Zukunft braucht Herkunft: Eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit dem, was gut war, und mit dem, was nicht gut war. Doch auch dreißig Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird darüber geschwiegen, welche seelischen Folgen die DDR durch autoritäre Erziehung, den Rückzug ins Private, das Leben in Scheinwelten, Überwachung, Flucht und Verlust der Heimat für Millionen Deutsche bis heute hat. Aber die Seele kennt keinen Schlussstrich!
Der Therapeut Udo Baer, selbst in der DDR aufgewachsen, begibt sich anhand vieler Gespräche auf die Suche nach diesem DDR-Erbe in der Seele. Er findet nicht nur ein selbstverständliches Selbstbewusstsein vor allem bei Frauen, sondern tabuisierte Ängste, Trauerverbot und Traumata bei vielen Menschen. Diese Erfahrungen müssen endlich gewürdigt werden. Nur wenn in den Familien und in unserer Gesellschaft über die inneren Spuren gesprochen wird, wird deren Weitergabe an die nächste Generation unterbunden. Nur dann können alle Deutschen in eine gemeinsame Zukunft gehen.
Ich habe vieles von mir (kurz vor der Wende geboren) und meiner Familie in dem Buch wiedererkannt und kann damit tatsächlich einige Dinge jetzt anders und neu einordnen. Es weckt in mir große Lust mich noch viel mehr mit meiner Herkunft und dem Erleben meiner Elterngeneration zu beschäftigen. Für mich war klar, dass es nicht um die EINE kollektive Erfahrung geht, die alle gemacht haben, sondern um ganz unterschiedliche Erfahrungen und deren Umgang damit. Das wird in dem Buch immer und immer wieder betont und hat mich zum Ende hin schon langsam genervt - aber damit kann ich leben. Alles in allem würde ich das Buch jeder Person empfehlen, die sich für das Thema interessiert oder eben selbst eine wie auch immer geartete Beziehung zur DDR hat. Es könnte für den ein oder anderen augenöffnenden Moment sorgen. :)
Es wird sehr eindrücklich mithilfe sehr sehr vieler Zeitzeug:innen erklärt von wievielen Aspekten das Leben ehemaliger DDR Bürger:innen und ihre Nachkommen immer noch nachhaltig beeinflusst werden.
Der Autor, selbst Therapeut und hatte wohl auch viele Patient:innen die DDR Biografien haben, kann viele zusätzliche Informationen aus Psychotherapeutischer Sicht ergänzen. Hierbei werden Ursachen sowie Folgen von Traumata erklärt und auch beispielsweise weshalb von traumatischen Erlebnissen manchmal nur Bruchstücke im Gedächtnis bleiben.
Ich finde es wichtig, wie sehr der Autor betont, dass Menschen Respekt und Würdigung, Wertschätzung benötigen und dass dies für viele in der DDR aber besonders auch nach dem Mauerfall und mit dem Verlust von Arbeit usw nicht mehr der Fall war.
Er sagt selber, dass es super wichtig ist anzuerkennen, was als „Erbe“ weiter existiert in den Menschen die einst in der DDR lebten, egal wie lang, und betont wie weit unausgesprochene (und unbehandelte) Traumata auch in die danach folgenden Generationen noch weitergereicht werden.
Manchmal hatte ich das Gefühl, dass durch die Einbindung so vieler verschiedener Zitate und Bereiche über die gesprochen wurde, ein wenig der Faden fehlte. Ich denke ich vergleiche es aber hier zu sehr mit einem Roman. Das Buch ist in viele Kapitel unterteilt, alle von ihnen beinhalten eine Sammlung von Erfahrungen verschiedener Menschen die alle etwas ähnliches erlebten und dann aber verschieden damit umgegangen sind. Es sind eben sehr viele verschiedene Aspekte die relevant sind und deshalb hier aufgegriffen werden. Der Autor gibt aber zwischendurch immer wieder gute Übersichten.
Spezifischer Bezug auf INHALT —„Spoiler“ : .. .. .. Das Kapitel über die Jugendwerkhöfe hat mich am meisten mitgenommen. Das gräuel von (politisch) Gefangenen bei der StaSi usw ist ja noch eher bekannt, aber das Ausmaß an Misshandlung und Erniedrigung welches Kinder und Jugendliche in den werkhöfen oft erlebten, war mir nicht bewusst.
Jede Person die irgendeine tiefere „Verstrickung“ jedweder Art zu Menschen, die mit oder in der DDR grossgeworden sind oder gar Kinder von solchen Menschen sind, lege Ich dieses Buch wärmstens ans Herz.
Meine Eltern, Großeltern und auch meine Geschwister sind sehr von der DDR geprägt worden oder haben lange Zeit dieses Unrechtsregime erlebt, was alle (meiner Meinung nach) stark mitgenommen hat, auch wenn diese Personen es nach Außen nicht so kommunizieren. Die Zeitzeug*innen berichten ehrlich über ihre erlebte Zeit und der Autor kann vieles psychologisch- auch für Laien- verständlich aufbereiten. Es werden Momente, Gefühle und Situationen sehr gut beschrieben, die Ich auch schon immer zuhause wahrnehmen konnte - aber nicht einordnen konnte. Andere Leute z.B. Kinder von DDR-Bürgern beschreiben das Gleiche. Es war für mich eine riesengrosse Erkenntnis, dass das typische und kollektive Erfahrungen sind und nicht nur meine Familie „so ist“. Es ist ein tolles Buch um mehr Verständnis zwischen den Generationen selbst als auch für Ost/West zu generieren, auch wenn der Osten mit seinen Erfahrungen im Vordergrund steht.
Tolles Buch! Nicht zu fachlich, sondern verständlich aufbereitet. Sowas sollte ebenfalls in der Schule gelesen werden. Große Empfehlung an Alle!
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