich - ein Ausfasern seiner Geschichte zu, und das geht sehr zu Lasten von Spannung und Aufmerksamkeit. Und so berührt mich die Story nie wirklich.
Diese so eigenwillige fiktive Biografie über einen ehemals gefeierten Mathematiker ist gleichzeitig Abhandlung, Roman, Krimi, Persönlichkeitsstudie und Mikrokosmos einer angeknacksten Psyche. Michael Wildenhain nimmt den Leser mit auf eine abenteuerlich-absurde Reise durch das Leben des Martin Gödeler.
Dessen Laufbahn als Student, Absolvent, Freund, Ehemann, Vater, Geliebter und partner-in-crime von Berlin bis nach Stuttgart führt, wo er schließlich als Nachhilfelehrer hängen bleibt. Den Großteil als Rückblick auf sein Leben erzählt Gödeler selbst, andere Episoden wirken aus der dritten Person seltsam distanziert.
So fragmentiert Gödelers Laufbahn und Leben ist, so wenig greifbar ist auch der Erzählstil. Ganze Wochen werden oft nur als Monolog einer Person rekapituliert, um dann wieder wenige Stunden über mehrere Kapitel hinweg abzuhandeln.
Die Kapitel sind überschrieben wie Teile einer mathematisch-wissenschaftlichen Arbeit was aber nicht weiter stört wenn man damit nicht sehr vertraut ist. Gödelers beruflicher wie privater und gesellschaftlicher Absturz gipfelt in einem Frankreich-Urlaub. In diesen fährt er mit weiblicher Begleitung und kehrt alleine zurück nach Stuttgart. Was ist passiert, wo ist die Frau und hat Gödeler mit ihrem Verschwinden zu tun?
Dieser Roman hat Akzente eines guten Krimis, gerade dann wenn es um die Ereignisse in Frankreich und die Unterhaltungen zwischen Gödeler und dem ermittelnden Staatsanwalt geht. Ein paar mehr intensive Gespräche und Dialoge dieser beiden hätte ich mir gewünscht. Stil und Sprachwahl machen den Roman trotz der nur 300 Seiten zu einem gefühlt viel umfangreicheren Werk das sich keinesfalls flott und nebenbei lesen lässt.
Die Grundidee und Ausgangssituation sind einigermaßen originell und anfangs vielversprechend, insbesondere Mathematik und Philosophie bereichern den literarischen Stoff. Einzelne Passagen sind sorgfältig geschrieben, wen auch etwas spröde. Für meinen Lesegeschmack hätten die Figuren ruhig etwas lebhafter sein können. Hinzu ist der Einschlag Kriminalfall als Justizdrama nicht gerade packend ausgeführt. Die Genre-Mixture zündet nicht. Schließlich entsteht das Problem, das man nicht weiß, wohin das ganze führen soll. Oft kann ich nicht folgen und mit zunehmender Lesedauer führt das zu einer gewissen Frustration.
Michael Wildenhain konnte mich mit dem Gesamtergebnis weder inhaltlich noch von der literarischen Struktur voll überzeugen. Schade.
Konnte mit meinen 2 Semestern Mathematikstudium gut folgen, verstehe aber, dass vieles in der Geschichte ohne dieses Vorwissen verwirrend sein kann. Etwas komplizierter Aufbau mit vielen Zeitsprüngen, was für mich aber auch einrn gewissen Reih ausgemacht hat. Würde es wieder lesen!