Das Buch dürfte noch für einige Zeit zu den düsteren, beklemmenden Gemälden vom „Hollywood Babylon“ gehören. Los Angeles im moralischen Zwielicht seiner wirtschaftlichen Abhängigkeiten und der Spektakel seiner größten Industrie: des Filmgeschäfts. Dort, sagt das Buch, ist alles Lüge und alle kriechen vor den Götzen Geld und Sex. Du kannst Leute zum Spaß umbringen, Polizei und Staatsanwaltschaft halten dir die Stange, solange deine Filme Millionen scheffeln.
Dieses war der sechste Krimi des Juristen Michael Nava, in dem der mexikanisch-stämmige Henry Rios uns die Mordfälle selbst erzählt. Wieder und wieder hat Nava für solche Romane den Lambda Literary Award für Gay Mystery Writing erhalten. In diesem Fall blieb es nur bei einer Nominierung. (Gekriegt hat ihn 1998 dann David Hunt (William Bayer) für „The Magician's Tale“.) Rios, der wie sein Autor in einer Staatsanwaltschaft angefangen hatte, ist Strafverteidiger. Er stammt aus dem kalifornischen Zentraltal und hat, wie der Autor, zuerst im Raum San Francisco gelebt und gearbeitet, besitzt jetzt aber ein eigenes Haus über einem verwilderten Canyon im Westen des Großraums LA. Mit schöner Chandler'scher Regelmäßigkeit wird Rios von den Dämonen und Desillusionierungen seiner Vergangenheit heimgesucht. Sein Vater hatte die Homosexualität aus ihm heraus prügeln wollen. Selbst nicht infiziert, musste er dem Sterben seines Liebhabers Josh an AIDS zuschauen und streitet sich am Anfang des Romans noch mit dessen Eltern vor Gericht, die ihren Sohn „zurück“ haben wollen. Das heißt, der schwule Teil, also auch Henry, in dessen Haus er gewohnt hat, soll aus dem Andenken an den Toten verschwinden und er soll nicht, wie das sein Wunsch war, kremiert werden, denn: Juden werden nicht verbrannt. (Die Leiche ist einstweilen eingefroren.)
Die „brennende“ Ebene (im Deutschen eigentlich falsch übersetzt, da das Feuer keineswegs schon vorbei ist, vielmehr eine ewige Folter für die auf der Ebene zappelnden nackten Gestalten) ist Los Angeles, auf dessen Lichter Rios nachts hinunter sieht. Dieses Bild stammt aus der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri, die sich Rios im Lauf dieser Geschichte noch mal kauft um nachzulesen, wer in welche Kreise der Hölle kam. Selbstverständlich gab es für „Sodomiten“ einen.
Rios ist mittlerweile in die zweite Hälfte seiner Vierziger eingetreten, meidet schwule Lokale, Saunen und Parks. Er lebt allein. Seinen Alkoholismus hat er vor langer Zeit unter Kontrolle gebracht. Aber er wirkt ein bisschen traurig, enttäuscht und ergraut, sodass er sich schon sagen lassen muss, er wäre wieder einer von diesen schwulen Boomern. Ein reicher und tuntiger Generationsgenosse bringt ihn in ein böses Spiel hinein, indem er ihn als Verteidiger eines bisexuellen Schauspielers engagiert, der mit einer Pistole aufs Grundstück einer Oscar-ausgezeichneten Regisseurin eingedrungen war. Dann ein anderes klassisches Noir-Motiv: Rios glaubt in seinem Mandanten den wiedergekehrten Lover zu erkennen, reagiert hilflos und stalkt den jüngeren Typen mehrere Wochen. Es kommt zu einer Liebesnacht, die mit Blutvergießen endet und Henry prompt zum Mordverdächtigen macht, als der Bisexuelle, der doch eher Stricher als Schauspieler war, brutal ermordet aufgefunden wird. Und zugleich ist seine Mitbewohnerin spurlos verschwindet.
Chandleresk geht’s weiter, als der offen schwule Rios mit einem homophoben, aber ebenfalls Latino von der Mordkommission zusammenstößt, der ihm die Sache anscheinend nur, um einen kritisch hinterfragenden Schwulen zu erledigen, anzuhängen versucht.
In der Tat könnte man dieses dicke, durchweg fantastisch gut geschriebene, sehr unterhaltsame, immer wieder neue Spannung gewinnende Buch als Muster eines Super-Chandlers für die Jahrtausendwende bezeichnen. Mit der Traditionalität und dem Klassizismus dieses Krimi-Autors Michael Nava hängt allerdings zusammen, dass das Buch immer wieder wie „um etliche Jahre zu spät gekommen“ wirkt. Da kidnappen unidentifizierbare Provinzpolizisten den Detektiv, verschleppen ihn in die Wüste, veranstalten eine Schein-Exekution. Da werden Indizien gefälscht bzw. untergeschoben, aber bis zum Schluss kann man das offenbar höchstens wissen, aber nie gerichtlich nachweisen. Da verurteilen Born-Again-Eltern ihren schwulen, minderjährigen Sprössling zur Aversionstherapie mit Hilfe von Psychodrogen und Elektroschocks. Da mahnen überall die AIDS-Toten. Da kontert Henrys schwuler Kumpel seine Bemerkung „Er wollte nur sicher leben“ mit: „Für uns [Schwule] existiert kein sicheres Leben.“
Eine Sache hat Nava seinem wiederholt als Vorbild genannten und bedankten Autorenhelden Joseph Hansen nicht abgeschaut: Wo es die Leser in Hansen-Krimis aus LA gelegentlich stresst, wie viele Figuren er einführt, deren Gewicht fürs Buchganze man nicht einschätzen kann, sodass sie bis knapp vor Schluss als mögliche Täter in Erwägung gezogen werden müssen, hat Michael Nava eher zu wenige Figuren im Roman, wie aber auch zu viele Hinweise auf Machenschaften in einem von den alten Hollywood-Studios, als dass man nicht recht bald auf den richtigen Täter zu tippen anfinge.
Auch mit dem Anteil der Homosexuelle an der Wohnbevölkerung übertreibt es der Autor etwas. Da wären schon mal Rios und sein Kumpel, der ihm das Honorar zahlt, dann der Angeklagte, der ja bald ermordet wird, dann zwei weitere Tote, die mit denselben Verstümmelungen entdeckt werden, dann die Staatsanwältin, die man als Lesbe mit der Aufklärung von Homosexuellendiskriminierung im Justizapparat beauftragt hat, sowie deren Freundin, dann der Fahrer eines gefakten Film-Ausstattungs-Taxis, bei dem man das Opfer zuletzt gesehen hat, dann der Bruder der verschwundenen Mitbewohnerin, dann jener Closet-Schwule, der sämtliche Alltagsgeschäfte des Studios dirigiert. Es ist nicht nur eine überaus heiße, sommerliche, sondern auch eine ziemlich schwule Welt dort drüben in Süd-Kalifornien.