Der Psychiater, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz unterhält sich in diesem Buch mit dem 92 jährigen und 60 Stunden pro Woche arbeitenden Psychoanalytiker Otto Kernberg aus New York.
Das gesamte Buch ist ein großes und langes Interview.
Es ist höchst interessant zu lesen, wie das Leben von Otto Kernberg verlaufen ist. In ausführlichen Erzählungen berichtet er über eine Kindheit in Wien, seiner Flucht vor der an Macht gewinnenden NSDAP, über die Jugend und das Medizinstudium in Chile, den Umzug in die USA, über die Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität und Kultur.
Noch interessanter finde ich die Anekdoten über Patient*innen (vor allem von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen), von denen er durch seine langjährige (!) Berufserfahrung einige hat.
Diese Erzählungen können helfen, einen plastischen Eindruck, manchmal schockierend und traurig, mal humorvoll und wertschätzend, von Menschen mit solch häufig leidvollen Erkrankungen zu bekommen. Für tiefere Auseinandersetzungen mit dem Thema der Persönlichkeitsstörungen und Psychoanalytik sind sie aber sicher nicht ausführlich genug.
So viel zu den guten Teilen des Buchs. Nun zu den weniger guten.
Herr Lütz hat mich teilweise sehr wütend gemacht. Gar habe ich ein halbes Kapitel übersprungen, weil ich es nicht aushalten konnte.
In diesem besagten Kapitel monologisierte er ausschweifend und legte seine Ansichten über Gott, Glaube, die katholische Kirche (als ob es die einzige und vor allem wahre sei) dar. Er kam immer und immer wieder auf diese Themen zurück und ich hatte das Gefühl, dass er den Redefluss von Herrn Kernberg stark gestört hat. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass er Herrn Kernberg und die Leser*innenschaft zur katholischen Kirche bekehren wollte oder zumindest von der Existenz eines (katholischen) Gottes überzeugen wollte.
Es hat mich geärgert, dass Herr Lütz häufig viel (Gesprächs-)Raum einnahm, sogar sein Gegenüber unterbrach.
Vielleicht war das einer möglichen Intention geschuldet, eher eine Unterhaltung zu führen anstelle eines Interviews. Dann hätte aber das gesamte Buch anders aufgebaut werden und auch Gegenfragen seitens Herrn Kernberg kommen müssen. Dies war nicht der Fall.
So zeugten seine Ausführungen eher von einem selbstgefälligen Bildungsbürgertum und einer Arroganz, die mir als Leserin meine absolute Unwissenheit vor Augen geführt haben.
Herr Kernberg wurde häufiger von ihm darum gebeten, einem “gebildeten Metzger” einen komplexen Sachverhalt bspw. eine psychoanalytische Theorie zu erklären. Als ob ein Metzger per se ungebildet sei, weshalb seine Bildung in diesem Fall betont werden muss. Als ob ein Metzger niemals so schlau wie Hr. L. sein kann, weshalb für ihn jetzt eine einfache Sprache angewendet werden muss. Als ob es keine Metzgerinnen gäbe. ...
Diese Formulierung ist in vielerlei Hinsichten völlig unpassend!
Das Buch beginnt er mit den Worten: “In diesem Buch ist aus rein pragmatischen Gründen der Lesbarkeit stets die männliche Sprachform gewählt worden, wofür ich Leserinnen um Verständnis bitte.”
Mein Verständnis hat er nicht.
Nicht, wenn ich durch das Buch den Eindruck bekommen habe, dass dieser Mann in einer so gestrigen Welt hängen geblieben ist und er aus Gründen der Bequemlichkeit, Gewohnheit und des Nicht-betroffen-seins in vollem Bewusstsein einfach so weiter macht wie immer bis in Ewigkeit.
Aber davon abgesehen waren die Teile, in denen Otto Kernberg zu Wort gekommen ist, unterhaltsam, lehrreich und durchaus lesenswert.