Dieses Buch ist ein wilder Ritt. Ich habe ein paar Mal gelacht und ab und an gegrinst. Oft aus Verzweiflung vor der Glaubwürdigkeit. Manchmal weil ich Zynismus schätze, oder einen Satz, oder einen Dialog. Ein Wortspiel. Einen Diss.
Einiges davon ist zitierwürdig, auszugsweise die Prinzessinnen-Geschichte auf S.76, das Hockey-Spiel auf S.91, der Hundedialog auf S.161 oder die Aussagen zum Yogakurs auf S.172
Man könnte diese Erzählung als Liebeserklärung an Sex, Drugs & Rock'n'Roll verstehen, gemessen an der Häufigkeit und Extensivität mit der Drogenkonsum und sexuelle Begegnungen/Anspielungen/Erwähnungen beschrieben werden.
Gerade durch den direkten Kontrast mit Daphnis und Chloe, das ich davor gelesen hatte, war das zusätzlich auffällig. Mythik trifft Realität. Romantische Prüderie die denkt sie wäre Erotik, trifft auf unromantische Erotik die denkt sie wäre ein zynischer Kommentar auf die verlogene Prüderie der aktuellen sexualisierten Medienlandschaft.
Verspielte Erzählung trifft auf abgehackte Prosa.
Und in diesem Kontrast (bei Daphnis und Chloe bringt es Longus trotz aller Versuche, Anläufe und Annährung auf genau eine Erwähnung von Sex, und das nur verklausuliert) musste ich einfach nochmal nachzählen:
Auf knapp 200 Seiten schafft es Mercedes Spannagel elf mal direkt Sex zu beschreiben, weitere vierzehn Mal anzudeuten, dass Sex gerade stattgefunden hat, oder gleich stattfinden wird, und weitere achtzehn Mal ihre Charaktere von Sex sprechen zu lassen.
Da ich gerade dabei war, habe ich auch nachgeschaut wie häufig Drogenkonsum (im Vergleich zu einem ihrer Protagonisten unterscheide ich erst gar nicht zwischen Drogenge- und -missbrauch) beschrieben wird: Einundvierzig Mal. Was bedeutet, dass es von den Drogen zum Sex und zurück meist nicht weit ist und die vielen Verweise auf politische und existentialistische Fragestellungen für ein Post-Millenial-Publikum ordentlich eingepackt sind. Man braucht ja Abwechslung und sinnliche Reize.
Netterweise sind die meisten der häufigen Verweise kursiv gesetzt, was den Überblick erleichtert, allerdings auch nicht alle. Inkonsistenz als Statement quasi.
Abgesehen von jeder Menge Pop-Kultur-Referenzen und Mode/Luxus-Marken, was zum Klientel gehört, kommen folgende Künstler, Philosophen, Verfasser politischer Schriften vor:
Karl Marx
Joseph Stalin
Mao Zedong
Ianina Ilitcheva
Joseph Brodsky
Roland Barthes
Werner Schwab
Marina Abramovic
Walter Benjamin
Jackson Pollock
Jean Baudrillard
Martin Kippenberger
Andy Warhol
Soren Kierkegaard
Jean-Paul Sartre
Pablo Neruda
Ernst Jünger
Hans Holbein der Jüngere
Carl Spitzweg
Ulay
Jacques-Louis David
Bernhard-Viktor Christoph Karl von Bülow
Jean Cocteau
Oscar Wilde
Albrecht Dürer
Keith Haring
Georg Kreisler (bzw. Paul Lehrer)
Ovid
Elfriede Jelinek
Man könnte sich jetzt mit den einzelnen Erwähnungen und ihrem Beitrag zur Geschichte oder Interpretation der Charaktere befassen.
Man könnte aber auch auf die Idee kommen, dass Mercedes Spannagel mit einer umfassenden künstlerischen und politischen Bildung glänzen möchte, oder sie zumindest ihrer ansonsten nur mäßig begabten und belesenen Protagonistin eingibt, um den Erwiderungen der linken Szene an eine rechte Öffentlichkeit (deren Sprachrohr die Protagonistin und ihr Umfeld darstellen) einen intellektuellen Anspruch zu verleihen. Es könnte aber auch sein, dass die Erzählung von Widerstand, zivilem Ungehorsam und einer Aufarbeitung von Familientraumata, einfach viel Raum für Input und Nachdenklichkeit liefert. Dass die aktuelle politische Situation eben nicht in Schwarz und Weiß eingeteilt werden kann, sondern man sich künstlerisch mit den Nuancen dazwischen beschäftigen sollte. Dass gerade intellektueller Protest aktuell häufig in Kapitalismus, Übersättigung und Lethargie versinkt.
Die vorgeschobene Ironie in Aussagen zur Wirkung eines solchen linken Protestes, bei denen sich die Protagonistin entweder selbst hops nimmt, oder von ihrem Arschloch-Quasi-Ex-Partner persönlich beleidigt wird, kokettiert mit Selbstkritik und politischem Fatalismus. Ist das nun Kunst? Oder kann das weg?
Es ist Kunst, und sollte nicht weg.
Auch wenn dieser Kommentar sehr kritisch wirkt, habe ich das Werk mit Vergnügen konsumiert und freue mich darauf mehr von Mercedes Spannagel zu lesen, denn die Sprache ist interessant, auf eine angenehme Art und Weise frei von Schnörkeln und kommt recht schnell zum Punkt. Sie ist unkompliziert ohne dabei aber an Anspruch zu verlieren. Sie überlässt viel den Wegen die das Gehirn des Lesers geht, im Anschluss an die einzelnen, teilweise sehr schönen, Sätze. Für mich zeigt die Jung-Schrifstellerin Potential.
Eine Empfehlung für ein linkes, intellektuelles Publikum, das sich mit dem Protest identifizieren kann und die meisten Anspielungen versteht. Für alle anderen wird die eigentliche Geschichte sehr blass bleiben, darüber helfen auch einige gut getroffene Szenenbeschreibungen und die aufblitzende Sprachpoesie nicht hinweg.
Als subversive Kritik, die ein Durchschnitts-Literaturkonsument so nebenbei mitbekommt eignet sich das Buch wohl eher nicht.