Eine Geschichte, die anderen nützt, vielleicht noch in ferner Zukunft, mehr soll ihr Bericht gar nicht sein, sagt Angela del Moro am Schluss. Da ist sie dreiund- zwanzig und hat mehr hinter sich als andere im doppelten Alter. Schon mit sechzehn hat sie es zu etwas gebracht, als Kurtisane, der einzige Beruf, in dem sie Geld verdienen, ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Der Absturz beginnt mit einem Sie wagt es, einen Stammkunden wegzuschicken, und die Rache des Abgewiesenen ist mörderisch. Andere überleben so etwas nicht, aber Angela will kein Opfer sein. Ihr Wiederaufstieg ist eine Sensation. Das kann nicht nur gut gehen. Lea Singer erzählt die historisch verbürgten Erlebnisse einer jungen Frau, La Zaffetta genannt, im Venedig der Renaissance, und offenbart, wie nebenbei, die Abgründe der Serenissima in der Zeit eines Tizian oder Aretino. Sie spricht durch die Person einer jungen Frau, die einen Skandal auslöste, weil sie sich das Recht nahm, ihre Wünsche zu leben. Und die zum Kult wurde auf einem der berühmtesten Bilder der Tizians Venus von Urbino.
3,75 Sterne circa. Ein spannender, historischer und realitätsnaher Roman, der gleichzeitig ein wichtiges Thema behandelt: die Rolle der Frau (in der Renaissance). Auch der Schreibstil hat mir gefallen.
Eine Frau weist einen Liebhaber ab. Er rächt sich, indem er ihr Gewalt antut und Rufmord an ihr begeht. Das klingt sehr heutig. Im einundzwanzigsten Jahrhundert würde der Mann wohl die sozialen Medien benutzen, um die Frau gesellschaftlich fertigzumachen. Im Venedig des sechzehnten Jahrhunderts schreibt er ein Pamphlet über sie, lässt es drucken und verteilen. Rund um ihre Wohnung beauftragt er bezahlte Helfer, die die Mauern mit Beleidigungen gegen sie vollschmieren. Sie kann sich kaum noch auf den Straßen sehen lassen. Nicht frei erfunden, sondern die Geschichte der Kurtisane Angela del Moro, auch La Zaffetta genannt. Ihr Schicksal ist – ungewöhnlich für eine Frau ihres Standes und ihres Berufs – gut dokumentiert. Der abgewiesene Freier ist ein venezianischer Adliger, Lorenzo Venier. Bevor er seine üblen Verleumdungen unters Volk bringt, lässt er sie von dutzenden herbeigerufenen Männern vergewaltigen. Eine Praxis, die in Venedig damals gut bekannt war: ein sogenannter Trentuno. So nennt er dann auch sein angeblich satirisches Buch. Ihm passiert nichts. Kurtisanen waren Freiwild. La Zaffetta erhebt sich allerdings aus der Asche. Der Phoenix (la fenice) ist im Italienischen weiblich. Sie kann an die Karriere anknüpfen, die sie sich zuvor aufgebaut hat. Viele Möglichkeiten gab es nicht: Entweder waren die Frauen mehr oder weniger eingesperrt in einem Kloster oder in der Ehe. Oder sie waren Prostituierte, im Fall der Zaffetta Kurtisane. Sie erwirbt Bildung, spielt ein Instrument, verkehrt in Künstler- und Adelskreisen (wo sie auch ihre Freier rekrutiert) und lernt irgendwann auch Tizian kennen. Der malt sie mindestens dreimal. Am bekanntesten ist sie wohl als Venus von Urbino (s. Bild 1). Angela del Moro entscheidet sich sehr bewusst gegen die Ehe und für ihren Beruf, sie sieht ihn als einzige Möglichkeit, als Frau unabhängig zu leben. Aufklärung und Humanismus spielen für Frauen, gleich welchen Standes, keine Rolle. Sie bleiben den Männern, besonders den Adligen ausgeliefert. Lea Singer zeichnet in oft bildhafter Sprache ein sehr lebendiges Bild der Frau und der Stadt, in der sie lebt. In vielen Dialogen lernt man die Protagonistin kennen und ihren Ehrgeiz verstehen. Singer hat ihr Leben und den venezianischen Hintergrund bis ins Detail recherchiert. Auf den Seiten des Kampaverlags kann man die Fakten nachlesen, die sie verarbeitet hat.
Ein höchst interessanter Roman über ein Frauenleben in der Renaissance. Im ersten Drittel mit ein paar Längen, aber dann furios! Bücher von Lea Singer sind immer lesenswert.
Venedig - Angela del Moro, als Kurtisane mit 16 Opfer eines Verbrechens - mit 23 Ikone im wahrsten Sinne des Wortes, als Vorbild für Tizians Venus von Urbino - freie Nacherzählung der Geschichte einer interessanten Frau