Jana, beseelt von einer nächtlichen Unterhaltung über Väter, beschließt mit Mitte Zwanzig endlich auch ihren eigenen kennenzulernen. Sie bucht eine Donau-Kreuzfahrt auf der MS Mozart, deren Kapitän, das ist ja der Witz, ihr Vater Milan ist. Das Buch ist in die acht Reisetage zwischen Passau und Wien eingeteilt (was schon so viel verrät, dass sie nicht eher abreist, auch wenn sie es mehrfach in Erwägung zieht) und liest sich in wenigen Stunden weg.
Nun denn, was soll ich sagen? Nett? Aber auch für ein Debüt relativ schwach. Ich bin großer Fan von Hartmanns Humor - und wenn es Menschen gibt, denen ich den kurzzeitigen Ruhm, den Social Media Pop-Literatur mit sich bringt, gönne, dann sind es junge Frauen. Aber, um einer Rezensentin beizupflichten, Ilona Hartmann bleibt unter ihren Möglichkeiten.
Das Buch hat schöne Momente, ich hätte es aber beinahe nach den ersten paar Seiten weggelegt. Über 30 Adjektive, gerade mal auf den ersten beiden Seiten - der Anfang des "Romans" liest sich wie ein humoristischer Schulaufsatz über die vergangenen Sommerferien. Einige Seiten später ist der Schreibstil etwas selbstbewusster. So richtig glänzt das Buch jedoch an keiner Stelle - das Mitgefühl und die Liebe, die Hartmanns Protagonistin ihren Eltern entgegenbringt, gehören für mich zu den positiveren Aspekten dieses Debüts (trotz der oberflächlichen Abhandlung).
Leider plätschert die Geschichte aber einfach so folgenlos vor sich hin, ohne bei mir einen tieferen Eindruck zu hinterlassen. Ich hatte das Gefühl, dass Hartmann kein Risiko eingehen wollte und sehr vorsichtig geschrieben hat. Gerade weil sie so vage bleibt, schafft sie es, die Gefühlslage ihrer Crowd aus Millennials und eventuell einigen Gen Z Kids persönlich anzusprechen: Flucht vor dem Dorfleben? Relateable. Desillusionierung während des Studiums? Relateable. Feststellung, dass Berlin doch nicht so geil ist? Relateable, relateable, relateable. Substanz? Fehlanzeige.
Am rührendsten fand ich die wenigen Stellen, an denen sie Vaterschaft nicht oberflächlich reflektiert, sondern, so nehme ich an, aus eigener Erfahrung spricht.
Nichtsdestotrotz sind mir einige Details schleierhaft, die eher mit dem Verlag als mit der Autorin zu tun haben:
1. Das Lektorat des Textes scheint mir etwas ungenügend (auch wenn ich die Erstfassung des Manuskripts natürlich nicht kenne). Das Tempus des Romans ist all over the place, kein Charakter schafft es mehr als eine Schablone zu sein (nicht einmal die Protagonistin), selbst Hartmanns Komik ist unerwartet schnell abgelutscht.
Ich hätte das Manuskript gar nicht erst durchgelassen um ehrlich zu sein. Der Stoff ist gut genug für eine Kurzgeschichte, aber für einen "Roman" reicht das meiner Meinung nach noch lange nicht. Das hat der Aufbau Verlag scheinbar anders gesehen, na ja.
2. Ich habe neulich gelesen, dass die Entstehung dieses Buchs zwei Jahre gedauert haben soll. Versteht mich nicht falsch, ich spreche hier nicht als Vertreter*in einer kapitalistischen Verwertungslogik sondern als schreibende Person. Für zwei Jahre Arbeit ist das Ergebnis doch recht dünn. In meiner E-Book Ausgabe zählt das Buch gerade einmal 114 Seiten (ich habe mich teilweise gefragt, ob das ein Fehler ist?), zieht man die zahlreichen Leerseiten ab, ist man bei unter 100 Seiten Manuskript. Puh.
Wo wir schon beim nächsten Punkt wären:
3. 18 Euro für dieses Buch zu verlangen, finde ich dreist. Die Hardcover-Ausgabe dient mMn ausschließlich dazu, darüber hinwegzutäuschen, dass es sich bei "Land in Sicht" eher um ein Heft handelt. Ich dachte schon, es sei nur der Hanser Verlag, der die Preise arg angezogen hätte, aber auch bei Aufbau scheinen neuerdings schräge preisliche Vorstellungen zu herrschen.
Aber hey, junge, hübsche, weiße Frau. Lasst mal die Seele aus ihr herausvermarkten und sie überall, wo nur geht, in der Presse platzieren, damit dem Feuilleton möglichst nicht auffällt, dass ihr Buch wenig gehaltvoll ist.
Das soll keine Kritik an Hartmann sein, sondern an dieser neuen Art des aggressiven Marketings und der Anwerbung über Twitter und Instagram. Ich kann die Tik Tok Literatur kaum abwarten. Wahrscheinlich kommt bald Sebastian Hotz mit einem nachdenklichen Debüt über "Ohio is for Lovers" um die Ecke.
Ich hoffe nur, dass Hartmann wenigstens einen vernünftigen Vorschuss für das Buch bezahlt bekommen hat und fürs Erste finanziell gut genug abgesichert ist, um in Ruhe an weiteren Texten (so sie welche plant) arbeiten zu können.
So negativ meine Rezension auch klingen mag: Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, musste mehrfach laut auflachen (auch wenn der Humor deutlich zahmer war, als auf Hartmanns Twitter-Account) und hatte einige Stellen, an denen ich mich mit der Protagonistin wegen gemeinsamer daddy issues identifizieren konnte. Ich bin nur enttäuscht darüber, dass Ilona Hartmann sich in die Riege der Jasmin Schreibers und Kathrin Weßlings einreiht. Ich hatte gehofft, dass von ihr mehr zu erwarten wäre, schade drum.
Trotzdem mein herzliches Beileid dafür, dass ihr Debüt ausgerechnet in diesem beschissenen Jahr rauskommen muss und entsprechend viele Lesungen und Termine aus, nun ja globalen Gründen, wegfallen werden.
Sollte sie in Zukunft weiterschreiben, würde ich nochmal einen Anlauf wagen. Aber fürs Erste scheint Ilona Hartmann bei der Kürzestform Twitter ihre Meisterdisziplin gefunden zu haben. Ein "Statusmeldungen" à la Sargnagel hätte als Buch vielleicht besser funktioniert (und wäre sicher um einiges dicker geworden). Leider nur 2,5 Sterne.