„The Feminism Book aus der Reihe Big Ideas Simply Explained“ ist mehr als eine Chronik – es ist eine Kartografie der intellektuellen Landschaft einer der folgenreichsten sozialen Bewegungen der Moderne. Anhand von über hundert prägnant dargestellten Ideen, von den Anfängen im 18. Jahrhundert bis zur digitalen #MeToo-Ära, entfaltet das Werk eine visuell ansprechende und didaktisch brillante Landkarte des feministischen Denkens. Seine Stärke – und zugleich seine philosophische Krux – liegt in der streng chronologischen Gliederung, die den Feminismus als Abfolge von „Wellen“ präsentiert: eine nützliche, wenn auch vereinfachende Metapher, die dem Leser erlaubt, die Evolution der zentralen Fragestellungen nachzuvollziehen.
Ich persönlich hätte den Ursprung feministischen Denkens noch früher angesetzt – bei Hypatia von Alexandria, der spätantiken Mathematikerin und Philosophin, die als Symbol des intellektuellen Widerstands gegen patriarchale und religiöse Macht gilt. In ihrer Gestalt verbinden sich Rationalität und Mut, Vernunft und Selbstbestimmung – genau jene Koordinaten, auf denen später die feministische Idee fußen sollte. Dass das Buch mit dem 18. Jahrhundert beginnt, ist nachvollziehbar, doch der Blick zurück auf Hypatia erinnert daran, dass der Gedanke weiblicher Autonomie nicht erst mit der Aufklärung geboren wurde, sondern tief in der Geschichte der Vernunft wurzelt.
Die philosophische Reise, die das Buch entfaltet, beginnt mit dem Appell der Aufklärung, die universellen Rechte des „Menschen“ auch auf die Frau auszuweiten – ein liberal-humanistischer Impuls, der im Ruf nach Selbstbestimmung gipfelt: „Ich wünsche nicht, dass Frauen Macht über Männer haben; sondern über sich selbst.“ Die zweite Welle markiert einen entscheidenden epistemologischen Bruch, indem sie mit Simone de Beauvoirs Diktum „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ die ontologische Frage nach dem Wesen der Frau stellt und die Wurzeln der Unterdrückung vom Biologischen ins Soziale verlagert. Das Private wird politisch, und die Analyse richtet sich auf die tiefen Strukturen von Patriarchat, Misogynie und institutioneller Macht.
Manche Kritik an de Beauvoir wirkt dagegen bequem – formuliert aus der warmen Stube der Nachgeborenen, die den Mut und die Einsamkeit übersehen, mit der sie ihre Position in einer intellektuellen Männerwelt behauptete. Es ist leicht, retrospektiv Distanz zu wahren, wenn die Begriffe, für die andere einst verspottet wurden, längst Eingang in die Lehrbücher gefunden haben. De Beauvoirs Werk bleibt eine Pionierleistung: nicht fehlerlos, aber grundlegend, weil sie das Denken selbst in Bewegung setzte.
Die wahre Komplexität und die inneren Spannungen des Feminismus offenbart das Buch in den Kapiteln über die „Politik der Differenz“ und die „neuen Wellen“. Hier wird die Kategorie „Frau“ selbst dekonstruiert. Konzepte wie Intersektionalität („Alle Unterdrückungssysteme sind miteinander verknüpft“), Womanism und postkoloniale Kritik zeigen, dass die Erfahrungen von Frauen nicht universell sind, sondern von sozialen Kategorien wie Herkunft, Klasse und Hautfarbe geprägt werden. Mit Judith Butlers Theorie der Performativität („Geschlecht ist eine Reihe wiederholter Handlungen“) erreicht diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt: Identität wird nicht mehr als Essenz, sondern als Akt verstanden.
So wird der Feminismus hier nicht als abgeschlossene Ideengeschichte präsentiert, sondern als lebendiger, sich selbst befragender Denkprozess – eine Reise, die kein Ende kennt.