Heranwachsen im Dazwischen-Sein: Für die zehnjährige Ich-Erzählerin ist vieles nicht so, wie es sein sollte. Zwischen ihren Eltern herrscht ein Ungleichgewicht, ihr Vater wird von der Nachbarin ignoriert und ständig wird sie gefragt, woher sie komme. Und warum wollen ihr eigentlich alle Menschen in die Haare fassen? Ihre Mutter ist eine emanzipierte Schweizerin, ihr Vater ein stiller, entwurzelter Mann aus Sansibar, der als Koch arbeitet und nicht viel über seine Herkunft preisgibt. Nur, wenn er zuhause in der Küche steht, fühlt er sich seiner Heimat nahe und lässt andere über das Essen daran teilhaben. Dann verliert er die Arbeit. Immer mehr entfremdet er sich seiner Familie und dem Leben in der Schweiz. Die Erzählerin fühlt sich als in der Schweiz geborenes Schwarzes Kind ebenfalls zunehmend heimatlos. Anstatt sie zu unterstützen, will der Vater ihr einreden, dass die Schweiz auch nicht ihr Heimatland sei.
Der Debütroman von Samira El-Maawi behandelt ein sehr zeitgemässes und wichtiges Thema: Der strukturelle Rassismus in Europa. Angesiedelt in den Achtzigerjahren in der Schweiz, erzählt die zehnjährige Protagonistin vom Alltag mit ihrem aus "Afrika" zugewanderten Vater und ihrer Schweizer Mutter. Repetitive Sätze ermöglichen ein Gerüst voller Unsicherheiten und Fragen, Situationen erzwingen geschickt die Reflektion.
Mit Offenheit und eigens erlebter Beispiele ist die Handlung von "In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel" ein leider zu verbreitetes Beispiel betreffend Fremdenfeindlichkeit und westlicher Abgrenzung. El-Maawi will nicht belehren, sondern auf emotionaler Ebene greifbar machen. Dank der gewählten Perspektive gelingt dies gut und führt einmal mehr vor Augen, wie schrecklich wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Bloss, weil diese anderen Ritualen nachgehen oder leicht anders aussehen.
In der Heimat meines Vaters riecht die Erde wie der Himmel
Die Seiten verfliegen wie der Karamellgeschmack der Goldnüsse auf der Zunge.
Wer will schon aufwachsen und sehen, wie die Liebe der Eltern erst die Mutter fast entwurzelt und dann den Vater aus dem Boden löst?
Samira El-Maawi malt Bilder aus Düften und Gerichten, zeichnet in safrangelb ihren Vater, die Korallenmutter, mit Wutrot die Lippen der Schwester. Sie zeichnet ihre Schwarz-weisse Welt und ihre Wut und ihre Wünsche und die Träume, die ihr mehr über ihren Vater erzählen, als er selbst.
er wäre Kochkünstler er wäre der Nelson Mandela der Schweiz er wäre kein Ausländer er wäre kein Schwarzer er wäre kein Hausmann er wäre Vater
Aus den Augen ihrer wie ihr 8-jähriges Ich scheinenden Protagonistin beobachtet El-Maawi ihre Umwelt, die unsichtbare Grenzen, die rassistischen Sprüche der Klassenkameraden, von den Eltern an ihre Kinder weitergegen. Sie beobachtet den feinen Unterschied zwischen weissen Auländern und Schwarzen, zwischen AFRIKA und der Heimat ihres Vaters, zwischen der gelebten und gepredigten Vorstellung von 'wir sind alle gleich'.
Die Seiten verfliegen wie der Karamellgeschmack der Goldnüsse auf der Zunge.
Zwei Stunden eintauchen in den Alltagsrassismus, der schon längstens Geschichte sein sollte.
Ein schönes, sehr kurzes Buch. Inhaltlich sehr vielschichtig und wahnsinnig aufwühlend, da hier sehr viele verschiedene Gefühle verarbeitet werden. Der Schreibstil hat mir sehr gefallen, die Worte die gewählt wurden haben das Geschehen wunderschön verbildlicht dargestellt. Auch die Perspektive der 10-jährigen Protagonistin wurde meiner Meinung nach altersgerecht dargestellt, wodurch das Buch nochmal einen ganz anderen Blick auf die behandelten Situationen möglich gemacht hat. Mir ist die Handlung leider etwas zu kurz gekommen, ich hätte dieses Buch sicher auch mit 100 Seiten mehr genossen. Aber tatsächlich glaube ich, oder habe es jedenfalls so empfunden, dass in diesem Fall die Handlung gar nicht wirklich im Vordergrund stehen sollte, sondern eher der eigentlichen Intention des Buches zur Veranschaulichung diente. Letztlich ein sehr gutes, an Stellen auch trauriges Buch mit einem wichtigen Thema, was ich definitiv weiterempfehlen kann.
poetisch geschriebenes Werk aus der Sicht einer 10 Jährigen - es verarbeitet verschiedene Gefühle - das Erfahren von Rassismus und die komplexe Beziehung einer Tochter zu ihrem Vater -
Ich habe irgendwie meine Schwierigkeiten mit dem Roman gehabt. Eine wirkliche Story-Line in die man irgendwann hereinfinden konnte, gab es für mich gefühlt leider nicht. Allerdings haben mich die geschilderten einzelnen Situationen, mit denen die Protagonistin konfrontiert wird, ziemlich betroffen und auch nachdenklich gemacht und die Menschheit mal wieder anzweifeln lassen. Das Buch zeigt einmal wieder mehr, wie privilegiert diejenigen sind, die sich nicht mit den im Buch behandelten Gegebenheiten auseinandersetzten, müssen. Für ein Highlight reicht es hier aber leider nicht, wobei es meiner Meinung nach auch wahrscheinlich daran liegt, dass der Roman mit nur rund 144 Seiten ziemlich kurzgehalten ist und so keine umfassende Storybildung stattgefunden hat.
Aus der Sicht einer Zehnjährigen beschreibt Samira El-Maawi sinnlich und rhythmisch akzentuiert Szenen aus einer binationalen Familie vor dem Alltagsrassismus in den 1980/90er Jahren in der Deutschschweizer Agglomeration. Darin spürbar ist die Sehnsucht des Mädchens nach dem Vater, der präsent und doch nicht vollständig anwesend ist, der seine Muttersprache nicht mit den beiden Töchtern teilt und schließlich verbittert.
"Ich weiß mehr über die Geschichte von Nelson Mandela als über die Geschichte meines Vaters."
Aufgewachsen im selben Ort wie die Autorin und nur wenige Jahre älter, war die Lektüre eine kleine Zeitreise mit einem kritischen Blick zurück. (3-4 Sterne)