«Amerika den Amerikanern? Ach was, Amerika der Kleinen aus Europa!» Die Kleine aus Europa, das ist die zwanzigjährige Jungreporterin Louis Lou, hübsch, klug, jung, rothaarig, ziemlich ohne Geld und ohne jede Leistung so glücklich. Und Louis scheut kein Wagnis für sich und ihre Zeitung. Sie geht auf Reisen durch die Metropolen New York, Paris, London und Berlin, durch die Herzen von Männern und Frauen und quer durch Subkultur und High Society. Am Ende wird sie doch im Flug von dem Einen erobert.Rut Landshoff spiegelt in ihrem Debütroman nicht nur ihre Zeit, sondern auch ihren eigenen undamenhaft modernen Lebensstil.Mit einem Nachwort von Theresia Enzensberger.
Nach der Lektüre von Harald Jähners Höhenrausch, einer Beschreibung der kulturellen und sozialen Entwicklungen der 1920er Jahre, lag es nahe, das Werk einer Zeitzeugin zu lesen: Meine Wahl fiel auf Rut Landshoffs Erstlingswerk Die Vielen und der Eine in der Rowohlt-Edition 2020 mit einem Nachwort von Theresia Enzensberger.
Ruth Landshoff-Yorck wurde 1904 in Berlin in das jüdische Bildungsbürgertum geboren und betätigte sich in jungen Jahren in der Weimarer Republik zunächst als Schauspielerin – sie spielte die zweite weibliche Hauptrolle in Murnaus Stummfilm-Klassiker Nosferatu -, später dann als Szene-Journalistin.
Die Vielen und der Eine, ihr Erstlingswerk, erschien 1930. Ruth Landshoff-Yorck emigrierte 1933 erst nach Frankreich und dann 1937 nach New York, wo es ihr gelang, Literatur in englischer Sprache zu verfassen und später am Off-Off-Broadway als Theaterautorin zu arbeiten. Sie starb überraschend im Jahr 1966. Es ist schade, dass die Nachwelt sie fast vergessen hat.
Das Werk, um das es hier geht, publizierte sie im Alter von 26 Jahren und es hat stark autobiographische Züge: Louis Lou, ihr Alter Ego, ist eine junge, deutsche Journalistin, die nach New York reist, dort in die Szene eingeführt wird und davon berichtet. Die Autorin wechselt jedoch auch die Perspektive und bringt uns unter anderem in Kontakt mit der damaligen Schwulenszene in Hell´s Kitchen. Es fliegt einem tatsächlich der Hut weg, wie es damals schon abging. Tipp: googelt mal Fotos von der Autorin.
In ihrem Nachwort weist Theresia Enzensberger gleich zu Beginn darauf hin, dass die Hektik und Impulsivität, die die Sprache des Romans verströmt, dem damaligen Zeitgeist entspricht. Was wir heute als wahnsinnige Beschleunigung im technologischen Bereich erleben – Stichwort: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz – steht im Schatten des damaligen Aufbruchs im sozialen und kulturellen Bereich. Die Autorin lässt uns daran teilhaben.
Allein, der heutige Leser, die heutige Leserin ist eine andere Sprache gewöhnt: Der Roman ist so modern vom Inhalt - die Sprache aber natürlich nicht: mit dieser Diskrepanz bin ich nicht richtig zurechtgekommen, muss ich zugeben. Ich stolperte regelrecht über aus heutiger Sicht altmodisches Vokabular, weil ich den Roman im Kopf nicht in die Schublade „historischer Klassiker“ eingeordnet bekam, sondern eher das Gefühl hatte, da schreibt jemand heute über die Weimarer Zeit.
Fazit: Auf jeden Fall lesenswert, aber nur für Personen, die sich wirklich mit der Zeit beschäftigen wollen, nicht für casual readers. Deshalb auch „nur“ drei Sterne.
Das Buch Die Vielen und die Anderen ist ein Roman, der seiner Zeit entspricht. Er lässt sich gut weglesen und die Handlungsstränge sind interessant. Ich hätte auch gerne mehr über die Charaktere erfahren – viele werden in die Handlung eingefügt, werden dann aber nur angerissen und verschwinden wieder. Ansonsten ist der Roman manchmal sehr grob in der Wortwahl und Geschehen, spiegelt damit aber gut die Zeit um 1930 wider, in der der Roman spielt sowie verfasst wurde.