Inhalt:
Das Buch enthält 11 Kurzgeschichten. Das Thema ist immer alltäglich. Das Besondere an den Geschichten ist, dass in Ihnen die reale Welt mit den Gedanken der Hauptfigur vermischt wird.
Erwartungen:
Auf das Buch hat mich ein Podcast aufmerksam gemacht, in dem Peter Stamm interviewt worden ist. Vorgestellt worden ist unter anderem die Geschichte des Mannes, der nach und nach verschwindet (Supermond). Das und der restliche Klappentext haben mich sehr an Buffy (die Vampirjägerin) erinnert und ich war neugierig wie die gleichen Ideen als Literatur für Erwachsene umgesetzt werden. Letztendlich sind die meisten Kurzgeschichten aber gar nicht so mysteriös. Ehrlich gesagt, wenn Peter Stamm nicht selbst so betont hätte, dass ihn die Dunkelheit fasziniert, hätte ich gar nicht wahrgenommen, dass die Geschichten im Dunkeln spielen.
Die tieferen Themen sind aber tatsächlich ähnliche; nur aus der Schule weg und in die Arbeitswelt rein. Für die Hälfte der Kurzgeschichten finde ich eine passende Buffy-Folge. :D Nur die Umsetzung war dann doch ruhiger und unmysteriöser als gedacht.
Worum geht es genauer:
Für mich sind die Geschichten Alltagsgeschichten. Sie hängen alle irgendwie mit dem Berufsleben zusammen. Die Storys sind an sich größtenteils unspektakulär. (eine Ausnahme ist: Wenn es dunkel wird) Am Ende vieler Geschichten saß ich da und dachte "wo ist der Höhepunkt, das Ende, die Geschichte?". Ich brauchte ein paar Sekunden oder Minuten, um den Kern zu erfassen - oder das, was ich für den Kern halte. Diesen hat Peter Stamm nicht immer hingeknallt, stattdessen lässt er den Leser selbst mitdenken.
Das Besondere ist immer die Vermischung der objektiven Realität und der Gedanken. Peter Stamm selbst hat etwas in der Richtung gesagt, dass wir ja immer beides mischen, anders können wir die Welt ja gar nicht erleben. Da ist was dran. Ich finde es faszinierend, wie er diesen Gedanken auf verschiedenste Weisen eingefangen hat. "Mein Blut für Dich" hat beispielsweise noch eine Rahmengeschichte, die viel unspektakulärer daherkommt als die eigentliche Geschichte, die aber auf eine neue Weise, diese Grundidee einfängt.
Genauer möchte ich nicht werden. Spoilern kann man in diesen Geschichten, denke ich, nicht allzu viel. Aber ich möchte niemanden das Erlebnis nehmen, sich selbst unbeeinflusst nach dem Lesen Gedanken zu machen. Für mich war das Buch ein außergewöhnliches, sehr schönes Leseerlebnis.
Schreibweise:
Ein Problem habe ich jedoch mit dem Buch: die fehlende Verwendung von Anführungszeichen. Ich weiß nicht, ob Peter Stamm das generell so macht. Ich kann mir aber vorstellen, dass es in diesem Buch noch mehr die Vermischung der äußeren und inneren Welt darstellen soll. Das klingt so auch ganz toll, aber mich hat es beim Lesen extrem gestört. Vor allem in Geschichten, in denen sich etwas mehr unterhalten wurde, wie in "Cold Reading". Da "Cold Reading" eine Ich-Erzählerin hat, war oftmals nicht klar, ob es sich um einen Gedanken, um seine oder ihre Worte handelt. Der Inhalt des Satzes oder eine nachgestellte Anmerkung hat das immer geklärt, aber oftmals hing ich für einige Worte oder sogar länger in der Luft und musste einen Absatz erneut lesen. Das ist schade und meiner Meinung nach unnötig. Diese Vermischung wäre auch mit Anführungszeichen deutlich geworden. Stilistische Mittel sind toll, aber sie sollten nicht auf Kosten der Lesbarkeit gehen. Denn dafür haben wir doch Grammatikregeln, Rechtschreibung und eben Satzzeichen ... Übrigens ist das auch der Grund, warum ich einen Stern abziehe.
Empfehlung:
Wenn Du ohne Anführungszeichen bei wörtlicher Rede leben kannst, empfehle ich Dir das Buch uneingeschränkt weiter - und zwar egal, was Du sonst liest. Das Buch lässt sich in einem Stück oder bei kurzen Gelegenheiten lesen. Es ist auch vor dem Einschlafen ganz toll: Es langweilt nicht, ist aber auch nicht so spannend, dass man nicht mehr aufhören kann oder die ganze Nacht von offenen Fragen wachgehalten wird. ;) Stattdessen sind Überlegungen zur Geschichte sanft und unaufdringlich in meinen Gedanken geblieben.