Anschaulich und unterhaltsam erzählt der Psychiater und Neurologe vom evolutionären Werdegang des Homo sapiens – von seinem Ursprung vor vermutlich 300.000 Jahren bis in die Gegenwart. Dabei zeigt er, wie wir Menschen uns mit Steinzeitgehirnen in einer modernen Umwelt zurechtfinden müssen, wie unsere biologische Evolution nur mühsam mit den rasanten kulturellen Entwicklungen Schritt halten kann und welche Probleme uns dabei begegnen. 300.000 Jahre evolutionärer Anpassung und dennoch hat die Natur nicht alles zum Besten eingerichtet. Wir haben überlebt, doch unsere körperlichen und psychischen Gebrechen sind leider nicht ausgestorben. Ob Krebs, Herz-Kreislauf- oder Autoimmunerkrankungen, ob Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie – Martin Brünes erhellender Einblick in die Ur- und Frühgeschichte des Menschen ermöglicht ein besseres Verständnis dieser nur allzu gegenwärtigen Leiden.
„Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution“ - dieser Untertitel liess mich mehr erwarten zu Erkenntnissen über psychische Störungen aus evolutionstheoretischer Sicht. Der Autor holt weit aus und geht teilweise vielleicht zu weit. Dennoch interessant: Die kurze Variante des SERT-Gens (Serotonintransporter-Gen) erhöht das Risiko für Ängste und Depressionen bei zu wenig elterlicher Zuwendung in der Kindheit.- Die „7-repeat-Variante“ des DRD4-Dopamninrezeptors geht bei Europäern mit einem erhöhten Risiko für ADHS einher und wird in Populationen, die migrieren häufiger gefunden - ein Zusammenhang mit „novelty seeking“ ist plausibel.- Dass Menschen (v.a. Frauen) länger leben als sie selber noch Nachkommen zeugen können, macht insofern Sinn, als die Übergabe von altem Wissen auf die - mit grossem Aufwand aufgezogenen - Nachkommen gewährleistet werden kann.