Das Angebot des Führers an den 18-jährigen Baldur von Schirach ist Solche jungen Männer braucht die Partei, braucht Deutschland! Der angehende Student der Germanistik und Kunstgeschichte kann diesem Ruf Hitlers nicht widerstehen, es beginnt eine steile Karriere. 1930 wird er zum Reichsjugendführer ernannt, als treuer Paladin seines Herrn schwört er die Hitlerjugend auf die braune Revolution ein. Er träumt von einem faschistischen Europa unter deutscher Führung und lässt als Gauleiter von Wien die jüdische Bevölkerung in die Todeslager deportieren. 1946 wird Baldur von Schirach, inzwischen Vater von vier Kindern, in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Seine Familie muss mit den düsteren Schatten der NS-Verstrickungen leben
Sehr detailliert, was die Lektüre verlangsamt. Die Rolle der fanatisierten HJ in den letzten Kriegstagen wurde gut herausgestellt. Lesenswert, alles ist gut dokumentiert (soweit ich das beurteilen kann).
Oliver Rathkolb hat, mit diesem Buch, mehr eine Art überaus detaillierter Biografie Baldur von Schirachs und dessen Existenz, sowie Funktion im geschichtlich-ethischen Kontext des Nationalsozialismus verfasst. Zum einen gibt er einen guten Einblick über Schirachs Familie, die Gründe die ihn so früh, so fanatisch, zum Nationalsozialismus gebracht haben, aber auch wofür er alles verantwortlich war und welche Bedeutung sein pathetisches Schuldeingeständnis später hatte.
Zum anderen führt dieser Einblick in Schirachs Existenz noch einmal sehr gut vor Augen, wie grausam, wie komplex, wie vernetzt, wie Personenkult lastig, wie autoritär und vieles mehr, der Aufstieg Hitlers war. Viel zu oft wird in Geschichtsschulklassen der Nationalsozialismus und dessen Schrecken zu hastig abgehandelt, die deutsche Bevölkerung zu sehr viktimisiert und auch der Fakt vergessen, wie lange zuvor bereits antisemitische, homophobe, sexistische, sozialdarwinistische Pfeiler tief im Bewusstsein der Gesellschaft verankert waren, wie wenig davon tatsächlich aufgearbeitet wurde, wie viele Bürger, Hitler und seine Gefolgschaft tatsächlich anhimmelten und auch deren Gräueltaten, als absolut gerechtfertigt ansahen, darüber hinaus bis heute seine/ deren Taten glorifizieren.
Schirach, und das kommt in diesem Buch besonders gut zum Vorschein, ist par exemple, mit seinen Affären denen er über Vernetzungen zu größerem Aufstieg verhalf, oder wie eine ganze Generation vom Scheitern der verfrühten Weimarer Republik, nach dem millitarisch-autoritärem Kaiserreich, nicht bereit war, für eine Demokratisierung oder gar Anti-Folgsamkeit, oder wie der Erste Weltkrieg eine Gesellschaft radikalisierte, wie die Schrecken eines Krieges instrumentalisiert wurden, wie Schwarmdenken und Hass bzw. Rassismus uniformiert so traurig und doch so einfach Kindern in der HJ indoktriniert werden konnten, wie irrational Nationalstolz ist und wie zerrüttet es einen Menschen zurücklässt, und besonders, wie wenig Gerechtigkeit den Opfern des Nationalsozialismus, bzw. des fanatischen Faschismus, widerfahren ist.
Sehr interessant, auf grausame Weise erschreckend, von Schirachs Leben zu lesen, seinen Taten, seinem Wirken und auch von den Werken seiner Söhne in besserem Kontext zu analysieren.
"Geistlose kann man nicht begeistern, aber fanatisieren kann man sie."