In mehreren Abschnitten und kurzen Paragrafen beleuchtet Charlotte Wiedemann hier zum Einen das weiße Selbstverständnis und ihr Umgang mit sich und ihrer Umwelt, historisch und speziell heute, und zum Anderen Perspektiven verschiedener Gruppen, die eben nicht dem Bild des privilegierten weißen Menschen/Mannes entsprechen.
An Stellen ließ mich die Autorin, ob ihrer mir so vorkommenden Sprunghaftigkeit und Kürze, etwas ratlos stehen, zum Ende hin bildete sich aber ein appellierender Charakter heraus, die Welt nicht aus der eigenen privilegierten Sichtweise zu betrachten, aber vielmehr globale, aber auch spezifisch sich auf Europa beziehende und stetig verändernde Gegebenheiten anzuerkennen und entsprechend zu handeln & zu denken. Die Frage, was nach dem "lange[n] Abschied von der weißen Dominanz" kommt, wird von Wiedermann relativ unkritisch betrachtet, was etwas schade ist.
Trotzdem ist das Buch ein gelungener Gedankenanstoß, und ein guter Startpunkt sich im Nachhinein hier vielleicht etwas zu kurz gekommenen Themen, weiter zu recherchieren.
Sicherlich stimmt vieles, was die Autorin schreibt. Empfehlen kann ich das Buch jedoch nicht. Nicht stilistisch, vor allem aber nicht wegen der Reproduktion von rassistischen Bildern (inkl. Verwendung des N-Worts).
Das Buch ist wie eine Collage: in kurzen Absätzen geht die Autorin Charlotte Wiedemann (*1954) auf diverse Themen ein, die mit Rassismus / Weißsein verknüpft sind. Dabei springt sie nicht nur zwischen Themen, sondern auch zwischen Ebenen: skizziert sie hier das Werk eines wichtigen Schwarzen Denkers, schildert sie in den nächsten Zeilen eine banale Situation einer Auslandsreise. Somit bleibt vieles oberflächlich und zusammenhangslos, wie zB die Interpretation dreier thailändischer Kunstpostkarten ohne jegliche Kontextualisierung. Zusammenfassend bietet das Buch weder eine niedrigschwellige Einführung ins Thema, noch erweitern die kurzen Ausführungen bestehendes Vorwissen.
Großes Unbehagen und Haareraufen bereitete mir jedoch allem voran Wiedemanns „Wir“. Ohne es je zu explizieren, ist es ein weißes Wir. Und ein westdeutsches. Und ein Wir der Generation 50+. So hat mir das Buch allem voran eine Idee vermittelt, wie sich Tante Helga und Onkel Eberhard fühlen, wenn sie „lange Abschied von der weißen Dominanz“ nehmen.