4.7| In seinem ersten Band der Qualityland-Saga hat Marc-Uwe Kling das Kunststück fertiggebracht, eine Science Fiction Parodie in eine dystopische Comedy zu verpacken, das hat so gut funktioniert, dass beileibe nicht nur die „ Fans des kommunistischen Kängurus “ davon restlos begeistert waren.
Anmerken möchte ich, dass ich „ Qualityland 2.0 – Kikis Geheimnis “ sowohl im Print als auch als Hörbuch (gesprochen von Marc-Uwe Kling himself) gelesen habe, wobei das Hörbuch besonders zu empfehlen ist, denn die Lesung durch den Autor ist hervorragend, stimmungsvoll und sehr eindrücklich, niemand anderer hätte das besser machen können.
Ich bin sogar sicher, dass die Hörbuchversion das Buch besser visualisiert, als die kommende Adaption als HBO-Serie.
Die Menschen in Qualityland sind alle einem Levelsystem unterworfen. Wer sein Leben nach Ansicht der Algorithmen (wer wirklich die Bewertungen und Auf- wie Abstiege vornimmt, ist auch den Personen im Roman nicht bekannt) gut, vorbildlich und (wirtschaftlich) erfolgreich lebt, steigt eines oder mehrere Level auf. Wer unkontrollierte Gewaltausbrüche zeigt, wem der Vater die finanzielle Unterstützung einfriert, wer seinen Job oder seinen Freund oder seine Freundin verliert etc., steigt im Ranking ab. Je höher das Level, desto höher die Annehmlichkeiten und die Fähigkeiten – hier Levelfähigkeiten genannt.
Wer bei diesem Levelsystem der Zukunft an das bereits laufende digitale Punktesystem für den „ besseren Menschen “ im China der Gegenwart denkt, steigt jetzt wegen eines treffenden Vergleichs ein Level auf. :=)
In dieser Welt ist auch der zweite Teil angesiedelt, man kann ihn als direkte Fortsetzung betrachten. Ihn hatte die wahre Autorin der Bücher (in Wahrheit schreibt nicht Marc-Uwe Kling, sondern Kalliope 7.3 , die E-Poetin in Peter Arbeitsloser’s Schrottpresse, die „Qualityland“-Romane) bereits im ersten Teil angekündigt. Nachdem im ersten Teil Peter Arbeitsloser (die Menschen in Qualityland sind nach dem Beruf des Vaters oder der Mutter im Moment des Zeugungsakts benannt) im Mittelpunkt steht, ist es nun seine On/off-Freundin Kiki . „ Sie sind wirklich auch eine interessante Figur “, hatte die schreibende Androidin zu Kiki gesagt. „ Ich glaube, mein nächstes Buch werde ich über sie schreiben. “ Und so heißt Teil 2 konsequenterweise „ Kikis Geheimnis “. So dreht sich einer der Erzählstränge um Kiki Unbekannt , denn sie kennt ihre Eltern nicht, sie weiß nur, dass sie durch einen Nannybot mit dem Namen M.A.M.A. aufgezogen wurde.
Auf Ihrer Suche nach ihren Wurzeln findet sie auch im Netz oder in den Tiefen der von ihr gehackten Rechner nichts. Stattdessen muss sie sich ständig der Anschlagsversuche des grausamen „ Puppenspielers“ und seines platinummantelten Avatars erwehren. Peter Arbeitsloser und seine liebenswerten halbdefekten Maschinen – darunter eine Flugdrohne mit Flugangst, ein Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung und ein revolutionäres Qualitypad (hinter dem sich offenbar das Känguru verbirgt) – versuchen, ihr zu helfen, und schlittern von einem Abenteuer ins nächste.
Aber auch die Erzählstränge um die Politiker Tony Parteivorsitzender , seine rotzige Assistentin Aisha Ärztin (deren Kraftausdrücke herrlich überzeichnet sind und die Superintelligenz John of Us sowie das Leben und der Abstieg des Berufssohns Martyn Aufsichtsrat-Stiftungspräsident-Berater-im-Präsidialamt-Vorstand nimmt Kling in Teil zwei wieder auf und führt sie fort.
Diesmal bringt nicht ein unbestellter und unerwünschter rosafarbener Delfin-Vibrator die Geschichte in Schwung, sondern der Auftritt eines mysteriösen Gangsters („ Der Puppenspieler “) und hochtrabende Pläne von Henryk Ingenieur (seines Zeichens Chef von „ TheShop “). Das Buch bietet von der ersten Seite an einen sehr hohen Unterhaltungswert (oder –Level). Hier finden sich jede Menge extrem schräge Charaktere, skurrile Situationen und Zukunftsvisionen, bei denen man nicht weiß, ob man sich darüber vor Lachen kringeln oder doch besser fürchten sollte. Hier zeigt Marc-Uwe Kling auch immer wieder sein Nerdwissen , sei es die Catan-spielende Ex-Monsterbot-Jockey Ynes, das Monty Python „Zitat“ von M.A.M.A, der unerwartete „ Hodor “-Ausruf von Mickey oder ein kleiner Verweis auf FBI-Agenten, die unheimliche Fälle lösen , um einige zu nennen.
Selbstverständlich sprüht dieses Buch neben viel Humor auch wieder vor lauter Kraftausdrücken, sexuellen Anzüglichkeiten und jeder Menge Gewalt. Immer wieder herrlich zu lesen ist dabei der (Wort-)witz des Autors, sei es eine merkwürdige Sekte namens „ die Thermomixer “, eine Religion namens „ Die Neoliberalen “, "eine Wand, die aufgrund einer Explosion „nicht mehr Wand sein mag und ihre Existenz als Loch fortsetzt. “ oder auch „ Total hässliche Klamotten. Also so 80er in Extrascheiße“ …
Dies ist aber auch wieder ein Buch, das unter allem Humor, dem ganzen Sarkasmus und den skurrilsten Zukunftsvisionen doch eine ernste, kritische Basis hat. Manches von dem, was hier zu lesen steht, scheint tatsächlich eine mögliche Richtung zu sein, auf die unsere heutige Technik- und Ranking-gläubige Gesellschaft zusteuert. So zeigt uns der Autor hier zum Beispiel, warum es brandgefährlich ist, wenn falsch getriggerte Trigger andere Trigger triggern, was zu einer Triggerung weiterer Trigger führt, in diesem Roman führen diese Algorithmen zum 3. Weltkrieg, der nur 8 Stunden dauerte, aber 8-mal mehr Tode forderte, als der 2. Weltkrieg.
Das Buch ist, wie sein Vorgänger, ein komplexen Entwurf eines dystopischen Gesellschaftssystems aus Androiden und Menschen, Künstlicher Intelligenz und omnipräsenter kommerzieller Überwachung rundum den Antihelden Peter Arbeitsloser.
Neben den nicht wenigen actionreichen Szenen, in denen Mensch gegen Maschine oder auch Mensch gegen Mensch kämpft, verletzt, rast und tötet, werden wir so auch zu philosophischen Überlegungen angeregt – über den Freiheitsbegriff im 21. Jahrhundert, über Gesellschaftstheorien, über die Liebe und nicht zuletzt natürlich über all die dystopisch ad absurdum geführten Mechanismen, die wir aus unserer eigenen Lebensrealität kennen (Kapitalismus, soziale Ungerechtigkeit, Klimakrise, Social Media, ClickBait, Verschwörungstheorien etc.)
Gleichzeitig schreibt Kling, wie bereits mehrmals betont, mit dem ihm eigenen Witz und einer Leichtigkeit, die beim Lesen fast übersehen werden kann. Die Dialoge sind schnell und voller Hintergrund, die Kombination von Themen in den Aussagen der Figuren scheinen absurd und witzig und ergeben doch spätestens beim zweiten Lesen einen tieferen Sinn. Beispiel: „ Und wenn dich der Kollege tagsüber verklärt anstarrt, kann das durchaus daran liegen, dass er dich gestern Nacht virtuell vergewaltigt hat". Schöne neue Welt.
Nicht zuletzt ist der Roman spannend – bis zum Schluss bleibt ungeklärt, wie sich die gesponnenen Fäden nun tatsächlich entwirren lassen und es ist sicherlich nicht zu spekulativ zu sagen, dass die Reihe noch weiter fortgesetzt werden wird, insbesondere wenn die HBO-Serie wirklich Realität wird…