Wie erkennt man die wunden Punkte im Leben? „Taupunkt“ führt fort und beschließt, was mit Kerstin Preiwuß' Gedichtband „Rede“ begann und in „Gespür für Licht“ seinen Lauf nahm: Für die Dauer einer Nacht setzt der Tonstrom ein. Unerschrocken dringt er durch die Schichten des Ichs. Dort setzt das Dichten an und sucht Zusammenhang. So weist „Taupunkt“ immer in zwei Richtungen, bezeichnet den Schwellenwert, an dem Zustände sich trennen, und führt Fühlen und Wissen zusammen, ist Messkategorie und Metapher. Es ist Kunst, das Hin und Her des Lebens als Einheit zu begreifen und für dessen Widersprüchlichkeit offen zu sein.
„Ein lyrisches Sprechen, das von individueller Erfahrungstiefe gesättigt erscheint und sie doch diskret umschlagen lässt in etwas, das alle Leser anspricht.“ Beate Tröger, Literaturblatt.de
So wenig mich das Buch zunächst ansprach, desto besser wurde es mit der Zeit. Liest man die Gedichte laut, erzeugen sie einen durchaus faszinierenden Sog, der im Stillen gar nicht so richtig deutlich wird. Zudem werden die Themen ab der Hälfte gewagter, was mir persönlich sehr gut gefiel. Ein Gedichtband, bei dem sich ein zweiter Anlauf definitiv lohnt, wenn man anfangs noch nicht ganz überzeugt ist.