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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 19 | bei Position 282-287 | Hinzugefügt am Sonntag, 8. Januar 2017 22:37:44
Die vergleichende Anthropologie macht sichtbar, daß die Häufigkeit von Kriegen, ihr Organisationsgrad und ihre Härte, gemessen an der Zahl von Toten, zunächst mit der Seßhaftigkeit von Menschen und dann mit ihrer Zivilisierung sprunghaft zunehmen. Quantitative Studien haben zudem ergeben, daß die Hälfte der Kriegshandlungen primitiver Völker relativ sporadisch, unorganisiert, ritualistisch und ohne Blutvergießen getätigt werden (…), wohingegen sämtliche Zivilisationen, deren Geschichte uns schriftlich überliefert ist, sozusagen routinemäßig in hochorganisierte und blutige Kriege verstrickt sind.«10
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 25 | bei Position 381-387 | Hinzugefügt am Sonntag, 8. Januar 2017 22:58:42
Die Verschuldung und die damit einhergehende Verarmung und Versklavung wurde in den dreitausend Jahren vor Christi Geburt zu einer der größten Geißeln der Bevölkerungen. Zahlreiche Revolten hatten einen Schuldenerlass als zentrale Forderung; und tatsächlich sahen sich fast alle Potentaten der ersten Großreiche gezwungen, regelmäßig solche Erlasse zu verabschieden, um ihr System vor dem Zerfall zu bewahren23 – schließlich waren die Armeen noch nicht mächtig genug, um Revolten dauerhaft mit Gewalt zu ersticken. In diese Tradition gehören auch das biblische Jobeljahr, das alle sieben mal sieben Jahre eine Annullierung sämtlicher Schulden vorsah – und die Rückkehr der landlosen Bauern zu ihrem Besitz.24
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 123 | bei Position 1873-1882 | Hinzugefügt am Donnerstag, 12. Januar 2017 21:58:34
In dem Kapitel über die »Ursprüngliche Akkumulation« im Kapital zitiert Karl Marx Beispiele der Blutgesetzgebung, die sich überall in Europa seit dem 16. Jahrhundert ausbreitete: Vagabunden sollen an einen Karren hinten angebunden und gegeißelt werden, bis das Blut von ihrem Körper strömt, dann einen Eid schwören, zu ihrem Geburtsplatz oder dorthin, wo sie die letzten drei Jahre gewohnt, zurückzukehren und »sich an die Arbeit zu setzen«. Bei zweiter Ertappung auf Vagabundage soll die Auspeitschung wiederholt und das halbe Ohr abgeschnitten, bei drittem Rückfall aber der Betroffene als schwerer Verbrecher und Feind des Gemeinwesens hingerichtet werden. (Heinrich VIII. 1530) Wenn sich jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeurteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. (Edward VI. 1547)
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 152 | bei Position 2317-2322 | Hinzugefügt am Freitag, 13. Januar 2017 23:39:18
Wenn wir wissen, was die Vernunft ist, wenn wir den Weg zur Wahrheit kennen, wenn wir über die Methode verfügen, dann ist es nur recht und billig, der übrigen Welt diese Frohe Botschaft zu bringen; dann ist die Zerstörung anderer Wert- und Wissenssysteme, so schmerzhaft sie für die Betroffenen auch sein mag, letztlich eine Wohltat, weil sie Unwissen durch Wissen, Aberglauben durch Vernunft ersetzt. Dann sind sogar die Verbrechen der europäischen Expansion, von der Conquista bis zur Globalisierung des 20. Jahrhunderts, zwar moralisch verwerflich, aber in ihrer welthistorischen Konsequenz letztlich als Fortschritt zu bewerten.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 169 | bei Position 2579-2584 | Hinzugefügt am Dienstag, 17. Januar 2017 22:45:10
Nur wenn Menschen verlernen, ihren eigenen Impulsen nachzugehen, wenn Sie es für unabänderlich und selbstverständlich halten, dass Arbeit darin besteht, Aufgaben zu erfüllen, die sich andere ausgedacht haben, wenn sie ihr Leben an den Punkten, die ihnen von anderen zugesprochen oder abgezogen werden, orientieren, können sie in einer globalen Ökonomie, die jeden Arbeitsablauf nach den Kriterien der Effizienz und Nutzenmaximierung zerlegt, funktionieren. Die moderne Ökonomie braucht den entfremdeten Menschen. An die Stelle von Interesse und Sinnerfahrung tritt in ihr der Lohn, ein abstrakter Geldwert, der für die oft als sinnlos oder zermürbend empfundene Arbeit entschädigen soll – genau wie in der Schule die Note an die Stelle der erfüllenden Lernerfahrung tritt.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 170 | bei Position 2596-2602 | Hinzugefügt am Dienstag, 17. Januar 2017 22:48:56
Es ging nun darum, die Energie und Fertigkeiten der Menschen Zwecken zu unterwerfen, die außerhalb ihrer eigenen Motivation und des gemeinschaftlichen Lebens standen. Das Ergebnis dieser Unterwerfung ist das, was wir »Arbeit« nennen. Sie nahm dabei historisch zwei Formen an: In der Peripherie des Weltsystems wurden Sklaverei und Zwangsarbeit für Jahrhunderte zur vorherrschenden Arbeitsform; in den Zentren setzte sich die Lohnarbeit durch. Beide Formen der Arbeit zielen darauf ab, den Arbeitenden zu einem verfügbaren Teil der Großen Maschine zu machen; beide sind mit massiver Gewalt verbunden, jedoch in sehr unterschiedlicher Ausprägung. Während bei der Sklaverei und Zwangsarbeit die nackte physische Gewalt dominiert, entwickelte sich die Lohnarbeit über die Jahrhunderte zu einem System von immer raffinierteren Disziplinierungen, die letztlich auf eine Mitwirkung der Arbeitenden an ihrer eigenen Unterwerfung hinauslief.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 174 | bei Position 2668-2674 | Hinzugefügt am Dienstag, 17. Januar 2017 23:01:38
Durch die immer akribischere Kontrolle über Raum, Zeit und Bewegung wurde die Lohnarbeit zu einem ähnlich herrischen Disziplinarinstrument wie die Armee und die Schule. Die Menschen wurden einer »Tyrannei der abstrakten Zeit« (so der deutsche Publizist Robert Kurz) unterworfen, einer Diktatur der Effizienz: Nicht mehr die Rhythmen der Gemeinschaft, die Zyklen der Natur oder die Eigenzeit des tätigen Menschen prägten das Leben, sondern der einförmige Takt der Wecker, Stechuhren und Signalglocken.45 Das komplexe Sinngefüge von Beziehungen, auf denen gemeinschaftliches Leben beruht, wurde durch maschinelle Ketten aus Befehl und Gehorsam ersetzt. Der Fluchtpunkt dieser Entwicklung ist eine Gesellschaft, deren einziges Ziel die unendliche Steigerung der Güterproduktion ist und die dabei alles auslöscht, was diesem Zweck nicht dient.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 206 | bei Position 3154-3159 | Hinzugefügt am Donnerstag, 19. Januar 2017 22:32:04
Darüber hinaus existieren in den repräsentativen Demokratien europäischer Prägung bis heute große gesellschaftliche Bereiche, die weitgehend demokratiefrei organisiert sind. Dazu gehören die meisten Unternehmen, die, wie bereits die Lowell Mill Girls bemerkten, im Grunde nach dem Muster absolutistischer Tyranneien aufgebaut sind. Auch die Schule, das Militär und andere Disziplinaranstalten sind weitgehend demokratiefrei. Tatsächlich verbringt der größte Teil der Menschen in modernen repräsentativen Demokratien einen erheblichen Teil seiner Zeit in Institutionen, die vollkommen undemokratisch sind.3 Noch viel weniger als die
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 230 | bei Position 3519-3524 | Hinzugefügt am Sonntag, 22. Januar 2017 23:14:15
George Orwell hat in einem – vom britischen Informationsministerium zensierten – Vorwort zu Farm der Tiere 1943 dieses Phänomen so beschrieben: Zu jedem gegebenen Zeitpunkt gibt es eine bestimmte Orthodoxie, einen Kanon von Vorstellungen, den alle rechtschaffen denkenden Menschen ohne Frage akzeptieren werden. Es ist nicht eigentlich verboten, dieses oder jenes zu sagen, aber es gehört sich nicht, man tut es einfach nicht, ganz so wie man im Viktorianischen Zeitalter in der Anwesenheit von Damen keine Hosen erwähnte. Jeder, der die vorherrschende Orthodoxie herausfordert, wird feststellen, dass er mit überraschender Effektivität zum Schweigen gebracht wird.37
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 243 | bei Position 3725-3730 | Hinzugefügt am Montag, 23. Januar 2017 23:52:45
In Deutschland diagnostizierte Hannah Arendt, die das Land 1950 bereiste, einen »blinden Zwang, dauernd beschäftigt zu sein, ein gieriges Verlangen, den ganzen Tag pausenlos an etwas zu hantieren«: Diese Geschäftigkeit ist zu ihrer Hauptwaffe bei der Abwehr der Wirklichkeit geworden. Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich – wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen; wirklich sind die Toten, die ihr vergessen habt. Doch die Angesprochenen sind lebende Gespenster, die man mit Worten, mit Argumenten, mit dem Blick menschlicher Augen und der Trauer menschlicher Herzen nicht mehr rühren kann.9
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 247 | bei Position 3776-3785 | Hinzugefügt am Dienstag, 24. Januar 2017 22:27:17
In einer öffentlichen Rede fasste 1968 der US-Präsidentschaftskandidat Robert Kennedy, wenige Monate bevor er erschossen wurde, seine Kritik an der Wachstumsideologie so zusammen: Das Bruttoinlandsprodukt beinhaltet Luftverschmutzung, Zigarettenwerbung und die Krankenwagen, die unsere Straßen von den täglichen Blutbädern reinigen müssen. Es beinhaltet die Sicherheitsschlösser an unseren Türen und die Gefängnisse für Menschen, die diese Schlösser brechen. Es beinhaltet die Zerstörung unserer Wälder und den Verlust der Wunder des Lebens durch eine chaotische Zersiedelung. Es beinhaltet Napalm, Atomwaffen und Panzerfahrzeuge für die Polizei, mit denen die Aufstände in unseren Städten bekämpft werden. Dagegen berücksichtigt es weder die Gesundheit unserer Kinder noch die Qualität ihrer Ausbildung oder die Freude ihres Spiels. Es erfasst nicht die Schönheit unserer Dichtung oder die Intelligenz unserer öffentlichen Debatten, es misst weder unsere Weisheit noch unser Mitgefühl. Kurz: Es erfasst alles, nur nicht das, was das Leben lebenswert macht.19
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 262 | bei Position 4005-4006 | Hinzugefügt am Mittwoch, 25. Januar 2017 23:00:58
In der etablierten Physik, Chemie und Biologie erschütterten Ilya Prigogines Arbeiten über nicht-lineare Systeme die mechanistischen Vorstellungen von der Natur.44
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 262 | bei Position 4013-4018 | Hinzugefügt am Mittwoch, 25. Januar 2017 23:02:52
Seit der Frühen Neuzeit hatten sich in Schule und Elternhaus Erziehungsmethoden durchgesetzt, deren ausdrückliches Ziel es war, den Willen des Kindes zu brechen, um es zu einem störungsfrei funktionierenden Teil im Getriebe von Familie, Armee und Wirtschaft zu machen.45 Reformpädagogische Ansätze, die auf Respekt gegenüber dem Kind beruhten, gab es schon lange, aber erst in den Elternhäusern, Kinderläden und freien Schulen der Post-1968er-Epoche wurden sie zu einer mehrheitsfähigen Bewegung – und stellten damit ein entscheidendes Fundament der Disziplinargesellschaft infrage.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 269 | bei Position 4119-4129 | Hinzugefügt am Donnerstag, 26. Januar 2017 22:19:11
In den Hochschulen, den Medien, den Künsten und den Parteien fand ein ideologisches Rollback statt, wie es sich Huntington und seine Mitautoren kaum hätten erträumen lassen. Die Kommerzialisierung und Verschulung der Universitäten drängte Schritt für Schritt kritisches Denken zurück und förderte den Typ des »technokratischen Intellektuellen«, den sich Huntington gewünscht hatte.58 Eine neue Welle der Konzentration im Mediensektor und die Privatisierung des Fernsehens – in Deutschland im sinnfälligen Jahr 1984 – sorgten dafür, dass engagierte Journalisten es schwerer denn je hatten, sich gegen Herausgeber und Eigentümer zu behaupten. Sportevents und Castingshows übernahmen immer mehr Sendeplätze und erfüllten dabei eine wichtige ideologische Funktion, indem sie die Zuschauer auf eine Welt des totalen Wettbewerbs vorbereiteten. Im Kino verdrängten Monster- und Fantasyfilme – angefangen bei Der weiße Hai (1975) und Krieg der Sterne (1977) – das engagierte Kino der 1960er- und frühen 1970er-Jahre. Und in der politischen Landschaft verabschiedeten sich im Laufe der 1990er-Jahre die sozialdemokratischen Parteien endgültig von ihren Wurzeln und wurden zu den eifrigsten Exekutoren marktradikaler Politik – eine Entwicklung, die dazu führte, dass bei Wahlen so gut wie keine echten politischen Alternativen mehr zur Disposition stehen.
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Das Ende der Megamaschine (Fabian Scheidler)
- Ihre Markierung auf Seite 302 | bei Position 4622-4625 | Hinzugefügt am Samstag, 28. Januar 2017 17:05:38
Statt sich mit einem zwei Tonnen schweren paramilitärischen Fahrzeug durch den Berufsverkehr zu quälen, um im Fitnessstudio auf einem elektrisch betriebenen Förderband zu joggen und sich dabei Werbespots für noch größere Autos auf einem Ultra-HD-Bildschirm anzusehen, kann es wesentlich wohltuender und gesünder sein, mit dem Fahrrad ein paar Runden durch die autofreie Stadt zu drehen.
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