Als Henni Binneweis 1902 das Licht der Welt erblickt, herrscht Wilhelm II. noch über Preußen und Kaiserreich. Die Frauen tragen Krinoline und arbeiten am heimischen Herd. Und ein Mädchen, das im Hinterhof einer Mietskaserne am Prenzlauer Berg aufwächst, sollte nicht zu viel vom Leben erwarten. Aber Henni wird an ihrem vierten Geburtstag geweissagt, d sie zu Höherem jeborn sei, und daran glaubt sie fortan felsenfest. Im Jahr 1914 geht es so richtig Der Kaiser erklärt den Serben den Krieg. Das allein ist schon ein Abenteuer. Vor allem aber zerstört der Weltkrieg die alte Ordnung, und eine neue ist nicht in Sicht. Inmitten der revolutionären Tumulte schlägt Henni sich geschickt durch den Alltag. Und weil sie so kess wie hübsch ist, tanzt sie sich schon bald durch die rauschhaften Nächte und hinauf auf die Bühnen der Varietés, wo es munter drunter und drüber geht. Auch zu Hause am Prenzl- berg bleibt kein Stein auf dem anderen. Mama Binneweis ist Jüdin, was nun immer häufiger zur Sprache kommt, die Familie droht zu zerbrechen. Und plötzlich ändert sich auch für Henni alles. Doch Henni wäre nicht Henni, nähme sie nicht den Kampf auf gegen das, was sich unaufhaltsam zu einem bedrohlichen Sturm zusammenbraut.
Tim Krohn ist ein Meister darin, seine geschriebene Sprache dem Handlungsort und -Inhalt perfekt anzupassen. Was bei der Reihe der menschlichen Regungen der typische Schweizer Vorort war und bei Vrenelis Geschichten die Alpen, das ist für "Die heilige Henni der Hinterhöfe" das Berlin der goldenen Zwanzigerjahre. Damaliger Dialekt, Schnauze und Gepflogenheiten leben auf den Seiten auf, Krohn führt die Leserschaft durch Gassen, Strassen und leuchtende Nachtlokale.
Diese Nähe zum damaligen Zeitgeschehen macht die Lektüre spassig und lässt tolle Bilder entstehen. Nur leider will die eigentliche Geschichte nicht so richtig gefallen. Zu langsam kommt die Erzählung um die etwas naive Henni in die Gänge, zu unwichtig sind die beschriebenen Erlebnisse. So ist das Buch vorbei, ohne wirklich Gewicht zu tragen. Schade, besonders da politisch brisante Entwicklungen nicht ausgeklammert wurden.
Naiv wie Doris aus „Das kunstseidene Mädchen“ will Henni in Berlin hoch hinaus. Leider läuft nichts wie geplant. So lässt sich das Buch kurz zusammenfassen.
Sehr lange habe ich mich mit Henni schwergetan. Vieles war mir zu leicht, zu oberflächlich beschrieben und ich wurde nicht richtig warm mit Hennis einfältig beschriebener Persönlichkeit. Kurioserweise habe ich nicht aufgehört zu lesen. Das zeugt vom Erzähltalent von Tim Krohn. Und je näher das Ende nahte, umso spannender wurde es. Als Judaistin kann ich nur sagen: Toll, dass Hennis Jüdisch-Sein am Ende so klar und doch unaufdringlich zum Thema gemacht wird. Einen Stern Abzug gibt es für die erste, für mich persönlich etwas dahinplätschernde Hälfte. Aber gut möglich, dass das bewusst so gedacht war.
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Not particularly suspensfull but still very funny, especially the beginning. The writing style is incredibly good! Don't know how I feel about the end, but I suppose it was fitting.