Ich ging eigentlich davon aus, dass im Zentrum des Romans die sabotierte Romanze zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Heinrich Straube steht. Davon hatte ich bereits gelesen und war bereit mehr darüber zu erfahren – gerade auch weil ich im Urlaub das Grab der „Droste“ besuchen werde und etwas mehr über ihr Leben wissen wollte.
Bekommen habe ich aber viel mehr: Die Geschichte einer selbstbewussten, jungen Frau, die bei anderen als zu laut, witzig, selbstbewusst, kommunikativ, begabt, meinungsstark – schlicht als unweiblich – gilt. Die Geschichte spielt in den 1810er Jahren und bei der Charakterisierung Nettes fallen mir die Frauengestalten Jane Austens ein, die auch durch Bildung und Witz auffallen. Ob die Autorin Austen kannte? Deren Romane erschienen etwa in der gleichen Zeit in der Nette selbst zu schreiben begann. Aber da Austen damals noch nicht übersetzt war und Nette sicher kein Englisch sprach, ist das unwahrscheinlich – schade, denn ihr hätten diese Charaktere sicher Freude und Mut gemacht.
Manchmal machte es mich ungeduldig, dass von der Romanze so oft abgewichen, sie so elend lange vorbereitet wird. Aber schließlich waren diese „Abschweifungen“ doch wichtig – für die Geschichte an sich, aber auch um diese Zeit besser kennen zu lernen. So kommt man den nationalen Bestrebungen der Künstler sehr nahe. Die meisten von uns werden wissen, dass die Brüder Grimm Märchen vor allem sammelten, weil sie darin deutsches Kulturgut sahen, das bewahrt werden musste. Dumm dann natürlich, dass eine der bekanntesten Zuträgerinnen der Märchen von französischen Hugenotten abstammte; überhaupt eine aus heutiger Sicht verrückte Idee.
Man staunt über die Lust an Bildung und Kultur, den literarischen Zirkeln, die Adelige wie Bürger erlauben – und trifft dann aber in ebendiesen Kreisen ebenso auf Franzosenhass, Antisemitismus und Deutschtümelei. Spätestens als selbstgerechte, betrunkene nationalgestimmte Studenten den Laden eines unschuldigen Metzgers auseinandernehmen, erkennt man, dass jede revolutionäre Bewegung leicht aus dem Ruder laufen kann (es ist vom „schwarzen Block der Altdeutschen“ die Rede). Und sobald es um eheliche Verbindungen geht, ist mit der Toleranz eh Schluss: Bürgertum und Adel gehen hier genauso wenig zusammen wie Protestantismus und Katholizismus.
Auch das Umfeld, in dem Annette lebt, wird mir lebendig. Die absolut kräftezehrenden Besuche bei der zahlreichen Verwandtschaft, die Reisen dorthin auf ungepflasterten Straße, oft durch Morast, in dem man auch mal bis zur Hüfte steht, weil man aus der versinkenden Kutsche fliehen muss; die Armut, die ihr auf den Reisen begegnet…
Das klingt alles schrecklich ernst, ist aber gleichzeitig sehr lebendig, humorvoll und anspielungsreich geschrieben. Man langweilt sich nie und schmunzelt über Sätze wie „Eine Gleichmacherei, die irgendwann noch darauf hinauslaufen wird, dass ganz Europa in Sitten und Moden zu einer einzigen Nation verschmilzt.“ (Gott, behüte ;-)) oder der Ausspruch „Hätte, hätte, Epaulette“ (den kenne ich etwas anders). Und dann kann man sich wunderbar entrüsten über den Satz eines Arztes: „Im wahren Ideal der Frau findet kein Monatsfluss statt“ (sie sollte also durchgehend schwanger sein).
Mit anderen Worten: Man sollte den Roman unbedingt nicht nur dann lesen, wenn man sich für Annette von Droste-Hülshoff interessiert, auch nicht nur, weil man die Begegnungen mit den Grimms und Heinrich Heine schätzt, sondern überhaupt wenn man sich für die Politik, die Literatur, die Gesellschaft oder die Frauenbilder dieser Zeit interessiert!