Eine großangelegte Familien-Saga, ein exemplarischer Zeitroman. Ralph Giordano formt einen bisher wenig beachteten Stoff episch aus: Er erzählt vom Schicksal sogenannter "jüdischer Mischlinge" in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Die Vorgeschichte beginnt Ende des letzten Jahrhunderts, die eigentliche Handlung setzt vor 1933 ein und führt in die ersten Nachkriegsjahre. Ihr Schauplatz: Hamburg - von den Elbvororten bis zum Stadtpark, von Barmbek im Norden bis zum Hafen im Süden, mit unvergeßlichen, in den dramatischen Ablauf verwobenen Gestalten, Bildern, Situationen. Fast unglaublich ist diese Geschichte: Der Autor hat mit seiner Phantasie die nackte Realität überhöht; es ist ihm gelungen, eine sinnfällige Schilderung von Menschen unter bestimmten Bedingungen zu schaffen und eine Zeit zurückzurufen, die mit überwältigender Macht in das Leben aller eingegriffen hat. Er hat das Geschehen und die Figuren frei gestaltet. Hier sind die kleinen Leute mit ihren Schwächen unter dem grausamen Druck des herrschenden Bösen, mit ihren liebenswerten Zügen, mit dem Ausmaß des ihnen zugefügten Leides und der Fähigkeit zum Überleben. Nichts wird geschönt, keine bittere Erkenntnis verschwiegen. Doch was immer es an Furchtbarem gab: die Liebe zu Hamburg, diese ganz unsentimentale Heimatliebe, bleibt unerschüttert und ist entscheidend für die Zukunft der Bertinis.
Born to a Sicilian father and a Jewish mother, he was soon persecuted by the Nazi regime. His family survived the Holocaust by hiding in a friend's basement. After his experiences, he became a communist, but soon grew estranged because of his dislike for Stalinism and exited the German Communist Party in 1957. In 1982, he published his most widely known work, Die Bertinis, a semi-autobiographical novel portraying the experiences of a family of mixed ethnic heritage (including Jewish) from the end of the 19th Century through the end of World War II. In 1988, it was presented in a television series aired on the Second German TV network (Zweites Deutsches Fernsehen, or ZDF). Thereafter Giordano worked as a freelance writer and wrote numerous articles about his experiences in Nazi Germany and about the dangers of Neo-Nazi movements. He saw Islam as a threat: In a New York Times interview in 2007, he vehemently opposed the construction of a new mosque in Cologne, citing German mosques as "a symbol of a parallel society", and called the integration of German Muslims "a failure". Ralph Giordano died on Dec. 10, 2014, aged 91, in a Cologne hospital of complications following a hip fracture.
"Was Roman veranlaßte, die Hand mit der Waffe in der Tasche zu behalten, war die Wiederholung jener Erkenntnis, (...) daß für die Auseinandersetzung mit Theodor Wandt, und mit allem, was er verkörperte, die Waffe nicht tauge; daß dieser Kampf mit anderen Mitteln geführt werden müsse, auf Wegen, die er, Roman Bertini, noch nicht kannte, jedoch suchen und finden müsse." (S. 780)
Mit der Aufzeichnung seiner Lebensgeschichte in Romanform mit veränderten Namen und frei gestalteten Charakteren, hat Ralph Giordano (Roman Bertini) zweifelsohne ein Mittel gefunden. - Oh, er hat mir mit seinem 800-Seiten-umfassenden Werk eine Herausforderung der seltenen Art gestellt. Stets haderte ich mit seinem charakteristischen Schreibstil: verschachtelte Sätze, ungewöhnliche vor sich dahinstolpernde Beschreibungen, die für mich häufig kein Bild ergaben; unnötige Wiederholungen; dutzende Nebencharaktere, die mich überhaupt nicht interessierten und Hauptfiguren, derlei viele, die ich in ihrem Handeln nicht verstand. Kein Wunder, dass es mehrere Anläufe bedurfte, bis ich endlich dieses Buch las, obwohl es mein Interesse auf sich zog, seitdem ich als Jugendliche die Verfilmung davon sah. Ich wollte tiefer in das nacherzählte Geschehen eintauchen und die Familie Bertini näher kennenlernen. Doch immer stieß mich die Erzählweise ab. Nachdem ich nun ein Interview mit Ralph Giordano verfolgte, wusste ich, es ist Zeit dafür. Darin lag meine ganze Motivation in den letzten drei Wochen, durchzuhalten und Giordanos jahrelange Arbeit, gegen alle Theodor Wandts dieser Welt zu kämpfen, zu würdigen. - Ich wurde nicht enttäuscht, da der letzte Teil des Buches mich alle zuvor bewältigten anstrengenden Hürden und Mühen vergessen ließ. Denn hier findet sich das, wovon der Film, so großartig er auch ist, nicht erzählt: die Jahre nach der Befreiung und wie alle Charaktere auf unterschiedlichster Art das Danach erleben und das Davor reflektieren; die zugefügten innerlichen wie äußerlichen Wunden durch Verfolgung, Angst, Denunziation, Folter und dem wochenlangen Ausharren im Versteck. Endlich erfuhr ich auch, was aus den Leuten wurde, die den Bertinis stets zugetan waren, die sie versteckten und versorgten. Giordanos Waffe ist der letzte Teil: Es ist die verbale Abrechnung mit den Tätern, die Auseinandersetzung mit Gott und der Suche nach einer Antwort auf Auschwitz. Dies gelang ihm ohne unkritische Schwarz-Weiß-Färbung oder Pauschalisierung. In seinem Roman fanden Menschen aller Art und Gesinnung Platz. Er malt ein reales und tiefgründig reflektiertes Bild von ihnen. Selbst vor seiner Familie macht er nicht Halt und geizt weder mit Schwächen noch exzentrischen Verhaltensweisen. - Für mich letztlich ein großer Gewinn, es endlich gelesen zu haben!
Fascinierendes Familienepos, aufwuehlendes juedisches Schicksal, suesse Liebeserklaerung an Hamburg, ja, auch Deutschland und vor allem an die deutsche Sprache. Ich bin mir nun sicher, ich habe es nicht gelesen, als Jugendliche, nicht vor oder nach der Zeit als die Fernsehserie mich doch so beruehrte. Ich bin mir ganz sicher, es waere mir zuviel geworden. Zuviel Lust des Autors, sich and den Fehlern und Fehlverhalten seiner starken, aber mit allen erdenklichen menschlichen Schwaechen beschlagenen Charaktere foermlich sprachlich zu besaufen, immer wieder, wie zwanghaft, deren Zweifel und gewaltatige Gefuehle nach aussen stuelpend, durch Gesten, meist unkontrollierbar und im Affekt, durch Worte, Beschimpfungen, Beschwoerungen, Fluestern.. und Saetze, deren Ende und Bedeutung man dann doch erahnen kann und durch die man sich entweder gehorsam hindurchwinded, taenzelt oder quaelt, wieder und wieder, oder die man vielleicht, dann doch ein ganz kleines bisschen, und voller Schuldbewusstsein ob des Frevels, auch mal ueberfliegt. Die Leidensgeschichte der Bertinis, nah angelegt an Giordanos' Familie eigenes Schicksal im Dritten Reich, verlangt eigentlich all unseren Respekt und unsere ganze Aufmerksamkeit. So vieles geschieht und ist ja auch wirklich so oder aehnlich geschehen, ganz einzigartig doch so stellvertretend fuer viele, wird hier Geschichte in einer Familiengeschichte erzaehlt. Es ist ohne Zweifel ein grosses, lesenswertes, wichtiges Buch aus und ueber Deutschland. Ich muss auch die Fernsehserie irgendwann einmal bald wiedersehen, denn auch wenn es ja nur eine gekuerzte, bearbeitete Form sein kann, eigentlich sein muss, so hat es mich doch damals so sehr beeindruckt, dass ich nun das Buch zur Hand nahm, 20+ Jahre spaeter... Aber hat sich der Autor einen Gefallen getan, seine Liebe zur Sprache, ja seine eigene Reife vom Erlebenden zum Erzaehlenden auch in die Familiengeschichte zu packen ? Ich bin nicht sicher. Diese waren die Passagen, bei denen ich instinktiv fahriger lesen wollte, Absaetze ueberspringen mochte, obwohl ich ja seine Liebe zur eigenen, zur Muttersprache, doch teile... Eine Liebe zu verschachtelten Saetzen, die sich verdammt grossartig anhoeren koennen und dem Leser eine gewisse Konzentration abverlangen.. mit einer leichten Grosspurigkeit und den Verdacht, dass - laut geauessert - man sich dann ja doch schnell anhoert wie vielleicht das gescheiterte Wunderkind Alf Bertini, der Musiker der sich zu so grossem bestimmt fuehlte, dass er ja gar nicht die Fleissarbeit machen konnte oder wollte, die ihn zumindest zu einem passablen Interpreten, und sicherlich zu einem besseren, angenehmeren Menschen gemacht haette. So haette ich das Leid und Ueberleben der Bertinis mehr genossen, wenn man dass so sagen kann, es haetten mich die Schicksalsschlaege ihrer Mitglieder und derer, die um sie herum in meiner alten Heimat Hamburg in Nazideutschland entweder vom Boesen eingesaugt oder aber dessen Stroemen ausgesetzt waren, einfach noch mehr aufwuehlen und beruehren koennen, wenn der allmaechtige Erzaehler (der jedoch ganz offensichtlich sich am liebsten und laengsten in Roman Bertini hineinversetzen zu vermochte) es auch wirklich beim Erzaehlen gelassen haette. Das kann durchaus reich und fett in Beschreibung und Stil und sein, und wie sehr der Autor sich der Sprache zu bedienen vermag, ist sofort auf den ersten Seiten klar. Wo er jedoch philosophisch sinnierte, sich am Ende dann auch noch ueber laengere Zeit in Romans Gedankenprozess vom Gottglaeubigem zum Atheismus als Konsequenz aus dem Erlebten und Erfahrenen, so fuehlte ich mich, obwohl selbst aus aehnlichen Gruenden nicht aber auch gar nichts glaubend, doch ein wenig beschulmeistert, vom Aelteren, vom Ueberlebenden und ausgeschlossen, wo ich mich doch gerade, ueber 750 Seiten so in diese Familie hineingelesen und gefuehlt hatte. Nicht die Gedanken oder die Morale der Familie, oder wie es scheint, vor allem Roman stellvertretend fuer Ralph Giordano, aber doch irgendwie der Ton der Worte, der sprachverliebte, unnoetig in die laenge gezogene nicht wirklich 'innere Monolog' machte es schwer fuer mich, wirkliche Verbundenheit mit dem Helden der Geschichte und der Familie aufrechtzuerhalten, obwohl ich doch nun mit ihm durch all die bangen Stunden der dunklen Nacht in Deutschland gegangen war und die doppelte Belastung einer komplizierten Familie in Zeiten der Verfolgung mir zumindest ansatzweise vorstellen kann, da auch ich mit einem Clan voll komplexer, verworrener und verwirrender Beziehungen gestraft und gesegnet bin, ganz wie Du, Roman / Ralph (rip). Ok, nur ein bisschen wie Du.. So habe ich es sicherlich ueber die meiste Zeit genossen und geliebt, habe gelitten und geschauert, nur manchmal eben, hat es mich genervt und geaergert, und ich wollte es augenrollend zur Seite legen. Aber ganz so wie man seine eigene Familie nicht einfach wie ein Buch zuklappen kann, wenn es zu anstrengend, zu langweilig, schwafelig oder uninteressant wird, so konnte ich mich auch der Familie Bertini keinesfalls entziehen, las das 800 Seiten Buch in 4 Tagen und bin nun, wie ja wohl ob dieser masslosen Buchkritik ganz offensichtlich, ganz und gar noch voll davon! On a sidenote, i wondered why there is no English review and i think the answer is so obvious that looking elsewhere makes probably no sense. This book seems untranslatable, unrelatable, and impossible to read, unless you are German. No really.
Die Bertinis" ist nicht weniger als der quintessenzielle deutsche Roman, das Buch der Bücher über dieses Land. Es erzählt, auf eine ganz eigene und grossartige Weise, die Geschichte eines deutschen, ein wenig jüdischen Jungen und seiner Familie in den Dreissigern und Vierzigern, vom Erwachsenwerden, Isoliertwerden, Verfolgtwerden, auch vom Verliebtsein, von Freundschaft, Streit, Fanatismus, Tod, von deutschen Mördern, von deutschen Helden und von ganz vielen deutschen Mitmachern, vom deutschen Sterben und vom Überleben, wider aller Widrigkeiten. Und es erzählt, fast nebenbei und voller Liebe, die Geschichte von Hamburg, der Heimatstadt des Jungen, und ihrer Zerstörung.
"Die Bertinis" ist auch das Buch, das der Junge im Buch immer schreiben wollte, das ihn am Leben hält: "keine Dokumentation über seine Familie und Sippe, kein Protokoll, sondern ein Roman, etwas eigenständig Gestaltetes, das keine einzige Szene so wiedergab, wie sie sich zugetragen hatte, und in dem doch jedes Wort, jeder Buchstabe die Wahrheit war." Intensiver, bewegender, schöner, schrecklicher, eindrucksvoller geht nicht.
A amazing book telling about the horrors of the Nazi Germany in a way hardly done before. Self-biographic but with the language of 'a novel'. I will never forget this story. Read in Norwegian - title: Leas sønner.
Was für ein Werk. Ein direkter, ungeschönter, rasanter, tiefgehender, semiautobigrafischer Roman über eine teils jüdisch geprägte Familie vom Ende des 19. Jhds. bis in die ersten Jahre nach dem 2. Weltkrieg.
Das Buch ist nicht nur ein lebhafter Zeitzeugenbericht, in gewisser Weise ist es auch die reale Coming of Age Geschichte des Autors, der aufwächst in einem gnadenlos ungerechten und brutalen System. Doch es sind nicht nur die Makro Umstände, mit denen die Figuren kämpfen - sondern auch die internen, die kleinen menschlichen Erlebnisse, die Auseinandersetzung mit einem zynisch-autoritären und gescheiterten Vater, mit einer gluckenhaften Mutter, mit Freunden, mit Liebe. In diesem Roman ist alles drin.
Ich habe nicht nur viel über die Zeit sondern auch einiges von den Figuren gelernt.
Anna: »Epische Geschichte einer Familie im Strudel des Nationalsozialismus, erzählt von jemandem, der diese dunkle Zeit selbst erlebt hat.«
Finn: »Ein authentisches, aufwühlendes Buch über die Menschen, den Abgrund, das Leid, die Verzweiflung, den Mut, die Hoffnung, das Leben.«
Elin: »Autobiografischer Roman, der zeigt, wie das Leben im dritten Reich wirklich war, und weshalb man wahre Helden erst erkennt, wenn sie tatsächlich gebraucht werden.«
Maja: »Wichtiges, teils autobiografisches Werk eines Zeitzeugen über die dunkelste Epoche Deutschlands und ganz besonders auch unserer Stadt Hamburg.«
Die zunehmende Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung jüdischer ("Misch-")Familien in Hamburg wird in diesem größtenteils autobiographischen Buch eindrucksvoll und mitreißend geschildert.
Allerdings fand ich sowohl die Familiengeschichte der ersten 200 Seiten als auch die Charaktere nicht ansprechend genug, um die vollen 800 Seiten gebannt zu lesen. Es hat also ziemlich lange gedauert damit "durchzukommen".
Das Buch hat mich tief beeindruckt. Vielleicht hat es einen Teil dazu beigetragen, dass ich etwa 50 Jahre später in der gleichen Straße wie Ralph Giordano (Roman Bertini) aufgewachsen bin und dass ich viele Orte kannte, aber mit Sicherheit war auch die absolut fesselnde Geschichte ein riesiger Teil.