Dieses Buch habe ich bei einer Leserunde auf Lovelybooks gewonnen. Vielen Dank, dass ich teilnehmen konnte.
Selten hat mich ein historischer Roman so begeistert, wie „Der Spielmann“ von Oliver Pötzsch! Die Idee basiert auf Goethes Faust – den ich selber nie gelesen habe – und ist meiner Meinung nach auch ohne diese Vorkenntnisse problemlos zu lesen.
Unser Protagonist ist Johann Georg Faustus, genannt „der Glückliche“. Wir begegnen ihm das erste Mal im Alter von 10 Jahren. Er ist der dritte Sohn eines Bauern und lebt in dem kleinen Dorf Knittlingen. Bei den Leuten gilt er eher als Außenseiter, da er sich nicht für die alltäglichen Dinge interessiert, sondern eher wissbegierig ist später sogar studieren möchte. Seine einzige Freundin ist Margarethe, ein junges Mädchen in seinem Alter, zu der er eine sehr enge Bindung aufbaut. Eines Tages kommt ein fahrender Scholast und „Zauberer“ nach Knittlingen und Johann ist sofort Feuer und Flamme. Jahre später kreuzen sich die Wege der beiden erneut und der Zauberer Tonio bietet Johann an, sein Lehrling zu werden und mit ihm zu kommen. Johann willigt ein und so beginnt seine Reise, die mich vollkommen in den Bann gezogen hat.
Ganz nach der Devise: „Zwar weiß ich viel, doch will ich alles wissen“, begleiten wir Johann durch sein Leben, welches sehr tragisch verläuft. Er ist ein Charakter, den man eigentlich nicht gerne zum Freund haben möchte, denn er stellt die Aussicht darauf, mehr Wissen zu erlangen, über alles und dazu ist ihm jedes Mittel Recht. Ich hatte öfter eher Mitleid mit den anderen Charakteren als mit Johann. Durch diese Gier auf Wissen verliert er viele Freunde. Trotzdem ist er eine faszinierende Person, da er eher auf der dunklen Seite wandelt als den Helden zu spielen. Er ist ständig hin- und hergerissen zwischen seinem Verstand und seinem Herzen, was ihn oftmals in schwierige, wenn nicht sogar lebensbedrohliche Situationen bringt. Ein so tiefer und facettenreicher Charakter ist mir bisher selten begegnet und ich würde sogar sagen: er ist einzigartig. Jedenfalls wird er mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Und natürlich kommt auch der "Teufel" nicht zu kurz!
Die Geschichte spielt Ende 15., Anfang 16. Jahrhundert und vorne und hinten im Buch befindet sich eine wunderbare Karte des deutschen Reiches um 1500 mit den reellen Orten, die Johann im Laufe der Geschichte besucht. Viele Themen, die zu dieser Zeit als Ketzerei galten, wurden in dieser Geschichte wunderbar aufgearbeitet. Wissensdurst, Infragestellung der Weltanschauung und der kirchlichen Lehren, Astronomie, neue Erkenntnisse und Erfindungen, Gotteslästerung, Homosexualität, etc. Das alles sind Dinge, für die man damals auf dem Scheiterhaufen landen konnte und oftmals bin ich richtig wütend geworden und hab den Kopf geschüttelt über die Art und Weise, wie die Leute damit umgegangen sind.
Begeistert hat mich auch der Schreibstil von Oliver Pötzsch. Man hat angefangen zu lesen und konnte einfach nicht mehr aufhören. Die Worte sind nur so dahingeflogen. Keine Schachtelsätze, keine abgehackten Sätze, alles war genauso, wie man das haben möchte. Das Buch ist in mehrere Akte eingeteilt, die jeweils eine Station in Johanns Leben genauer beschreiben. In keinem davon ist es mir langweilig geworden. Jeder Akt beginnt langsam und endet (meistens) mit einer Katastrophe, was unglaublich spannend geschrieben war. Das muss man erstmal können – Hut ab!
Weiterhin steckt in diesem Buch so unglaublich viel Recherche, das man fast schon meinen könnte, gefühlt zu haben, wie es sich im Spätmittelalter gelebt haben muss. Ich erinnere mich noch gut, wie Hamburg beschrieben war, als Johann dort eingereist ist. Da hat es mich schon heftig geekelt.
Ich kann das Buch also jedem empfehlen, der sich für „Faust“ interessiert und ein Fan von historischen Romanen ist. Ein besseres werdet ihr nirgendwo finden. Aber auch, wenn man Faust gar nicht kennt, kann man ohne Bedenken zugreifen. Perfekte Story, Charaktere, Wendungen und Recherche! Ich hab mir unglaublich viele Markierungen gemacht! Am Ende des Buches gibt es noch eine Danksagung, eine Erläuterung des Autors, wie der Roman entstanden ist und eine Liste mit „Faust-Zitaten“, die im Buch verwendet wurden.
Von mir gibt es volle 5 Sterne für das Werk! Das Einzige, was schade ist, ist, dass ich jetzt eine lange Zeit auf Band 2 warten muss!