Alan Mangel, Philosophieprofessor an der Sorbonne, hat Vorlesungen über Husserl und Heidegger gehalten. Dann aber hat er sich aufs Spirituelle verlegt und eine regelrechte Gemeinde unter seinen Studenten gefunden, die ihn wie einen Guru verehren. Doch der Grat zwischen Erleuchtung und Heuchelei ist schmal, und nachdem Mangels Ehefrau an seinem Geburtstag eine Bombe platzen lässt, atomisiert sich auch die Anhängerschaft unter seinen Studenten. Der Heilige steht urplötzlich als Scheinheiliger da, sein Leben ein Scherbenhaufen.
Aber da ist die Studentin Elisabeth, die in ihrer Verehrung zu Mangel nicht wankt und bedingungslos an ihn glaubt. Nur ist dieser Glaube wörtlich zu nehmen: sie will mit Mangel ein Kind zeugen, das die Wiedergeburt von Johannes dem Täufer sein soll.
Mangel, der allem Fleischlichen schon lange entsagt hat, kämpft gegen seinen inneren Dämon und gegen das Wissen, dass Elisabeths Vorstellungen wahnhaft, verrückt sind. Er lässt sich von Elisabeth verführen und schwängert sie tatsächlich, obwohl er sich für impotent und unfruchtbar hielt. Das "Wunder" von Elisabeths Schwangerschaft stellt jedoch erst den Auftakt dar für eine Reihe von Geschehnissen, die immer abgedrehter werden. Elisabeth macht Mangel mit dem heroinabhängigen (ex?)kriminellen Muhammad bekannt, der sich für den heiligen Joseph hält, und gemeinsam befreien sie Rosanna, die Tochter eines südamerikanischen Drogenbarons aus einer psychiatrischen Einrichtung, die von einem Engel erleuchtet wurde und nun Maria ist.
Was Mangel in der Folge mit diesen drei "Heiligen" erlebt, liest sich wie ein durchgeknallter Drogentrip, wobei die Wunder nicht ausbleiben und Mangel und der Leser bald nicht mehr wissen, was sie glauben sollen und was nicht.
Jodorowskys MADWOMAN OF THE SACRED HEART ist eine dreiteilige Graphic Novel, gezeichnet von der Comic-Legende Moebius. Heiliges, Scheinheiliges und Profanes werden kräftig zu einem Cocktail geschüttelt, bei dem weitere Zutaten Sex und Durchfall sind. Es wird reichlich gekackt, sorry, defäkiert, in dieser Story, und nicht nur von Immanuel Kant, dem Köter einer Studentin. Mehrfach macht sich Mangel in die Hose, und wenn er es bis aufs Klo schafft, ist er auch dort nicht immer ungestört. Ist das ein Spiel mit kleinbürgerlichen Ängsten, eine Provokation des Lesers oder eine Besessenheit von Jodorowsky?
Diese Graphic Novel verlangt dem Leser einiges ab. Was soll das alles, ist das ernst gemeint? Ist MADWOMEN eine Satire oder eine Geschichte über Macht und Ohnmacht des Glaubens? Ist das Kunst oder kann das weg?
Ich gebe zu, nach dem ersten Lesedurchgang bin ich etwas ratlos. Schade fand ich auch, dass der dritte Teil mich nicht mehr in gleicher Weise wie die beiden ersten beeindrucken konnte.
Trotzdem muss gesagt werden, dass mit MADWOMAN eine Graphic Novel vorliegt, die sich fernab dessen bewegt, was der Leser üblicherweise geboten bekommt, und schon deswegen lesenswert ist.