Wan-Duk ist 17 Jahre alt und sieht aus wie ein Schläger. Er ist aber keiner – beteuert er –, auch wenn er ab und an doch jemanden zusammenschlägt. Zum Bespiel, weil jemand Wan-Duks Vater und Onkel als „Behindertentruppe“ bezeichnet. Wan-Duk lebt mit seinem klein gewachsenen Vater und dem kognitiv beeinträchtigten Nennonkel unter ärmlichen Verhältnissen in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung auf dem Dach eines Hauses am Rande von Seoul. Er ist ein Einzelgänger ohne Freunde, der nicht richtig weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Dies ändert sich, als plötzlich Wan-Duks Mutter auftaucht, die er nie kennengelernt hat. Dies ändert sich auch durch Yun-Ha, die Streberin in seiner Klasse, die Wan-Duk plötzlich nicht mehr von der Seite weichen will. Und vor allem ändert sich dies durch Wan-Duks Lehrer und Nachbar Herrn Lee, der sich ständig in sein Leben einmischt. Er ist es, der den Kontakt zur Mutter herstellt, seinem Vater eine erfüllende Arbeit verschafft und Wan-Duks neues Hobby – das Kickboxen – unterstützt. Am Ende des Romans weiß Wan-Duk immer noch nicht, was aus ihm werden soll, aber er ist offener geworden und hat gelernt, positive Gefühle zuzulassen und mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren. Der Titel „Eins Zwei. Eins Zwei Drei.“ des realistisch angelegten Romans ist mehrdeutig und bietet viel Interpretationsspielraum. Im Rhythmus eins, zwei, eins, zwei, drei bearbeitet Wan-Duk den Boxsack, derselbe Rhythmus wie bei dem für Vater und Nennonkel so bedeutsamen Tanz Cha-Cha-Cha. Ein möglicher Verweis auf die Gemeinsamkeiten, die zwischen Wan-Duk und seinem Vater trotz der augenscheinlichen Unterschiede bestehen. Das Spiel mit den drei Zahlen geht weiter, denn die Handlung besteht aus den Teilen eins, zwei und drei und sucht damit ganz plakativ die Nähe zum aristotelischen Dreiakter, auch wenn die Autorin ganz ohne Tragödie auskommt. Im ersten Teil lernt die Leser*in dementsprechend Wan-Duks Welt mit all ihren Problemen kennen. Das auslösende Ereignis, das die weitere Handlung beeinflusst, ist das Auftauchen von Wan-Duks Mutter. Am Ende des ersten Teils erfährt der Protagonist, dass diese ihn sehen möchte. Im zweiten Teil bricht Wan-Duks Welt der Isolation auf. Er muss und will eine Beziehung zu seiner Mutter aufbauen, die ihm so fremd ist und ihm eigentlich nie fehlte und die ihn zu allem Überfluss auch noch siezt. Er muss sich mit dem aufdringlichen Lehrer und seiner Mitschülerin auseinandersetzen und es wird deutlich, dass Wan-Duk Schwierigkeiten hat, seine Gefühle einzuordnen und diese zu kommunizieren. Im dritten Teil erfährt Wan-Duk dann schließlich Versöhnung: mit seinen Mitmenschen und auch mit sich selbst und dem Leben, das er führt. Besonders interessant ist die Beziehung zwischen Wan-Duk und seinem Lehrer Dong-Ju Lee, den Wan-Duk konsequent Dung-Ju nennt. Dung bedeutet wörtlich übersetzt „Scheiße“. Der Roman beginnt mit der Bitte Wan-Duks an Gott, seinen Lehrer umzubringen, was viele Fragen hinsichtlich der Beziehung eröffnet. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler stellt sich im Verlauf der Handlung dann tatsächlich auch als eher seltsam heraus. Dong-Ju Lee spricht seine Schüler*innen konsequent mit der Anrede „Schwachköpfe“ an, verteilt Kopfnüsse und auch die Prügelstrafe durch Stockschläge setzt er um. Außerdem mischt er sich ununterbrochen in Wan-Duks Leben ein, ruft ihn nachts und lädt sich ständig zum Essen ein. Die Beweggründe dafür bleiben im Dunklen. Mitschüler*innen Wan-Duks verbreiten aufgrund der stetigen Einmischung die Vermutung, dass Herr Lee Wan-Duks Onkel sei. Wan-Duk verneint dies nicht und lässt damit auch die Leser*in in Verwirrung zurück. Herr Lee tritt jedoch auch positiv in Erscheinung: Er meldet Wan-Duk als Sozialhilfeempfänger an, wodurch der Junge kostenlos Essen zugeteilt bekommt, unterstützt – auch finanziell – das neue Hobby Wan-Duks und forciert die Kontaktaufnahme und -pflege mit Wan-Duks Mutter. Am Anfang wehrt Wan-Duk diese Einmischungen – so gut es eben geht – ab, wird aber von der Dreistigkeit und Hartnäckigkeit seines Lehrers oft überrumpelt. Letztlich führt diese Hartnäckigkeit dazu, dass Wan-Duk so etwas wie Glücksgefühle spürt und sich öffnen kann. Am Ende schließt er seinen Frieden mit „Dung-Ju“ und übernimmt sogar eine Redensart des Lehrers, auch wenn es sich dabei nur um dessen Lieblingsanrede, „Schwachkopf“, handelt. Die Handlung wird aus der unmittelbaren Perspektive Wan-Duks im Präsens erzählt, wodurch die Leser*in direkten Einblick in dessen Gefühle und Gedanken erhält. Es liegt kein durchgängiger innerer Monolog vor, es ist viel wörtliche Rede vorhanden. Wan-Duk kommentiert diese i.d.R. lediglich, meist recht trocken und dadurch durchaus amüsant, als dass er die Leser*innen großartig an tiefgehenden Gedanken und Gefühlen teilhaben lassen würde. Die Sprache fällt oft recht derb aus, generell sind viele Schimpfwörter und auch diskriminierende Beleidigungen vorhanden. Diese tragen zur Realitätsnähe des Romans bei, werden aber auch reflektiert. Wan-Duk und andere Figuren benutzen diskriminierende sprachliche Äußerungen wie „Spasti“, allerdings thematisiert Wan-Duk gegen Ende des Romans schließlich explizit, dass Beleidigungen verletzen, egal wie beiläufig diese erfolgen. Der Roman bietet, außer den interessanten Figuren und ihrer Entwicklung, außerdem viel Potenzial hinsichtlich interkulturellen Lernens. Beispielsweise wird das Verhältnis zwischen Südkoreaner*innen und Vietnames*innen thematisiert: Wan-Duks Mutter ist Vietnamesin und wird – so schildert Wan-Duk – aufgrund dessen von Südkoreaner*innen oft wie eine Dienerin behandelt und ungefragt geduzt. Weiterhin ist körperliche Gewalt als Züchtigungsmaßnahme etwas, das im Roman beiläufig thematisiert und nicht als sonderlich bedeutsam dargestellt wird. Nicht nur Dong-Ju Lee verprügelt Wan-Duk mit einem Stock, auch sein Vater schlägt ihn mehrmals – teilweise so laut, dass es auch der Nachbar hört. Wan-Duk erträgt diese Schläge ohne weiteren Kommentar oder Gegenwehr, auch wenn er seinem Vater körperlich weit überlegen ist und sich wehren könnte. Schläge mit dem Stock sind in manchen Provinzen Südkoreas tatsächlich noch ein legales Mittel der Bestrafung in der Schule. Auch beim Essen werden kulturelle Unterschiede deutlich, was nicht nur an den Speisen selbst liegt, sondern auch an Gesten beim Essen. So wird häufig etwas vom eigenen Essen in die Schüssel eines anderen gegeben, was als Zeichen des Respekts gedeutet werden kann. Insgesamt hat die südkoreanische Autorin Kim Ryeo-Ryeong mit ihrem Werk einen außergewöhnlichen und lebensnahen Bildungsroman geschaffen, der durch ungewöhnliche Charaktere und schrullige Dialoge besticht. Ein Werk für alle, die neugierig auf andere Kulturen und eckige Charaktere sind und sich nicht von derber Sprache abschrecken lassen.
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