Bewertung: 3,5/5 Sterne
Eine düstere, unterhaltsame Geschichte, die leider etwas vorhersehbar ist.
Witchghost war mein erstes Buch von Lynn Raven. Da ich schon viel Gutes von der Autorin gehört habe und ich Hexengeschichten sehr mag, war ich gespannt auf dieses Buch. Wer düstere Hexengeschichten mag, bei denen stark die Verbundenheit zur Natur im Fokus steht, könnte hier glücklich werden.
Das Buch hat für mich immer wieder Thriller-Elemente vermittelt, was überhaupt nicht schlimm war, im Gegenteil, denn dadurch kam die düstere Atmosphäre gut rüber. Es gab Morde aufzuklären und die seltsamen Ereignisse, die die Protagonistin Cass im Laufe der Geschichte heimsuchen, haben für Spannung gesorgt. Ich habe das Buch recht schnell durchlesen können, da es eigentlich nie langweilig wurde. Die Handlung kommt schnell zur Sache und ab da wollte ich wissen, wie es weitergeht und wie sich alles auflöst.
Cass war mir eine sympathische, wenn auch hin und wieder etwas eigenwillige Protagonistin, die ich aber dennoch ins Herz geschlossen habe, da sie genau weiß, was sie will, und sich da von niemandem reinreden lässt. Sie ist stark und selbstbewusst, ohne dabei jedoch zu perfekt zu wirken. Sie ist zugleich auch immer wieder sehr sarkastisch, was sich enorm im Text selbst widergespiegelt hat, denn das Buch ist voll mit direkten Gedanken von ihr. Das ist nicht schlimm, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat. An machen Stellen war mir dieses gedankliche „Ich muss alles sarkastisch kommentieren“-Ding etwas zu viel, an anderen hingegen war es sehr unterhaltsam.
Es ist der Autorin gelungen, Cass sehr greifbar darzustellen, ich konnte ihre Entscheidungen und Bewegründe gut nachvollziehen und in den kleinen Nebenstorys, die es gab, hat sie mir immer gut gefallen.
Das Buch beinhaltet auch eine kleine Liebesgeschichte – Luke wohnt ebenfalls im Haus des Richters und soll eigentlich der Vertraute von Ann, der Tochter des Richters, sein. Über Luke erfährt man leider sehr wenig, sodass er im Vergleich zu Cass eher blass bleibt. Man weiß von einem Teil seiner Vergangenheit und weshalb er dort wohnt und dass er Hexen eigentlich nicht mag. Das war es im Großen und Ganzen aber auch schon. Ich hätte mir da noch mehr Infos gewünscht, vielleicht auch ein bisschen mehr emotionalen Einblick in ihn. Die Autorin hat die Liebesgeschichte zwar nicht total überstürzt, aber emotional kam bei mir leider auch nicht so viel rüber. Die beiden hatten schöne Szenen, keine Frage, aber irgendetwas hat mir gefehlt.
Ein kleines Probleme sehe ich auch bei dem Richter Wittmore. Er möchte Cass ja eigentlich dazu bringen, ihre Ausbildung als Hexe anzutreten. In der ersten Hälfte des Buches übernimmt er noch einige Versuche, sie zu überreden, doch im Laufe der Geschichte ist das kaum noch Thema. Ich habe das Gefühl, das Ganze hätte sich auch erledigt, hätte das Buch anders geendet. Es kam mir auch hier irgendwie so vor, als hätte etwas gefehlt.
Das Buch wird hauptsächlich aus Cass‘ Perspektive erzählt, es gibt jedoch auch die Perspektiven von Ann und von William. Letztere Perspektive spielt allerdings ein paar Jahrhunderte zuvor zu einer Zeit, als es um eine Mordserie ging, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart zu spüren sind und die niemand anderen betreffen als Cass.
Die anderen Perspektiven haben Spannung in die Geschichte gebracht, gerade die Ereignisse von William haben neue Infos eingebracht – manchmal jedoch auch zu viele bzw. genauer gesagt direkt am Anfang …
Wie schon erwähnt, es geht in Witchghost u.a. darum, dass es aktuelle Morde aufzuklären gibt, Morde, die vermutlich magischen Ursprungs sind. Diese Morde hängen aber eng mit denen von vor einigen hundert Jahren zusammen. Direkt das zweite Kapitel ist aus Williams Sicht und schildert, wer für die damaligen Morde verantwortlich ist (und im Übrigen auch, was mit ihm selbst passiert). Alle späteren Kapitel aus Williams Sicht spielen dann chronologisch jedoch VOR diesem zweiten Kapitel (also vor Williams ersten Kapitel). Man weiß nur leider sowohl dort als auch in Cass‘ Kapitel bereits, wer die Schuldigen sind und wer eben auch im Umkehrschluss zu Unrecht beschuldigt wurde. Das nimmt der Geschichte einen großen Teil der Spannung, da man zwar Cass dabei verfolgt, wie sie versucht, die Wahrheit herauszufinden, man selbst aber längst Bescheid weiß. Ich weiß nicht, ob das notwendig war oder ob man es nicht hätte anders schreiben können – sprich: Das zweite Kapitel ganz weglassen (und später ans chronologische Ende von Williams Kapitel packen – dort wiederholt sich das Ganze im Übrigen auch noch mal, wir lesen also diese Szene einfach doppelt).
Ich fand das Buch trotz allem unterhaltsam und habe es gerne gelesen, muss aber – eben auch wegen der eben genannten Sache – sagen, dass es leider sehr wenig Unvorhersehbares hatte. Man wusste von Anfang an, was früher passiert war und konnte sich dadurch auch recht schnell herleiten, was nun in der Gegenwart los ist. Die Überraschungen, die es gab, waren eher klein und überschaubar, aber hatten keineswegs einen „Wow“-Effekt oder einen überraschenden Plottwist.
Ich habe wirklich bis zum Ende gehofft, dass alles ganz anders kommt, aber bis auf eine kleine Stelle, die sich dann jedoch auch als Irrtum offenbarte, war das Ende sehr vorhersehbar und konnte mich leider nicht über die Maßen mitreißen. Gelesen habe ich es dennoch gern, aber es bleibt mir vermutlich nicht im Gedächtnis.
Ansonsten hatte ich so meine Probleme mit dem Schreibstil. Das ist sicherlich auch Geschmackssache – ich kann Lynn Raven zumindest zugutehalten, dass ihr Schreibstil aus der Masse hervorsticht!
Sie schreibt allerdings sehr abgehackt. Oft in ganz knappen Sätzen. Sätze, die länger sein könnten, werden getrennt. Werden mit einem Punkt beendet. Statt mit einem Komma fortgeführt. Teils über lange Absätze hinweg. Seitenweise.
Merkt ihr was? So ungefähr, wie ich das gerade geschrieben habe, war das. Es war nicht immer „schlecht“ (wenn man das überhaupt so sagen kann), mein Problem war schlicht, dass ich ständig beim Lesen dieser Passagen gestolpert bin, da der Satz meinem Empfinden nach eigentlich noch weiter hätte gehen sollen, doch stattdessen kam ein Punkt und der nächste knappe Satz bestand aus ganz wenigen Worten und könnte so eigenständig gar nicht funktionieren. Ellipsen waren ebenfalls oft anzutreffen.
Ja, ich weiß, Ellipsen sind ein Stilmittel, aber es war mir oft einfach over the top – das ist es nämlich, wenn ich beim Lesen ständig hängen bleibe und noch einmal zurückgehen muss. Und mir passiert so etwas nicht oft beim Lesen.
Nicht das ganze Buch war voll davon, aber gerade in Beschreibungen, zum Beispiel der Natur oder von Cass‘ Gefühlen und Wahrnehmungen, hat sich dieser Stil gehäuft. Ich habe viel flüssiger lesen können, als auch die Sätze länger und weniger abgehackt waren.
Leider gab es auch einige Szenen, gerade auch am Ende, wo ich durch den Schreibstil kaum verstanden habe, was gerade passiert ist. Mir haben da Erklärungen gefehlt, weil alles auf das totale Minimum heruntergebrochen war, es gab viele Ein-Wort-Sätze.
Generell habe ich das Gefühl, dass dieses Buch noch viel besser hätte sein können! Ich fand es ja keineswegs schlecht, sondern habe mich unterhalten gefühlt, aber man hat in diesem Buch so wenig zu dem erfahren, was über die reine Geschichte hinausgeht. Ich liebe übernatürliche Geschichten, die in unserer Welt spielen, und umso schöner ist es, wenn man die Verknüpfungen zwischen beidem merkt.
Hier fehlten mir Infos dazu, wie es für die Hexen ist, unter den Menschen zu leben. Ist es einfach? Gibt es Probleme? Bis ganz zum Schluss bleibt man da im Dunkeln (und das am Schluss erscheint mir als Ausnahmesituation, was wiederum nicht sicher zu sagen ist, da man nur die nötigsten Infos erhält). Auch werden immer wieder Begriffe und Sachverhalte in den Raum geworfen, ohne diese näher zu erklären. Was genau ist ein Coven? Wie genau kann ich mir das vorstellen? Was ist ein Vertrauter – wie Luke einer ist - und was genau ist die Verbindung zwischen ihm und einer Hexe? Ja, man kennt den Begriff aus ähnlicher Literatur, aber ich möchte in diesem Buch eine Erklärung für eben dieses Buch. Dann hätte ich vielleicht auch besser verstanden, was an der einen Stelle zwischen Cass und Luke abging.
Dieses Problem hatte ich generell mit dem Buch. Es bleibt oft etwas oberflächlich, Dinge werden nicht sonderlich tief erklärt. Dabei hatte die Geschichte wirklich viel Potenzial - vor allem, wenn sie nicht bereits zu Beginn alles vorweggenommen hätte … Kann man machen, wenn es später den mega Plottwist gibt, der bleibt aber leider aus.
Fazit: Trotz meiner Kritikpunkte hat es mir Spaß gemacht, Witchghost zu lesen. Die düstere Atmosphäre gefiel mir sehr und auch die Protagonistin Cass – welche keine der starken Protagonistinnen ist, die das jedem auf die Nase binden müssen, sondern zu gegebener Zeit bedachtsam handelt und dabei ihre Stärke zeigt. Ich würde das Buch empfehlen, wenn man naturverbundene, dunkle Hexengeschichten mag und es kein Problem für einen ist, dass es der Handlung ein wenig an Tiefe und Unvorhersehbarkeit mangelt.