"Ein Hochstapler ist eine Person, die in der Absicht, sich Vorteile zu verschaffen, vorgibt, besser zu sein, als sie ist." so die Definition von Wikipedia.
Ich gebe dieses Zitat wieder, weil ich im Verlauf des dritten Buches meine verinnerlichte Definition des Wortes "Hochstapler" prüfen und anschließend verwerfen musste. Ich hatte eine andere, deutlich negativere Bedeutung im Kopf, eine kriminelle. Verwunderlich ist das nicht, da, wenn öffentlich über Hochstapler die Rede ist, meist jene kriminellen und verworfenen Subjekte, wie etwa eine Anna Sorokin oder ein Frank Abagnale, thematisiert werden.
Folgt man jedoch der Definition des Wikipedia-Artikels, so muss ein Hochstapler nicht zwangsweise zum Kriminellen ausarten.
Diese obige Einleitung ist wichtig, um meine Leseerfahrung näher zu beschreiben. Einen Großteil der Lektüre verbrachte ich damit, mir diesen Widerspruch zwischen dem sympathischen Krull und meiner, negativ-behafteten, Definition des Wortes "Hochstapler" zu erklären; ich konnte schwerlich in Einklang bringen, dass ich Felix gut leiden konnte, auch wenn er manchmal ein wenig mit den Beschreibungen seiner erstaunlich schnellen Auffassungsgabe "hochstapelte".
Meiner Erklärung zum Trotz, muss man Felix Krull allerdings doch in dem kriminellen Kader verorten.
Allerdings entspricht er nicht meiner ursprünglichen Auffassung dieser kriminellen Hochstapler. Die ist für jene vorbehalten, die Menschen rücksichtslos nach Strich und Faden ausnehmen, was Felix ja niemals tat. Seine Vergehen bleiben im Vergleich eher harmlos: er bestiehlt eine reiche adlige Dame um eine, für sie lächerlich geringe Summe, bestiehlt diese später erneut, allein durch ihre Veranlassung, nachdem er ihr den ersten Raub gestanden hatte, weshalb man das zweitere vermutlich nicht mal als Verbrechen betrachten könne. Und ansonsten? Er fälscht eine Unterschrift, aber auch mit dem Segen des eigenen Urhebers; er gibt sich als Adelsmann, als Marquis, aus, was zu jener Zeit, in der die Handlung der Bekenntnisse stattfindet, gewiss ein großes Vergehen war, uns heutzutage aber wenig tangieren sollte, da er dieses Vorgehen nicht zur Geldscheffelei missbraucht.
Nun habe ich also den Begriff dieses Wortes überwunden und kann mit freierem Blick auf das Werk blicken.
Was mich schon, spätestens seit der Musterung beindruckte, war Krull's spielend-leichte Art, seinen Willen in einer hierarchisch-festgezurrten Welt durchzusetzen, ohne Zuwendung von Gewalt; es bedurfte nur etwas Charisma, Lebensfreude und ein schönes, ansprechendes Exterieur.
So avancierte er binnen kurzer Zeit vom Ausgemusterten zum Marquis (wenn auch nur leihweise). Und das schafft er gewiss mit Vitamin B, mit Beziehungen, welche aber immer oberflächlich bleiben; er lässt niemanden allzu sehr an sich ran. Er ist nur von sich selbst überzeugt. Gewiss möchte man ihn deswegen vielleicht gern einen selbstverliebten, arroganten Narzissten schimpfen, aber das wäre mir doch zu vorschnell. In einem sehr späten Gespräch mit Zouzou, in dem er diese von ihrer negativen Definition von Liebe zu kurieren beabsichtigte, beschreibt er die körperliche Distanz zu anderen als eine für den Menschen natürliche Sache, welche nur von der Liebe überwunden werden könne. Ich komme nicht umhin, das nicht auch auf sein distanziertes Verhalten auszuweiten. Es scheint mir, seine gefühlte Überlegenheit ist ihm nur natürlich und nicht mit Spott anderer verbunden. Darin ist dann auch einer der Gründe für seine Hochstapler-Karriere zu finden.
"Genuss ist ein leidender Zustand, in welchem niemand sich genügt, der sich zum Tätigen, zum Selber-Ausüben geboren fühlt."
– so seine Bemerkung dazu, dass er sich einer anregenden Zirkus-Performance nicht stumpf ergeben konnte, wie sein Kollege, Stanko. Hier erkenne ich eines seiner Motive, die Karriere als Hochstapler einzuschlagen: er fühlt sich zu hohem Stande und hoher Lebensqualität geboren und berechtigt. Diesen Eindruck kann er ja nur haben, als Sprössling eines lange lukrativen Schaumwein-Unternehmens, dass ihm eine schöne, wohlsituierte Kindheit und Jugend ermöglichte, die dann aber mit dem Erwachsenwerden Felix' sein jähes Ende fand. Plötzlich mittellos, vaterlos, war er die gesellschaftlichen Stufen hinabgekullert und nur dank seines Paten, Schimmelpreester, mit einer Perspektive versehen. Anhand des Beispiels seiner Mutter, die sich in harter Arbeit mit einer eigenen kleinen Pension ihren kleinen Lebensunterhalt verdiente, sah er, was er nicht für sich wollte; harte Arbeit war ihm sicherlich nicht zuwider, was er als Liftboy und Kellner später durchaus bewies, aber ein Leben lang, nein, das war seine Sache nicht. Er hielt sich an seines Paten Worte, der gewisse Seitenpfade erwähnte, die eine Hotelkarriere dann und wann mit sich bringe; und tatsächlich, diese Pfade eröffneten sich ihm, aber er war wählerisch, schlug ein paar aus, ehe er durch des Marquis de Venosta schlussendlich zum Hochstapler avancierte. Demnach war dieses Hochstaplertum sein Mittel zum gesellschaftlichen Aufstieg.
Ein anderer Grund ist in seinem Blut zu finden; sein Vater, der große Sektfabrikant und Frankreich-Liebhaber, auch er war ein Hochstapler und zwar durchaus im negativen Sinne; schließlich hatte seine Ware nur ein feines, edles Äußeres, war aber von sehr schlechter Qualität, da billig hergestellt.
Der Vater also, wie der Sohn; nur ist der Sohn klüger, weil er die Leute nicht auszunutzen beabsichtigt und in seinen Lügen immer einen Kern Wahrheit einbaut.
Dieser mein ganzer Text geht schon viel zu lang und sagt doch wenig darüber aus, was ich von ihm halte.
Er hat mich fasziniert. Die Sprache, die Auffassungsgabe von Felix und diese aristokratische, vorkriegszeitliche Atmosphäre, die den ganzen Text durchtränkt. Ich habe wohl ein wenig dazugelernt, im Bezug auf die Kaiserzeit-Epoche und auch Humor gefunden in den gewiss schelmenhaften Darstellungen mancher dieser naiven aristokratischen Figuren.
Wenn es doch kein Fragment geblieben wäre!
Felicitas Hoppe, die Autorin des Nachworts meiner Ausgabe, hätte den Felix Krull lieber als Novelle, statt eines Fragments, gesehen. Auch wenn ich den Fragmentzustand auch bedauere, muss ich doch widersprechen; hatte ich doch mein Vergnügen an den Gedanken des Ich-Erzählers.