Ein kleiner Junge malt Monster in seine Schulhefte und spricht von sich selbst als Wir. Seine Mutter schluckt in der geschlossenen Anstalt Neuroleptika mit ungesüßtem Früchtetee hinunter. Der bibeltreue Vater kocht nur Frankfurter und die Schwester bewegt sich wie ein Geist durch das Haus. Die einzigen Vertrauten des Jungen sind die Aschbach-Großmutter und später die blauhaarige Helix, die auf ihrem Snakeboard in sein Leben fährt. Eines Tages ereignet sich eine Tragödie, die das Wir und die ganze Familie von Grund auf erschüttert.In harten Schnitten und bildhaften Szenen erzählt Stephan Roiss die Geschichte seines namenlosen Protagonisten, der dem Trauma und der Einsamkeit zu entfliehen versucht. Ein intensiver Roman, der lange nachhallt.
"Eines Tages brachen wir ein ungeschriebenes Gesetz. Wir hörten, dass Mutter zu weinen begann. Doch diesmal gingen wir nicht hinunter. Leise schlossen wir die Tür unseres Zimmers und schalteten das Radio an."
Longlisted for the German Book Prize 2020 Stephan Roiss has an impressive ability to convey to viewpoint of a child, in this case a young boy from his primary school up to his high school years who grows up in a family afflicted by mental illness. The mother found her own father's corpse after he hanged himself when she was a kid and later suffers from postpartum depression which she never really manages to fully escape; the father tries to find strength in religion and numbs himself in front of the tv and later with alcohol; the grandmother holds esoteric beliefs and harbors a dark family secret; the older sister shows signs of OCD and repeats again and again that "everything is good" like a perverted mantra proving the opposite; and our protagonist refers to himself as "we" while he dreams of becoming thick-skinned and strong like the ancient triceratops.
As "we", the unnamed protagonist is less alone, but his alienation progresses and he develops an unspecified skin disease. He is bullied at school and makes friends with two siblings with a punk lifestyle while turning away from the world in general, hiding in his dead grandfather's cabin. The real star of the book is its sinister atmosphere that vibrates between alienation and anger: This kid is helpless in the face of his family's condition, and he is furious about it.
Is this a story of an emancipation from a dysfunctional family? Rather, the truly sad core is that the protagonist never really had a family, as his relatives are severely affected by mental disturbances - you can't blame them for it, but what is a child supposed to do?
This debut has already won awards, and Roiss has also collected honors for his work as a radio play producer and his graphic novels (co-authored by Silke Müller). Oh yes, and he's a musician, singing super weird songs in dialect (e.g. here: "Faust"). Where does Kremayr & Scheriau, the Austrian publishing house, always find those people? Last year, they gave us Tonio Schachinger who inspired our podcast gang to the new turn of phrase "to do a Schachinger" (meaning to try out something risky and go all in, no matter whether it complies to traditional ideas of literature). We are great supporters of authors doing a Schachinger, and Roiss is one of them.
Excellent call for the longlist of the German Book Prize, and if the judges are smart, they are shortlisting this rather than some tame crowd pleaser (update: they weren't that smart :-(). You can learn more about the novel in the final installment of Papierstau Podcast's Book Prize battle royale, #4.
Mit diesem für den Deutschen Buchpreis 2020 nominierten Roman konnte ich ehrlich gesagt viel zu wenig anfangen, da ich mit dem stilistischen Aufbau des Plots nicht zurechtgekommen bin. Die Handlung ist fragmentarisch, wie mit dem Häcksler zerhackt. Ganz kurze, im Stakkato auftretende Szenenwechsel, manchmal nur von einer halben Seite, machen die gesamte Geschichte schwer rezipierbar. Eine durchgängige Handlung muss man sich als Leser*in erst mühsam zusammenbasteln. Mir ist dieser dramaturgische Stil viel zu zeitgeistig, er ist offensichtlich derzeit in der hohen literarischen Community grad modern. Ich kann aber durchaus sehr gut verstehen, dass es auch eine große Fangemeinde für den Roman gibt, denn die beschriebene dysfunktionale Familie passt in ihrer nicht verknüpften, voneinander getrennten Art perfekt zum fragmentarischen Schema des Werkes.
Folgendes habe ich mir aus den Bruchstücken dieser zerrütteten Familie zusammengepuzzelt. Die Geschichte handelt vom Heranwachsen und den Problemen eines Buben von der Kindheit über die Pubertät bis zum Erwachsenenwerden, dabei ist über weite Strecken, bis zu den ersten Liebeszenen in der Pubertät, gar nicht ersichtlich, ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt. Der Protagonist ist jung, fett und redet von sich im Plural, da er offensichtlich immer zusammen mit seinem unsichtbaren Freund auftritt. Er kann sehr gut zeichnen, ist gut in der Schule, wird dort gemobbt, hat möglicherweise Neurodermitis oder eine Zwangsstörung, da er sich ständig blutig kratzt. Das wären jetzt ein paar normale Probleme, aber dieses Kind ist so einsam und total alleine, dass es einem das Herz zerreißt.
Die Mutter ist ständig abwesend und nicht ansprechbar, sie ist magersüchtig, depressiv und oft in der Psychiatrie. Durch ihre Krankheit zieht sie die gesamte Aufmerksamkeit der Familie auf sich, niemand bemerkt, dass auch ihre Kinder massive Probleme haben. Der Vater ist sehr gläubig, fast schon ein religiöser Eiferer, fügt sich gottergeben in sein Schicksal, ist liebevoll zu seiner kranken Frau, aber nie eine Stütze für seine Kinder. Die große Schwester ist nie da, sie flüchtet so schnell sie kann und nahezu täglich aus dieser Situation, aber auch mit ihr könnte vermutlich irgendetwas nicht stimmen. Die Oma scheint die einzige halbwegs normale, liebevolle Person in diesem Setting zu sein, aber sie ist schon sehr betagt, lebt bedauerlicherweise recht weit weg und einfach auf dem Land. Hin und wieder, wenn die Mutter wieder einmal in die Anstalt muss, wird der Protagonist zur Oma abgeschoben, was ihm etwas Halt gibt.
So legt sich der einsame, alleingelassene Junge in seinem Geiste einen schuppigen Panzer zu – gleich einem Triceratops. Als die Oma in der Pubertät des Enkels stirbt, hat der Protagonist seine letzte familiäre Bezugsperson verloren. In der Teenagerzeit verliebt er sich in ein Mädchen, spricht aber kein Wort mit seiner Freundin und der Punkerclique, der sie beide sich zugehörig fühlen – so sehr ist er schon in seiner Abschottung gefangen. Als auffliegt, dass er gar nicht stumm ist, so wie er sich immer bei seinen Freunden präsentiert hat, zerbricht auch diese Beziehung.
Nach und nach offenbaren die Fragmente der Handlung auch die Geschichte der kranken Mutter und den Umstand, dass auch sie Opfer ist, denn neben der ziemlich wahrscheinlichen genetischen Veranlagung zu psychischen Störungen hat sie den erhängten Großvater gefunden, der die Gräuel des zweiten Weltkrieges nicht verkraftet hat. Ich hatte plötzlich viel Mitleid mit dieser Frau, die ihre Kinder im Stich lässt. Auch die Schwester landet schlussendlich in der Psychiatrie, denn durch ihre Schwangerschaft wird eine postnatale Depression ausgelöst und im Rahmen derer auch endlich die schon immer vorhandene psychische Störung diagnostiziert und behandelt, die offensichtlich niemand in der Familie bemerkt hat, weil der Fokus aller Aufmerksamkeit immer auf der Krankheit der Mutter lag. Obwohl die Ursache der Probleme nie erwähnt wird, tippe ich mal auf das Asperger Syndrom.
Das Ende ist offen für Interpretationen, gibt für mich aber Anlass zur Hoffnung. Der Protagonist hat trotz seiner katastrophalen familiären Situation seine Kindheit und Jugend überlebt, obwohl er von fast niemandem Hilfe bekam. Trotz der vielen Baustellen und Probleme ist er stark und wird möglicherweise auch die Zukunft meistern.
Fazit: Heftige Story! Fast schon zu viel Drama und Pech für die heutige Zeit, ohne dass die Schule oder Behörden irgendwie auf die Probleme aufmerksam werden und helfen. Stilistisch ein sehr innovativer Roman, für mich konzeptionell zu außergewöhnlich und ein bisschen zu weit weg von meiner Komfortzone, da ich manisch Plot orientiert bin. Diesmal müsst Ihr selbst herausfinden, ob diese Art von Geschichte etwas für Euch ist, ich gebe weder eine Empfehlung noch eine Warnung ab.
Ich mache mir sehr oft Gedanken darüber, warum ein Autor einen Titel wählt; schließlich ist es meistens das erste, was der Leser mitbekommt und daher sollte es eine bestimmte Bedeutung haben, die der Leser spätestens am Ende der Geschichte erkennen sollte.
Wir sagten Mutter, dass wir sie lieben. Es war nicht wahr. Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine mit ihr sein.
Ein Triceratops ist ein Dinosaurier mit 3 Hörnern und einer "Nackenkrause" als Panzer. Trotz des furchteinflößenden Aussehens war es ein Pflanzenfresser und man weiß nicht, ob es Herden- oder Einzeltiere waren, so wie es im Buch erklärt wird. Ich habe mich gefragt, warum man gerade den Triceratops genommen hat und keinen Sauropoden oder sogar einen Tyrannosaurier. Ich selbst habe als Kind allerdings auch den Triceratops am meisten geliebt, er wirkte so stark und gab Halt.
Der Hauptcharakter, ein Junge, der während der knapp 200 Seiten zum Teenager heranwächst, sieht sich selbst als ein Triceratops, vielleicht auch aus den oben genannten Eigenschaften. Die schuppige Haut des Jungen am Hals oder wie er immer wieder Hörner zeichnet oder sich vorstellt, dass welche wachsen oder wie er sich als letzten Überlebenden sieht in einer Welt, wo er nirgendwo hingehört. Ein Panzer, der ihn beschützen soll, anstelle einer Familie, die nur Zerstörung verursacht. Hörner, die ihm Kraft und Mut geben sollten, aber nie wirklich nützlich sind. Natürlich beherrscht so ein Tier keine menschlichen Fähigkeiten wie das Sprechen oder soziale Anpassungsfähigkeit; die Geschichte fängt nämlich schon damit an, dass der Junge sich einfach in allem fremd und distanziert fühlt, zum Beispiel wie er nicht Mama, sondern Mutter sagt. Und diese Fremdartigkeit zieht sich durch bis zum Ende hin.
"Wenn ich die Augen schließe", sagte sie zu ihrer Sitznachbarin, "kann ich die Wellen noch fühlen." Wir schlossen die Augen. Stimmt doch gar nicht.
Die Geschichte schafft es nur mit wenigen Worten und Sätzen die Gefühlslage des Jungen zu vermitteln, und geht dabei nicht konkret auf die inneren Emotionen des Jungen ein. Eher sehen wir aus den Augen des Jungen -aus einer sicheren Distanz- wie die Welt sich auf ihn stürzt, vieles abverlangt, aber niemals das gibt, was der Junge bräuchte: Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Man muss als Leser viel Arbeit leisten um die Geschichte zusammenzusetzen wie ein Puzzle, aber gerade das fand ich sehr spannend. Es war ein kurzes, aber sehr starkes Buch, was zwar nicht unbedingt ein Lächeln auf meinem Gesicht gezaubert hat, aber trotzdem kraftvoll war, sodass es einen großen Eindruck hinterlassen hat.
Unsere Schwester schnitt uns das Wort ab: "Alles ist gut." "Nichts ist gut", hörten wir uns sagen.
** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
ein kleiner junge malt groteske filzstiftmonster in unlinierte schulhefte, kratzt sich die von ekzemen schuppig gewordene haut blutig und wünscht sich der “dinosaurier mit dem nackenschild” zu sein. er spricht von sich selbst nur noch im plural [wir]. das wir ist schutzhülle und gleichzeitig mauer, um wir vor der bedrohlichen umwelt, dem alltag, den angriffen und verletzungen von außen zu bewahren. wir wächst in einer zutiefst dysfunktionalen familie auf, in der die mutter in depressiven episoden erst aufhört zu weinen, wenn wir sie tröstet; der überforderte vater klammert sich an bibel und alkohol; die schwester zerbricht an der eigenen mutterrolle, ist bald nur noch ein schatten ihrer selbst. halt findet wir nur bei der aschbach-großmutter und später - ein bisschen - auch im außenseitertum. dieses gute gefühl [liebe], kostbar und von kurzer dauer - genauso die erzählweise, die in knappen episoden wie polaroidaufnahmen durchs fenster schaut und eine düstere geschichte mit weichem kern glänzend und schuppig-rau in unsere köpfe zeichnet.
Die erschütternde und schonungslose Innenschau eines Jungen mit Identitätsstörung. Dissoziation und Aufspaltung der Persönlichkeit werden spürbar durch die gängige Wir-Form des Erzählens und des reaktiven autoaggressiven Verhaltens. Was zur Entstehung dieser traumatischen Entwicklung beigetragen hat, erfahren die Lesenden zwischen den Zeilen. Zusätzlich zu den Puzzleteilen des desaströsen Familienlebens lesen wir von dem Versuch des Adoleszenten, sich aus diesen Verhältnissen zu lösen.
Ein tief bewegendes und maximal authentisches Buch!
War nicht schlecht, war aber auch nicht überragend gut. Das Buch setzt sich einfach aus einzelnen Fetzen ständig wechselnder Situationen zusammen. Es ist also keine am Stück geschriebene Story. Leider war mir das beim Kauf nicht bewusst, weil die Zusammenfassung dieses zerstückelte Werk nicht wiedergibt. In letzter Zeit fallen mir immer Bücher vor die Füße, in denen Autoren nicht klipp und klar schreiben, worauf sie hinaus wollen. Alles muss indirekt melodramatisch, modern und abgespaced sein. Der Leser braucht unbedingt ganz viel Interpretationsspielraum mit einem Hauch Weirdness. Ich hatte mir etwas mehr erwartet.
Der Buchumschlag und der Einband sind natürlich grandios gestaltet. Das war auch ein entscheidender Aspekt beim Buchkauf. Aber warum zur Hölle habe ich 20€ für ein 198 seitiges Buch bezahlt, in dem 75% der Seiten gerade mal zu einem Drittel beschrieben sind? Jesus! Auch das gehört wohl jetzt zur modernen Literatur. 🙄
3.5 Sterne: Schön kurze fragmentarische Einträge, die die Entwicklung eines Jungen zeigen. Der Junge spricht von sich selbst im Plural, als hätte er einen unsichtbaren Begleiter. Dadurch bin ich oft ins Stocken geraten, da ich überlegen musste, mit wem er gerade zusammen ist, dabei ist er aber fast durchgehend alleine. Eigentlich will er nur seine Ruhe, wird aber durch die Krankheit seiner Mutter stark herausgefordert und findet nur bei der Großmutter Kraft. Als diese stirbt, verliert er seinen Tritt, findet aber gleichzeitig zu sich selbst. Das Buch liest sich sehr schnell durch die kurzen Einträge. Das Heranwachsen des Protagonisten wird über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren dargestellt und endet wohl in den späten 90ern oder frühen 2000 ern. Die Figur wurde mir im laufe der Erzählung immer unsympathischer, sein Handeln so gar nicht mehr nachvollziehbar, natürlich bedingt durch die psychischen Belastungen in der gesamten Familie. Ich denke das Buch wird bei mir trotz der Härte des Erzählten leider keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Die Verhältnisse im Elternhaus des Jungen sind schwierig. Der Vater hat für alles einen Bibelspruch zur Hand. Die Mutter ist häufiger wegen psychischer Probleme in der Klinik. Dann muss der Junge, dessen Schwester noch nicht alt genug ist, um auf ihn aufzupassen, zur Tante oder zur Oma Aschenbach. Bei der Oma auf dem kleinen Bauernhof fühlt er sich wohl, denn die Oma kümmert sich um ihn, während er sich daheim des Öfteren um die Mutter kümmern muss. Eigentlich würde der Junge lieber malen und einfach nur Kind sein.
Es wundert einen nicht, dass der Junge von seiner Kindheit überfordert ist. Genau genommen hat er keine richtige Kindheit. So richtig auszudrücken wagt er es nicht, allerdings hat er schwerwiegende Hautprobleme, die der ärztlichen Behandlung bedürfen. Wenn man sich mit psychischen Erkrankungen nicht auskennt, könnte man auf die Idee kommen, die Eltern sollten sich besser um ihre Kinder kümmern, anstatt um sich selbst zu rotieren. Wahrscheinlich jedoch ist deren Wahlmöglichkeit eingeschränkt und wie eigentlich alle Eltern geben sie ihr Bestes, um den Kindern den Weg ins Erwachsenenleben zu ebnen. Es will ihnen nur nicht so recht gelingen. Der Vater flüchtet in die Bibel und wohl auch in den Alkohol, die Mutter flüchtet ins Krankenhaus. Die Oma scheint als Einzige relativ normal, auch wenn drei ihrer sechs Kinder früh gestorben sind und sie manchmal etwas viel vom Krieg redet.
Puh, so eine Familie möchte man nicht geschenkt. Man ist zum einen froh, dass es sich hoffentlich nur um einen Roman handelt und zum anderen ist man froh, dass es bei durchaus vorhandenen Schwierigkeiten in der eigenen Familie mehr Fröhlichkeit zu verteilen gab. In seiner Schwere hat der Roman durchaus einen Nachhall und die fehlende Gefälligkeit muss kein Nachteil sein. Die szenischen Beschreibungen entwerfen Bilder im Kopf. Doch manchmal fragt man sich, ob es der Tragödien nicht zu viele sind für ein kleines Leben. Immerhin der Junge ist stark und er steht seine Kindheit durch. Man fragt sich, ob man seine Stärke hätte oder ob man lieber auswandern würde.
Stephan Roiss ist ein facettenreicher Künstler mit jeder Menge Begabungen. "Autor & Vokalist" grenzt er dazu auf seiner homepage ein. Jetzt erscheint sein erster Roman über eine Kindheit in Österreich im Kremayr und Scheriau Verlag, Wien.
"Triceratops" erstaunt zunächst durch die Form: Schlaglichtartig zeigen sich die kurzen Absätze, treten die Akteure in und aus dem Licht - das erinnert an das Auf- und Zuziehen eines Bühnenvorhangs. Vorhang auf: Ein Kinderzimmer, ein Wohnzimmer, Sohn, Mutter – "Wir wollten nichts sagen, sie nicht berühren, nicht alleine sein mit ihr".
Der gut gepanzerte Dinosaurier Triceratops mit den drei Hörnern und dem undurchdringbaren Nackenschild ist des Jungen Held. So will er sein, gewappnet gegen Angriffe aus Alltag und Abenteuer und da das selbst mit hoher kindlicher Fantasie unwahrscheinlich märchenhaft erscheint, spricht er von sich im Plural - WIR - zur zusätzlichen Stärkung seiner selbst.
Dinosaurier faszinieren Kinder, vielleicht wegen des urzeitlichen Panzers, der archaischen Kraft, der märchenhaften Größe --- und auch Drachen – aus Bibel oder Sage - erfreuen sich bekanntermaßen großer Beliebtheit. So auch hier: "Wir warteten darauf, dass die Hügel zerreißen, dass ein Feuerturm aus dem gefrorenen Acker bricht und den Nachthimmel erleuchtet, während sich ein Drache aus dem Schatten vor uns löst und das Wort an uns richtet, ein Drache, groß und feuerrot mit sieben Köpfen und zehn Hörnern …"
Und der Junge hat es nicht leicht, mit einem schwachen Vater, der viel in der Bibel liest und hinnimmt und einer kranken Mutter mit häufigen Aufenthalten in psychiatrischen Einrichtungen. Dazu kommen noch Tante und eine Großmutter, bißchen unheimlich und manchmal rigide – wie Omas oft so sind. Und dann die Hänseleien in der Schule. Wohlbekannt. Und dann die Katastrophe.
Kindheit und Jugend, auch wenn sie nicht so verkorkst-verhängnisvoll ablaufen wie hier geschildert, haben ja immer mit Ungeheuern und Ängsten, mit Drachen- und Fegefeuern zu tun. Gerade diese Bedrängnis neu zu erleben, die gemalten und die erlebten Monster in Erinnerung gerufen zu bekommen, ist für mich das Großartige dieses Romans.
Ok, ich muss zugeben, die Erzählstimme hat mich durchweg verwirrt, obwohl ich es längst gerafft haben sollte: Der Junge, später Jugendliche, spricht von sich selbst als "Wir", worüber ich wirklich zu oft gestolpert bin.
Allein dieser Umstand ist wahrscheinlich eine rote Fahne für alle Psychologen. Was mit diesem Jungen "nicht stimmt", erfahren wir über kurze vignettenhafte Kapitel, die oft nicht mal eine ganze Seite füllen. Mit einer stark depressiven Mutter und einem sich teilnahmslos gebenden, bibeltreuen, später alkoholsüchtigen Vater erfährt der Protagonist wenig Halt oder Orientierung. Auch seine ältere Schwester scheint in dieser dysfunktionalen Familie geistig abwesend zu sein. Den Kindern wird eine Verantwortung aufgebürdet, der sie natürlich nicht gerecht werden können und gegen die der Protagonist sich mehr und mehr durch Flucht vor der Welt zu entziehen versucht. Niemand war jemals für ihn da, auch in der Schule wird er drangsaliert, und so muss er mit seinen ersten pubertären Erfahrungen irgendwie selbst klarkommen, sich fast schon selbst therapieren.
Wir spielten am liebsten mit dem Dinosaurier mit dem Nackenschild und den Hörnern. Er aß nur Pflanzen, aber war unbesiegbar. Er war kompakt, schwer gepanzert, ein guter Krieger. Niemand konnte ihn in den Hals beißen, nichts konnte ihn umwerfen. Er stand fest auf der Erde. (S. 62)
Stephan Roiss entwirft in "Triceratops" meiner Meinung nach das äußerst genaue Psychogramm eines Kindes, das in einer toxischen Beziehung mit der psychisch kranken Mutter aufwächst. Jeder Schritt des Jungen ist absolut nachvollziehbar und man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen, alles Ungeschehen machen. Das Trauma der Mutter wütet in dieser Familie über die Schmerzgrenze hinaus und hinterlässt eine Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, wie ich sie selten in Büchern gespürt habe.
Man wohnt hier der Entfremdung des Protagonisten von der Welt bei, die sowohl innerlich wie äußerlich vollzogen wird. Das war gleichzeitig interessant, aufschlussreich und unendlich traurig. Eine klare Empfehlung für alle, die die vorgenannten Themen nicht abschrecken. Gebt auf euch Acht!
“Ungeklärt ob Einzelgänger oder Herdentier. [...] Der Triceratops war einer der letzten Dinosaurier. Er starb am Ende der Kreidezeit aus.” S. 187
Wie durch Stroboskoplicht verursachte Lichtblitze erhält man Einblicke in das nicht einfache Leben des Protagonisten. Interessant, unzusammenhängend und nicht immer nachvollziehbar. Das Buch ist in zwei große Abschnitte aufgeteilt, die verschiedene Zeitspannen seines Lebens behandeln. Je mehr ich gelesen habe, desto eher konnte ich den Titel des Buches mit dem Inhalt in Einklang bringen. Der Protagonist handelt oft zusammenhangslos, vielleicht lag diese Wahrnehmung, aber auch daran, dass es keine Gedankengänge gibt. Die Situationen werden in kurzen knappen Sätzen beschrieben, ohne viel Emotionen.
Ich gebe nur ungern so eine schlechte Bewertung, jedoch konnte ich mit dem rein gar nichts anfangen. Ich konnte mich in unseren Protagonisten überhaupt nicht hineinversetzen und durch die schnellen Zeitsprünge, konnte ich mich irgendwie nicht in der Geschichte fallen lassen und habe mich wirklich durch diese 180 Seiten gequält.
Für mich persönlich war der Schreibstil das schlimmste, irgendwie konnte ich mit dem gar nichts anfangen und wie bereits erwähnt fand ich diese großen Zeitsprünge sehr anstrengend.
Letztendlich kann ich dem Buch leider nur 0 Sternen geben, denn ab der ersten Seite an ,habe ich immer nur gehofft, dass das Buch bald zu Ende ist.
Ein großes “Ich weiß nicht” steht hier im Raum. Mir fällt es so schwer, diese Rezension zu schreiben, denn auch wenn einige Wochen vergangen sind, seit ich dieses Buch gelesen habe, weiß ich immer noch nicht, was ich davon halten soll.
Ein namenloser Junge, der uns durch sein Leben von der Kindheit bis hin zum jungen Erwachsensein führt und von sich selbst im “Wir” spricht. Dadurch lernen wir ihn, seine Vergangenheit und auch seine Familienmitglieder kennen. Trauma, Einsamkeit und Selbstschutz in verschiedensten Arten bestimmen 24/7 das Leben des Jungen, welches er ständig auf seine eigene Art zu entfliehen versucht. Besonders interessant fand ich den Spagat zwischen Religion und Esoterik in seinem Leben und wie diese beiden Weltanschauungen aufeinandertrafen.
Die Geschichte schafft es nur mit wenigen und neutralen Worten und Sätzen dem Lesenden die Gefühlslage des Jungen, die schweren Familienverhältnisse sowie die tristen Zukunftsaussichten zu vermitteln. Diese nüchterne Sprache, die weder urteilt noch interpretiert, führt uns durch das Buch und lässt uns im Kreis des “Wir”. Es gibt kein Ausbrechen und wir bekommen kein klärendes Ende.
Schnörkellos, furchtbar, berührend: Triceratops war für mich eines der higlights, das 2020 auf der liste des deutschen buchpreises erschienen ist.
Der protagonist wächst in einem elternhaus auf, in der sich niemand im griff hat, die depression der mutter überschattet das leben der kinder, so wie vermutlich auch die depression ihres eigenen vaters ihre kindheit überschattet hat. Je mehr man über die familientragödie erfährt (denn so viel kann man verraten: die mutter ist nicht das einzige problem), desto mehr fragt man sich: wie soll der protagonist das bitte aushalten? Und obwohl die themen so schwer sind, übertreibt roiss in seiner erzählung nicht, er stellt nur die handlung dar, verurteilt und bewertet keinen der charaktere, zwängt uns nicht die gefühle des Protagonisten auf. Somit bleibt es dem leser, sich in die situationen reinzufühlen und die einzelnen Familienmitglieder zu bewerten, das hat es für mich auch so mitreißend und spannend gemacht!
Man erlebt die Vergangenheit des Protagonisten anhand von kurzen Erinnerungsfragmenten, wobei der protagonist von sich als wir erzählt, was mir sehr gut gefallen hat, weil man schnell mitkriegt, dass der protagonist niemanden hat, auf den er sich verlassen kann. Der text besteht aus vielen kurzen szenen, die zunächst ohne zusammenhang wirken und sich theoretisch schnell lesen lassen, die man aber unbedingt aufmerksam lesen sollte, weil es eben doch viele zusammenhänge gibt, die die geschichte noch viel trauriger wirken lassen.
Also, wenn man mal lust auf ein familienframa hat, das sehr authehtisch dargestellt ist und einen auf vielen ebenen zum nachdenken anregt, kann ich dieses schlanke buch sehr empfehlen! :)
Also ich fand das Buch nicht schlecht. Weiß aber auch nicht recht, was ich dazu sagen soll. Ich bin an sich sehr offen für innovative Erzählweisen und finde es toll, wenn sich ein Autor traut es einfach mal ganz anders zu machen als die anderen. Allerdings war es Abschnittweise doch zu sprunghaft und abgehakt für mich, um zu folgen. Die Themen sind wirklich interessant und ich weiß nicht wie er es geschafft hat, aber Stephan Roiss hat mittels (scheinbar) teilweise willkürlich aneinandergereihter Worte ein Bild einer sehr durch psychische Erkrankungen geprägten Familie zu schaffen. Mich hat die Geschichte keinesfalls kalt gelassen und ich kann auch nicht sagen, dass ich keine Bindung zu dem Hauptcharakter herstellen konnte und daher kommt auch meine doch gute Bewertung des Romans, da ich dies dann doch beeindruckend finde, wie er das in diesem Stil vermitteln konnte.
Zugegeben fragte ich mich trotzdem um ehrlich zu sein zwischendurch immer wieder, wie einem denn so etwas einfallen kann, wirkte Stephan Roiss doch sehr normal und sympatisch bei der Lesung, die ich von ihm gesehen habe.
Ich kann mich leider auch nicht entscheiden, ob ich das Buch weiter empfehlen würde. Ich denke, in diesem Fall ist es noch viel mehr als sonst: einfach geschmackssache!
Triceratops, dieses urzeitliche Nashorn, der letzte Dinosaurier, ist Sinnbild und titelgebend für diesen Roman, der von einem Jungen in einer dysfunktionalen Familie erzählt. Der Großvater, ehemaliger Kriegsteilnehmer, hat sich erhängt, der Vater sitzt stoisch trinkend und teilnahmslos meistens vor dem Fernseher und die labile Mutter ist ständig auf dem Weg aus der Psychiatrie und wieder rein. Das lässt den Jungen und seine Schwester in eine schwierige Situation zurück und er spricht konsequent immer von einen wir um das alleinsein zu überwinden.
Auch die Schwester wird mit dem Leben nicht fertig und folgt den Weg der Mutter. Eine tragische Geschichte, unbarmherzig erzählt.
Literaturkritiker Jörg Magenau bringt den Vergleich mit Das große Heft von Agota Kristof ins Spiel. Das finde ich etwas hoch gegriffen, aber die Richtung stimmt.
Die sprachlichen Mittel des österreichischen Autors Stephan Roiss sind radikal.
Eine zerrüttete Familie, mittendrin ein kleiner Junge der Monster in seine Hefte malt und von sich selbst als Wir spricht.
Atmosphärisch erzählt, düster und bedrückend, dabei aber sehr subtil. Das fand ich ganz großartig. Die Geschichte erfährt man, insbesondere in der ersten Hälfte, nur in winzigen Fragmenten. Das hat mir leider den Zugang stark erschwert. Oft konnte ich grade zu Beginn nicht einordnen, was eine bestimmte Szene jetzt eigentlich zeigen/sagen sollte. Das wurde in der zweiten Hälfte besser.
Das Buch ist in einer sehr poetischen und ergreifenden Sprache geschrieben, aber nicht so dass man überhaupt nichts mehr versteht. Die Geschichte hat mich gleichzeitig fasziniert aber auch etwas mitgenommen und teilweise hätte ich einige Passagen gerne übersprungen. Ich fände es gut , wenn man irgendwo vermerken würde , dass das Buch teilweise sehr belastende Themen anspricht und schildert zb der Umgang mit Essstörungen und selbstschädigendem verhalten.
Wir bevölkerten die Dunkelheit mit unseren Vorstellungen, malten uns geflügelte Raubkatzen und Eisriesen aus, wir sahen Leuchtfeuer, die eine große Schlacht ankündigen, eine Schlacht, in der ein stummer Hexer seine Stärke beweisen und auf einer Panzerechse in der Reihe der Feinsten reiten wird, um die Welt vom Bösen zu befreien. - S. 87
Dieses Buch wird wohl bei vielen, die im Deutsch-LK gewesen sind, Erinnerungen hervorrufen. Nicht etwa, weil es darin behandelt wurde, sondern weil sich aus dem wenigen an Text, das sich einem bietet, sehr viel herauslesen kann - wenn man denn will.
Fragmentarisch und in kurzen, manchmal unchronologisch erzählten Kapiteln erhält der Leser Einblicke in den Alltag des Protagonisten, dessen Namen man nie erfährt. Schnell wird klar, dass er in seiner Familie, bestehend aus psychisch kranker Mutter, alkoholisiertem Vater und einer autistischen Schwester, nicht glücklich ist. Dies bleibt er auch in all den Jahren nicht, in denen die Zeit voranschreitet, und in denen er versucht, abseits von seiner Familie eine eigene Identität aufzubauen. Und obwohl das nach einem stereotypischen Entwicklungsroman klingt und etwas, was einem überhaupt nicht im Gedächtnis bleibt, so stimmt das nicht ganz.
Denn die Atmosphäre dieses Buches gleicht keiner, das mir bisher begegnet ist. Es mutet etwas kafkaesk an, da man immerzu hinterfragt, was von alldem stimmt und wirklich passiert, was der Hauptcharakter wahrnimmt. Denn er selbst ist nicht nur sehr wortkarg, sondern auch unzuverlässig angesichts seines labilen geistigen Zustands, aus dem er sich seit seiner Kindheit nicht hinauswagt. Mehrfach hat man auch das Gefühl, dass er eine Dissoziative Identitätsstörung hat, da er immerzu von ,,wir'' statt ,,ich'' spricht. Allgemein hat er einen sehr undurchschaubaren Charakter, der bis auf sein Leid, Unwohlsein und seine Suche nach Wertschätzung kaum andere Aspekte aufweist. Etwas, das mit Sicherheit in anderen Büchern störend wäre, aber in diesem Fall einfach zur Stimmung passt. Man fühlt sich schwer und schwerelos gleichzeitig, während man durch den Nebel an Beschreibungen des Hauptcharakters watet und sich fragt, ob man jemals wieder hier rauskommt. Tatsächlich hält er einen so sehr gefangen, dass man gar nicht anders kann, als das Buch in einem Rutsch durchzulesen, weil man all diese Puzzleteile zu einem halbwegs deutbaren Ganzen zusammenfügen will.
Dabei hängen schwere Thematiken wie Essstörungen, intergenerationales Trauma, Mobbing und Selbstfindung in diesem Buch, die nie explizit beschrieben oder ausgearbeitet sind, aber eben wie ein Damoklesschwert über dem Schicksal des Hauptcharakters hängen. Es ist trostlos und hoffnungslos und scheint auf der Familie zu lasten wie ein Fluch, dessen Vernichtung niemand beschwören kann. Dabei kommt auch immer wieder die Metapher des Triceratops auf, dass seine Familiengenossen über alles beschützen möchte, zu dem sich der Protagonist aber nicht transformieren kann. Wovon er schließlich irgendwann so frustriert ist, dass er sich fragt, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, sich davor zu retten.
Und auf dieser metaphorischen Ebene lässt das Buch einen nicht wirklich los. In schwierigen Familienverhältnissen fragt man sich häufig, ob man die Fehler seiner Vorfahren wiederholen wird und ob man das überhaupt kann, wenn man so sehr von der Familie beeinflusst wird. Viele Kinder und Jugendliche müssen sich mit dieser Frage irgendwann beschäftigen und haben Schwierigkeiten, sich in ihrer Identität zurechtzufinden, weil ihnen häufig nicht die Möglichkeit gegeben wird, als es anders zu lernen als das Verhalten der Eltern. Genau aufgrund dieser Thematik und dem Kampf des Protagonisten um seine Selbstbestimmung und sein Recht, sich um sich selbst statt um seine Familie zu kümmern, fiebert man doch irgendwie mit ihm mit, auch wenn man faktisch nichts über ihn weiß und er eine Menge Unsinn macht.
Lediglich das Ende ist ziemlich verwirrend. Zwar kann man auf gefühlt jeder Seite dieses Buches Vermutungen anstellen und Hinweise analysieren, die die kruden Erinnerungen des Protagonisten zu einem Bild zusammenfügen, allerdings scheitert das an den letzten paar Seiten. Daher hinterlässt das Buch einen unsicher und nicht gänzlich zufrieden zurück.
Dieses Buch ist für diejenigen, die gerne eine Geschichte zu Tode analysieren und sich in dunklen Themen pudelwohl fühlen. Auch eine Vorliebe für spezielle Erzählweisen und seine grauen Zellen während des Lesens anszustrengen wären definitiv von Vorteil. Denn im Grunde ist es die Geschichte eines Jungen, der ein letztes Mal versucht, seine Familiengeschichte hinter sich zu lassen und seine eigene zu schreiben, unabhängig davon - und ob das überhaupt möglich ist. Zwar steht Vieles davon nur zwischen den Zeilen und erfordert viel Mitdenken des Lesers, macht dadurch aber auf makabre Art unglaublich viel Spaß. Nur beim Ende hätte sich der Autor etwas mehr Eindeutigkeit erlauben können. Ein ideales Buch für eine düstere Jahreszeit und Gemüter mit speziellem Geschmack!
Ein Junge, welcher in der 1. Person Plural von sich spricht, von “wir” wenn es um ihn selber geht, ist der Protagonist dieses Romans, welcher nominiert war für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Der Junge liebt Ungeheuer, malt Monster in seine Schulhefte und mag die Ecke noch so klein sein, vor allem begeistert ihn der Triceratops. Warum er all dies tut war die Frage, welche mich beschäftigte und dann war ich auch schon im Sog dieses Buches verschwunden. Eine dysfunktionale Familie, eine psychisch schwerkranke Mutter, eine ältere Schwester, die ebenfalls schon psychische Auffälligkeiten zeigt, ein Vater, der das Aussitzen beherrscht, in Bibeltexte flüchtet und sein Freund der Alkohol ansonsten hilft, und eine Oma, zu welcher der Junge immer kommt, wenn die Mutter wieder in die Psychiatrie muss, die ihm ein Stück Normalität, Geborgenheit, Nähe vermittelt und mittendrin ein Junge und seine Monster.
Mir hat dieser Roman sehr gefallen. Sprachlich sehr nüchtern, sachlich und distanziert, jedes Wort sitzt wohin es gehört und Leser*innen wird dadurch Raum gegeben für eigene Emotionen,Gedanken und Bilder. Ich empfand den Roman schnörkellos und unverblümt erzählt, die Perspektive sehr gut gelungen und die Personen sehr treffend beschrieben. Die Kapitel stehen irgendwie für sich, gehen nicht direkt und fließend ineinander über, was mir etwas Distanz und Lufzholen ermöglichte, denn dieser Romane ist athmosphärisch dicht, intensiv, tiefgründig und behandelt ein sehr wichtiges Thema. Trotz der Düsternis und schweren Kost ist dieser Roman durchaus lesenswert.
Das Cover finde ich wunderschön mit dem Triceratops auf schwarzem Grund. Der Klappentext hat mich angesprochen und ich habe deshalb schon keine einfache Geschichte erwartet. Der realistische Schreibstil des Autors beschönigt nichts. Die ungewöhnliche personalisierte Erzählweise ,in der Wir - Form ,hat nichts majestätisches ,aber ich finde es interessant zu lesen. Vieles reisst der Autor hier nur an,dadurch wird meine Fantasie entfacht.Auf diese Art entblättert der Autor ,den Namenlosen (so nenne ich ihn für mich),ein pubertierender Junge,der mit Akne,Fettleibigkeit und Neurodermitis zu kämpfen hat.In der Schule wird er gemoppt ,was mich nicht verwundert.Die Mutter kämpft seit Jahren mit ihrer Schwangerschaftsdepression ,dem Vater fallen nicht immer hilfreiche Bibelstellen ein.Einziger Lichtblick sind die Besuche des Namenlosen bei seiner Großmutter. Der Triceratops,eine Dinosaurier-Art hat in dieser Geschichte seine Berechtigung,da der „Namenlose“ gerne so wäre ,wie dieses prähistorische Wesen. Ich persönlich konnte das Buch nicht in einem Rutsch lesen und einige lokalspezifische Wörter waren mir unbekannt. Fazit: Durch die Schwere der Thematik ist dieses Buch nicht zum zwischendurch lesen geeignet.
Ein Triceratops hat einen starken Panzer, ein großes Schild und drei Hörner. Gleichermaßen gerüstet für Angriff und Verteidigung. Das macht den Triceratops aus. Der Protagonist des Romans hätte einen solchen Panzer auch dringend nötig.
Seine Familie ist kaputt, seit Generationen gibt es immer wieder psychische Erkrankungen: die Mutter, schwerst depressiv, muss immer wieder stationär aufgenommen werden und kann sich nicht um ihre Kinder kümmern. Im Gegenteil. Die Schwester - selber psychisch instabil - und der Vater - Alkoholiker - sind überfordert mit der ganzen Situation. Inmitten all dieser Probleme wächst der Protagonist auf. Nur die Großmutter kümmert sich wirklich um ihn. Doch als sie stirbt und er auch bei Freunden keinen Halt finden kann, geht es immer weiter bergab. Seine Familie fordert von ihm die Unterstützung, die er von ihr nicht bekommt. Das überfordert ihn.
Nur die nüchterne und distanzierte Schreibweise, sowie die Tatsache, dass der Protagonist von sich selber als wir spricht, macht es für den Leser aushaltbar, sich mit diesem schwierigen Thema auseinander zu setzen. Ein wichtiger Roman, der ein Thema beleuchtet, das sonst wenig Beachtung findet: das Schicksal von Kindern psychisch kranker Eltern.
Hach, ich weiß irgendwie gar nicht, was ich zu diesem Buch sagen soll.
Ich mochte den Schreibstil – er war klar und kraftvoll und dennoch auf eine Art ... gespenstisch, poetisch und verwoben. Die Sätze kurz und prägnant. Das Papier ist schön dick, der Aufbau der Seiten faszinierend und einprägsam.
Für mich hat hier allerdings der Höhepunkt gefehlt, auch wenn natürlich einige einschneidende Erlebnisse im Leben des Protagonisten geschehen sind. Es ist allerdings alles ein wenig ... dahingetröpfelt. Hat sich angefühlt wie ein kleiner Bach, der gleichmäßig dahinfließt. Manchmal kamen gewisse Zeitsprünge zu abrupt, haben mich aus dem Lesefluss gerissen.
Ich glaube, ich muss länger über das Gelesene nachdenken, um zu einem finalen Schluss zu kommen, aber aktuell bleibe ich ein wenig unzufrieden zurück.