Anthologie mit Novellen: Armin Rößler "Lazarus" Berndhard Schneider "Modulation" Petra Vennekohl "Tattoos" Heidrun Jänchen "Fünfundneunzig Prozent" Andrea Tillmanns "Am Ende der Reise"
Mit diesem Band hat der Wurdack-Verlag es seinen „Hausautoren“ ermöglicht, längere Erzählungen, „Novellen“, zu veröffentlichen. Sind die Autoren mit dem Raum zurechtgekommen? In Armin Rößlers Erzählung „Lazarus“ erwacht ein Mann desorientiert. Langsam kommen die Erinnerungen. Er erinnert sich daran, dass ihn ein Dolch durchbohrt hat, er eigentlich tot sein müsste. Sein Spiegelbild befremdet ihn. Als er mit einer Frau zusammentrifft, die ihn wiedererkennt, kommt die Erinnerung vollends zurück und er flieht. Sein Ziel ist die Kirche des Lazarus, in der irdische Hoffnungen und Ebu-Mythen verschmolzen sind. Das ist eine Ebene. In der anderen ist eine Expedition auf dem Planeten zu einer Nekropole unterwegs, um herauszufinden, was es mit dem Totenkult oder besser wieder Auferstehungskult der Ebu auf sich hat. Ein Expeditionsmitglied hat seltsame Träume von den Ebu und ihrer Art zu sterben. Interessant, wie Rößler das in seinem sparsamen knappen Stil erzählt. Wieder mit einer mystischen Atmosphäre, melancholisch und durchaus spannend erzählt. Dieses Mal haben auch burleske Elemente Platz, als er die irdische, sehr provinzielle Verwaltung des Planeten schildert, in der ein Roboter mit Kaffee Kochen reichlich unterfordert ist. Dieses humorige Element mag der eine oder andere Leser hier unpassend finden, es deutet aber eine wünschenswerte Weiterentwicklung des Autors an. „Modulation“ von Bernhard Schneider: Eines Tages tritt ein Vertreter des Pentagon an Carlos A. Lorca, einen im Irak-Krieg traumatisierten Militärtechnikhistoriker, mit einem Auftrag heran. Es geht mal wieder um die nationale Sicherheit. Der Agent legt ihm eine radioastronomische Karte vor, die mit dem NS-Hakenkreuz signiert ist. Da er weiß, was er vor sich hat, seine von ihm getrennt lebende Frau ist Radioastronomin, und weil die NS-Militärtechnik sein Spezialgebiet ist, stimmt er ein, auch wenn er dafür wieder in den Irak gehen muss. Dort wird er zum Fundort der Karten geführt, wo Wehrmachtsflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg im Sand begraben liegen. Und dort trifft er auch wieder auf seine Frau Jane, die sich der Suche nach außerirdischem Leben verschrieben hat. Die Nazis haben außerirdische Botschaften empfangen und sie haben es geschafft sie zu entschlüsseln, nur warum befinden sich die Flugzeuge mit der brisanten Fracht mitten in der irakischen Wüste? Und die Pläne der Regierung gehen weiter, und Lorca erkennt, was die Radio-Botschaften aus dem All enthalten. Man fühlt sich an einen Hollywoodthriller erinnert, so viele fast typische Handlungselemente und Figurenkonstellationen begegnen einem beim Lesen. Man kann sich diese Novelle zweifelsohne als Film vorstellen. Aber die Story ist zweifellos originell und nicht ohne (psychologischen) Tiefgang. Außerdem ist sie sehr spannend erzählt. Es gibt einen unnötigen Schlenker in der Handlung, aber der fällt nicht sonderlich ins Gewicht. Eine rasante Space Opera mit glaubhaften Charakteren ist „Tattoos“ von Petra Vennekohl. Ein heruntergekommener Kapitän eines interstellaren Frachters sieht sich gezwungen, eine problematische Fracht an Bord zu nehmen. Der Auftraggeber schreibt eine spezielle Route vor. Den Sinn erkennt er erst, als sein Raumschiff an einer bestimmten Koordinate überfallen wird. Ein mysteriöses Schiff will ihm die Fracht abnehmen, doch er wehrt sich erfolgreich dagegen. Er argwöhnt, dass dies von seinem Auftraggeber eigentlich so gewollt ist. Im nächsten Raumhafen kommt er dahinter: Ein interstellarer Konzern will mit der begehrten Fracht eine unsaubere Sache durchziehen. Und einige Menschen in seiner Umgebung spielen falsch. Diese Geschichte ist nicht sonderlich originell, aber sie vermag in der Ausführung zu überzeugen. Sie ist einfach gut und detailliert erzählt, so dass man als Leser nie aus der Handlung herausfällt. „Fünfundneunzig Prozent“ von Heidrun Jänchen spielt nach einem globalen Zusammenbruch durch eine künstlich herbeigeführte Klimakatastrophe (im Buch der „Ausbruch“ genannt), die viele kleine Gemeinden, die sich selbst versorgen müssen, zurückgelassen hat. In einer dieser kleinen Gemeinden lebt Haldor als Computerspezialist, der Erfolgsaussichten berechnet und den Energieverbrauch der Gemeinde im Computer simuliert. Er hat Macht, aber daran liegt ihm nicht viel. Er lebt in der virtuellen Welt, lediglich seine Lebensgefährtin hält ihn noch in der Realität. Heimlich berechnet er die Chancen, mit einem Streich die Vergangenheit so zu verändern, dass die Katastrophe nicht eintritt. Aber immer wieder kommt er an den Punkt, bei dem er dadurch seine Arbeit im Netzwerk selbst unmöglich macht. Er merkt nicht, dass er beobachtet wird, wenn er sich in das Computernetzwerk eingeklinkt hat. Und die Oberen sind nicht interessiert an Veränderungen. Eine warmherzige Geschichte mit lebendigen Figuren, die recht komplex aufgebaut ist und in der die Informationen recht sparsam eingesetzt sind, so dass man sie aufmerksam lesen muss. Aber dieser Mehraufwand lohnt sich zweifelsohne. Sie ist intelligent und wartet mit einem überraschenden Ende auf.
In „Am Ende der Reise“ von Andrea Tillmanns lernt der Leser sympathische Außerirdische kennen. Die Jiaren sind Mischwesen. Beweglich und vage anthropomorph, aber auf pflanzlicher Basis und demzufolge sind ihnen Aggressionen fremd. Sie nehmen das auch von anderen Wesen an, so wie die Menschen auch annehmen, dass Außerirdische ihnen ähnlich sind. Außerdem sind sie Telepathen, die auch mit den anderen Arten an Bord telepathisch in Verbindung stehen. Mit ihrem kuppelartigen Raumschiff landen sie mitten im Meer ihres Zielplaneten, der für sie die ersehnte neue Heimstatt werden soll. Der Leser ahnt oder weiß es schon, dieser Planet ist die Erde. Der Kontakt mit den Menschen bleibt nicht aus. Zuerst sind es Wissenschaftler, die sehr empfindlich auf die telepathische Kommunikation reagieren. Aber ihre Neugier ist größer als ihre Angst. Doch es ist fast unvermeidlich, dass die Jiaren auch mit Militärs zu tun bekommen. Das verkompliziert die Situation. Das gute an dieser Erstkontaktgeschichte ist, dass sie ganz aus der Sicht der Außerirdischen erzählt ist. Die fremde Lebenswelt und die Mentalität wird lebendig veranschaulicht und eine eigentümliche Stimmung erzeugt. Eine eindrückliche Geschichte, die aber gegen Ende sich nicht von Klischees lösen kann und dadurch schwächer wird. Gegen "Modulation" und "Fünfundneunzig Prozent" fallen "Lazarus", „Tattoos“ und "Am Ende der Reise" ab. Bemerkenswert auch, dass sich zwei Geschichten sozusagen nur im Vor- oder Umfeld von SF-Ideen bewegen. Bei „Modulationen“ ist es der Kontakt mit Außerirdischen, so viel darf man verraten, der bei dieser Geschichte eher ein vermittelter, und nur behaupteter ist, aber nichts desto trotz große Auswirkung hat. Bei der Geschichte von Heidrun Jänchen ist die Zeitreise als Möglichkeit allein die große Motivation für die Hauptfigur. Zeitreise und Botschaften von Außerirdischen werden nur als Ideen in die Erzählung eingebracht. Dieser „Idealismus“ ist typisch für die deutschen Phantastik. Die Autoren haben ihren Platz genutzt. Die Erzählungen erwecken nicht den Eindruck, dass hier Kurzgeschichten „aufgeblasen“ wurden. Als Leser hat man auch nicht das Gefühl, dass es sich hier um zusammengekürzte verhinderte Romane handelt. Alle Erzählungen wirken in sich abgeschlossen, und die Informationsmenge ist angemessen auf die Länge der Erzählungen verteilt. Ein kurzes Wort zum Cover von „Lazarus“. Das war dieses Mal zwar passend, hat doch Ernst Wurdack den Lazarus von El Greco eingebaut, aber es erscheint eher dekorativ denn gestalterisch überzeugend.