Die erste Biografie, die Charlotte Salomons intensive Bilder zum erzählerischen Ausgangspunkt nimmt Anlässlich des 100. Geburtstags Charlotte Salomons am 16. April 2017 rückt eine neue Biografie erstmals die intensiven Bilder und damit die Selbstdarstellung der Malerin in den Mittelpunkt. Während sich zuletzt Literaten, Musiker und Dramaturgen von Salomon inspirieren ließen – ihr Leben war Stoff etwa von David Foenkinos' Roman, unter der Regie von Luc Bondy wurde eine Oper uraufgeführt - hat Margret Greiner die historischen Tatsachen hinter dem gemalten Tagebuch recherchiert. Daraus entwickelt sie mit großer Nähe zu Salomons Werk eine atmosphärische Erzählung vom kurzen tragischen Leben der Künstlerin.
»In lebendigen Bildern erzählt Greiner die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Künstlerin, die gegen ihr Trauma anmalte.«
B.Z. am Sonntag, Claudia von Duehren (16. April 2017)
Zum 100. Geburtstag von Charlotte Salomon - eine Biografie entlang ihres wichtigsten Werks
Wer ist die junge Frau, die sich ihr Leben durch das Malen mit so beeindruckender Kraft angeeignet und auf diese Weise dem Tod getrotzt hat?
Die Malerin Charlotte Salomon - als 26-Jährige in Auschwitz ermordet - hinterließ über tausend autobiografische Bilder. Margret Greiner hat die historischen Tatsachen recherchiert und erzählt atmosphärisch und mit großer Nähe zu Salomons Werk vom kurzen tragischen Leben der Künstlerin.
Das Buch
Das Buch beginnt mit einem Prolog, in der Albert Salomon (Charlottes Vater) und Paula Lindberg (Charlottes Stiefmutter und Opernsängerin) nach Villefranche reisen um Charlottes Freundin Ottilie zu besuchen. Als sie das Haus Ottilies betreten, sehen sie einige Gemälde an der Wand, von denen klar ist, dass sie aus den Händen Charlottes entstanden sind. Paula Lindberg traut sich danach zu fragen, ob sie die Bilder bekämen und wird von Ottilie mit den Worten "Das schminken Sie sich mal ab ... Die Bilder sind mein Eigentum, kein einziges davon gebe ich her", sehr hart angegangen.
Daraufhin holt sie aus dem Keller drei Kartons und überreicht es den Eltern. Und genau an dieser Stelle beginnt unsere Reise mit Charlotte. Denn was Ottilie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, dass sich in diesen Kartons das Werk Leben? Oder Theater? befand, welches Charlotte in 18 Monaten gezeichnet hatte. Sie zeichnete 1385 Gouachen und davon bündelte sie 769 Blätter und gab diese zur Aufbewahrung an Dr. Moridis mit den Worten "Es ist mein ganzes Leben."
Nachdem Prolog führ Margret Greiner uns durch die einzelnen Stationen im Leben Charlottes. Charlotte wurde am 16.04.1917 in Berlin geboren. Als sie 8 Jahre alt war begann ihre Mutter Franziska Salomon Selbstmord. Dass ihre Mutter sich umgebracht hat, blieb ihr jahrelang verborgen. Nach Franziskas Tod war das Haus Salomons durch Dienstmädchen geprägt.
Im Kapitel Fenster zum Leben erklärt Greiner mit bildreichen Worten, wie Charlotte ihre Mutter zeichnet, die am Fenster steht und sich danach hinunterwerfen wird.
1930 heiratet Albert Salomon die Sängerin Paula Lindberg. Charlotte ist von Anfang an von Paula angetan. In ihren Zeichnung über diese Ehe und über Paulas Opern-Karriere gibt sie ihr den Namen Paulinka Bimbam.
Nachdem im Jahre 1933 Adolf Hitler als Reichskanzler ernannt wird, verlässt Charlotte ein Jahr vor ihrem Abitur freiwillig das Gymnasium um antisemitistischer Diskriminierungen aus dem Weg zu gehen.
1936 wird Charlotte an der Kunsthochschule in Berlin immatrikuliert und verlässt die Kunsthochschule ein Jahr später, da ihr ein Preis aberkannt wird, weil sie Jüdin ist. Dass auch noch ausgerechnet ihre damalige Freundin Barbara an ihrer Stelle den Preis bekommt, verkraftet Charlotte nicht und ist auch sehr traurig darüber, dass Barbara aus Angst ihren Mund nicht aufmacht.
Währenddessen kommt Alfred Wolfsohn als Gesangspädagoge ins Haus Salomon. Er gibt Paula Gesangsstunden. Dieser Mann ist in Charlottes Leben sehr wichtig. Sie verliebt sich in ihn. Hunderte von ihren Zeichnungen zeigen Alfred Wolfsohn.
Im Januar 1939 emigriert Charlotte Salomon zu ihren Großeltern nach Villefranche. Ein Jahr später nimmt sich die Großmutter Marianne Grunwald vor Charlottes Augen ihr leben. Ab diesem Moment spürt Charlotte, dass der Selbstmord in ihren Genen liegt und betet zu Gott um nicht den Verstand zu verlieren.
Ab dem Jahre 1940 zieht sich Charlotte in eine Pension zurück und fängt dort mit ihrem Werk Leben? oder Theater? an. Sie zeichnet 18 Monate lang wie eine Irre ihr ganzes Leben. Wie am Anfang schon gesagt bündelt sie von diesen Zeichnungen 769 Blätter und überreicht sie Dr. Moridis, der immer Charlotte zum Malen verleitet hat. "Ich habe Ihnen viel zu verdanken, Dr. Moridis. Nein, ich möchte nicht stören, nur etwas abgeben." Damit reichte sie dem Arzt die Pakete. "Heben Sie das gut auf, Dr. Moridis, es ist mein ganzes Leben." (Seite 282) Er hielt viel von ihrer Kunst.
1943 heiratet Charlotte Alexander Nagler, nachdem sie bemerkt, dass sie schwanger ist. Obwohl Charlotte mit dem Gedanken spielt, das Kind abzutreiben, kann sie sich nicht dazu überwinden. "Das Risiko ist viel zu hoch. Und wenn ich erwischt würde, erwarten mich zwanzig Jahre Zwangsarbeit. Abtreibung ist fast noch schlimmer, als Jude zu sein." (Seite 289)
Kurz nach ihrer Hochzeit werden Alexander Nagler und Charlotte verhaftet und nach Auschwitz gebracht. Nach zehn Tagen wird Charlotte, schwanger im 5. Monat, umgebracht. Alexander Nagler stirbt an den Folgen der Zwangsarbeit. Jemand musste sie verraten haben. Jemand musste sich die tausend Francs, die für eine Denunziation gezahlt wurden, oder andere Vorteile davon versprochen haben, Charlotte und Alexander Nagler an die Scherben Alois Brunners auszuliefern. (Seite 304)
Meine Gedanken: Ich muss sagen, dass ich das Buch sehr spannend fand. Mich interessieren die Schicksale damaliger Zeit und Margret Greiner benutzt eine sehr verständliche Sprache. Sie schreibt das Buch wie einen Roman und man empfindet es so, wie als würde man sich einen Film über Charlottes Leben ansehen. An vielen Stellen wird dann mit kursiver Schrift darauf aufmerksam gemacht, um welches Bild es sich nun handelt und in Klammern steht die Zahl des Bildes, da Charlotte ihr komplettes Werk durchnummeriert hat. Es sind insgesamt 24 Zeichnungen von Charlotte im Buch vorhanden. Das einzige was mich an diesem Buch gestört hat war, dass die Zeichnungen alle am Anfang zusammen sind. So musste ich immer wieder an der passenden Stelle an den Anfang blättern um mir die Zeichnung zu dem so eben beschriebenen Lebensabschnitt anzusehen.
Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass ich dieses Buch, welches zum 100. Geburtstag von Charlotte Salomon erschienen ist,, für sehr gut empfand. So gut, dass ich mich im Internet darüber informiert habe, wann denn eine Ausstellung der Zeichnungen in Deutschland stattfindet.
Die Zeichnungen von Charlotte Salomon befinden sich im Joods Historisch Museum in Amsterdam. Außerdem gibt es eine Webseite http://www.charlotte-salomon.nl/colle... auf der man sich die Zeichnungen angucken kann. Die Nummerierung der Zeichnungen im Buch entsprechen dieser auf der Webseite.
An dieser Stelle möchte ich mich bei Knaus Verlag für dieses Rezensionsexemplar bedanken.
"Es ist mein ganzes Leben" erzählt die Geschichte von Charlotte Salomon, einer jungen, jüdischen Künstlerin Berlins zu Zeiten des dritten Reichs. Auch wenn der Name Charlotte Salomons nicht unbedingt zum Allgemeinwissen gehört, lohnt sich neben der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte auch eine Auseinandersetzung mit ihrer Kunst. Das Buch erzählt wunderbar begleitend die Biographie der jungen Künstlerin von ihrer Geburt in eine Berliner Ärztefamilie, bis hin zu ihrer Verschleppung in Südfrankreich und dem anschließenden, tragischen Ende in Auschwitz. Das Buch berührt, bildet und erzürnt und bleibt bei einem.
ein wunderschönes, gut erzählt, fein recherchiertes Buch liest sich nicht wie eine sachliche Biografie, was in Anbetracht des Todes auch sehr passt Schließe mich dieser Dame an: "Charlotte Salomon – "Es ist mein ganzes Leben": ein kluges, bewundernswertes Buch Von: Gerhard Fischer aus Sydney, NSW, Australia 27.11.2017
Margret Greiner hat ein kluges, bewundernswertes Buch geschrieben. Sie erzählt die schier unglaubliche Geschichte der Charlotte Salomon mit großer Gelassenheit und Empathie, ohne dass die Spannung der Story, die ja auch eine Abenteuer- und Kriminalgeschichte ist, verloren geht. Am meisten beeindruckt freilich das Porträt einer großen Künstlerin, deren Lebengeschichte und Werk noch viel zu wenig bekannt sind. Man meint Geschichten dieser Art zu kennen, und doch ist dies eine ganz andere, einzigartige Geschichte: die Biographie einer außerordentlich begabten deutsch-jüdischen Künstlerin, deren letzte Station Auschwitz heißt; die private Tragödie einer Familie, die über Generationen hinweg von einem scheinbar schicksalshaften Unglück heimgesucht wird; und die Geschichte eines Kunstwerks, “wie es Vergleichbares bis dahin nicht gab – und bis heute nicht gibt. Im Berlin der 20er Jahre heiratet Dr. Albert Salomon, ein bekannter Chirurg und Professor, nach dem frühen Tod seiner Frau ein zweites Mal. Paula Lindberg, eine bekannte Sängerin, wird zur Stiefmutter der Tochter Charlotte, geboren 1917, ein sensibles, eigensinniges und hochbegabtes Mädchen. Die Familie, säkular-jüdisch, gehört zur gehobenen Berliner Gesellschaft; die Tochter, genannt Lotte, wächst im Schatten dieser großbürgerlichen Welt heran, in der Obhut wechselnder Kindermädchen. Nach dem 30. Januar 1933 wird alles anders . Der Vater verliert seine Professur; die Engagements Paula Lindbergs werden abgesagt; Charlotte wird in der Schule diskriminiert, sie verlässt das Gymnasium ein Jahr vor dem Abitur; danach wird sie für wenige Monate in der Kunstakademie immatrikuliert. Anfang 1939 schicken die Eltern sie ins Exil nach Südfrankreich, wo die Großeltern mütterlicherseits schon seit 1933 leben; sie wehrt sich heftig gegen die “Verschickung”, doch sie muss sich fügen. Den Eltern selbst gelingt nach dem Novemberpogrom die Flucht nach Holland, wo sie den Krieg überleben. Die Lebensgeschichte der Familie Salomon ist überschattet von einer Kette persönlicher Tragödien: Nervenkrisen und -zusammenbrüche, Suizide und Suizidversuche. In Frankreich wird Charlotte von ihrem Großvater über die Familiengeschichte aufgeklärt: vier Frauen, darunter eine Tante und eine Gromutter, sind in kurzer Zeit durch Selbstmord aus dem Leben geschieden. Der Freitod der Mutter wird der damals neunjährigen Tochter verschwiegen (man erzählt ihr, die Mutter sei an Grippe verstorben). Charlotte ist entsetzt; sie fürchtet, wahnsinnig zu werden. 1943 heiratet Charlotte Salomon den österreichischen Flüchtling Alexander Nagler. Nach der Kapitulation Italiens besetzen deutsche Truppen auch den Süden Frankreichs. Am 23. September werden Charlotte und ihr Mann verhaftet; am 7. Oktober beginnt die Deportation. Charlotte Salomon, 26 Jahre alt und im fünften Monat schwanger, wurde gleich nach der Ankunft in Auschwitz umgebracht. Es gibt noch eine dritte Dimension in dieser Geschichte: die Kunst. Auf Rat ihres Arztes beginnt Charlotte Salomon, wieder zu malen: Malen als psychische Selbsttherapie, als Katharsis. Mitte 1940 mietet sie ein Zimmer in einer Pension mit Blick auf das Meer. In diesem Raum, den sie in den nächsten zwei Jahren kaum verlässt, malt sie die Geschichte ihres Lebens. Es entstehen über 1300 Gouachen, von denen sie schließlich 769 in ein Bündel sortiert und mit einem Titel versieht: “Leben? oder Theater?” Anders als die vorliegenden Biographien nähert sich Greiner der Lebensgeschichte Charlotte Salomons über die Bilder, von denen eine Auswahl von 24 Illustrationen in einem Bildteil am Anfang des Buches vorgestellt werden. Weitere Bilder werden im Text anhand der Katalognummern des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam identifiziert und können so von den Lesern über eine spezielle Website des Museums abgerufen werden: eine originelle Art der Intermedialität, die den besonderen Möglichkeiten des Internet in sinnvoller Weise gerecht wird.