Stefanie Sargnagels Schreibstil ist das genaue Gegenteil von prätentiös. Sie vermeidet hohe Intellektuellensprache, komplexe Satzbauten die meist nur dazu dienen, dass die AutorInnen sich an ihrer eigenen Genialität aufgeilen können und Wiener Sprache und Wörter bleiben einfach wienerisch, werden nicht verhochdeutscht. Das alles ist angenehm, weil es das Buch nicht nur so viel zugänglicher macht, sondern auch der Authentizität unheimlich gut tut und der Charme des lebendigen Wiens im Kopf zu Leben beginnt.
Eine dichte, weil ungekünstelte und dadurch umso authentischere Leseerfahrung kommt zustande, man fühlt sich weniger wie ein Voyeur, der eine Gruppe mehr oder weniger jugendlicher „Abhänger“ beobachtet, als mehr Teil von dieser Gruppe die im Nachhinein die Geschichten nacherzählen.
Wie bei vielen anderen Romanen, die vom eigenen Leben der Autoren, wie bei einem Knausgard, Proust oder auch einem Panikherz eines Benjamin von Stuckrad, erzählen und nicht direkt den Anspruch einer Autobiografie erfüllen, so bleibt auch bei Sargnagels "Dicht" offen, ob alle Ereignisse wirklich so oder überhaupt geschehen sind. Auch, dass die Autorin mit eigentlichen Namen Stefanie Sprengnagel heißt, also sogar ihre Identität als Autorin Sargnagel eine gewisse Kunstfigur ist führt uns die Tatsache vor, dass nicht alles so wahr sein muss, wie wir es vll. glauben (wollen). Doch das tut dem Buch keinen Abbruch, denn keine Handlung ist so unwahrscheinlich, als das es nicht passiert sein könnte, nie kriegt man beim Lesen das Gefühl, die Autorin will hier mit ihrer, möglicherweise fingierten, jugendlichen Radikalität und dem Dagegensein prahlen, nie wirkt es aufgesetzt, immer authentisch. Liebevoll und trocken selbstkritisch reflektiert sie ihre eigenen vergangenen Taten, Haltungen und Ansichten, genauso wie die ihrer MitstreiterInnen, FreundInnen und Rauschkumpanen, dass es keine Rolle spielt, ob es jetzt wirklich so geschehen ist. Den Wahrheitsgehalt werden nur Stefanie (mit welchem Nachnamen auch immer) und die Beteiligten beurteilen können, aber die Gedanken, Gefühle und Reflexionen der Erzählerin sind so aufrichtig und ehrlich, dass es keine Rolle spielt ob nur Gedankenexperiment oder real passiert.
Und lässt uns nicht der Rausch, das Dichtsein ohnehin klar werden, wie nah Realität, Gedanken, Wahrnehmung und Vorstellung aneinander sind, sich vermischen und die eigentliche Realität erst erschaffen? Denn was ist Realität, wenn nicht das was wir selbst subjektiv wahrnehmen? Besonders in der Zeit des Erwachsenwerdens, der Zeit der Selbstfindung und des Ausprobierens, in der alles so schnell und intensiv passiert, kann im Rückblick eine Mischung aus Realität, Vorstellung und Verklärung schnell unsere Vergangenheit konstruieren. So ist "Dicht" einer der besseren Coming-of-Age Romane, weil er sich nicht nur an den Pseudo-Wehwehchen westlicher, mehr oder weniger privilegierter Jugendlicher ab arbeitet, sonder uns auch gewissermaßen das aufrichtige Erinnern ohne Reue lehrt, denn Zeit vergeht immer und auch wenn wir dies oft denken mögen: voll verschwendet ist sie nur selten, besonders in der Jugendzeit nicht.