Freiheitsgrade kennt man aus der Mechanik. Der Begriff bezeichnet dort die Zahl der Richtungen, in die ein Körper sich an einem Gelenk bewegen kann. Bei seinem Versuch, den Liberalismus auf die Höhe der Zeit zu bringen, geht Christoph Möllers weder von der politischen Großwetterlage aus noch vom Gegensatz zwischen Individuum und Gemeinschaft. Vielmehr versucht er, Formen einer Ordnung herauszupräparieren, die Bewegungsfreiheit und soziale Varianz ermöglicht. So gerüstet, verspricht er keine Antworten, aber neue Perspektiven auf diverse Phänomene: auf den Begriff der politischen Repräsentation, aber auch die Funktion territorialer Grenzen. Freiheit, so Möllers, ist eine Praxis der Ergebnisoffenheit, die Prozesse ermöglicht, von denen unklar sein muss, wohin sie führen.
Das Buch betrachtet den Liberalismus aus verschiedensten Blickwinkel. Dazu nutzt Christoph Möllers viele kurze Kapitel und den Begriff Freiheitsgrade und den Voraussetzungen dafür. Das halte ich für einen guten Einfall.
Die Freiheitsgrade definiert Möllers wie folgt: 1. Freiheit steht Individuen und Gemeinschaften zu 2. Freiheit kann rational gerechtfertigt und willkürlich wahrgenommen werden 3. Freiheit kann im Rahmen einer formalisierten Ordnung und außerhalb dieser wahrgenommen werden
Die Freiheitsgrade haben Voraussetzungen: Veränderbarkeit setzt Unveränderbarkeit voraus Freiheit setzt Ungleichheit voraus Freiheitswahrnehmung bedarf der Aneignung von Entscheidungen
Mit diesem Rüstzeug setzt sich der Autor mit den Mechanismen der Politik auseinander. Das führt am Schluß zu praktischen Ausblicken wie politische Lager, Klimakrise und Freiheitsgrade in der Pandemie.
Das Buch ist umfangreich und man muss nicht alles lesen, aber man findet mit Leichtigkeit viele interessante Kapitel.
Der Versuch eines Juristen Politik und Liberalismus systematisch zu durchdenken mit Rücksicht auf die entsprechenden Menschlichen Nuancen. Diese Art Bücher und Gedanken mögen zwar nicht die aufregendsten sein aber sind der Weg den der Liberalismus und damit lose verbunden alle Feinde des Autoritären irgendwo gehen müssen.