In der DDR habe ich von Brasch keine Kenntnis genommen, danach war mir Literatur dieser Art wie auch "Wendeliteratur" unwillkommen. Es gab andere Probleme und anderes zu entdecken und zu lesen. Vielleicht hieß es auch ein bisschen Abstand gewinnen. Als ich allerdings das schmale Bändchen auf dem Müll liegen sah, konnte ich nicht anders, als es an mich zu nehmen und nun auch zu lesen. Es hat sich auf jeden Fall (bis auf das Nachwort) gelohnt.
Interessant ist der stilistische Reichtum der hier versammelten Erzählungen, die ich zunächst gar nicht als Einzeltexte wahrgenommen hatte. Wenigstens die ersten Texte lesen sich wie einander erhellende Kommentare zum Thema Republikflucht und auch ein bisschen als eine Befindlichkeits- Beschreibung unangepasster Jugend in der DDR. Dabei kommen die Beschreibungen selbst des Verhörs durch die Stasi ohne den sonst üblichen Schaum vorm Mund daher, womit sich Brasch als ein Autor erweist, der - hierin Plenzdorf verwandt - nach Allgemeingültigem strebt. Die DDR ist nur der Erfahrungshintergrund, aber nicht das eigentliche Thema der Texte. Die Eskapaden der eine Dreierbeziehung eingehenden Jugendlichen am Ostsee- Strand könnte auch "on the road" in den USA spielen. Allerdings etwas zeitversetzt- das schon. ;-)
War das noch konventionell erzählt, wandelt sich der Ton mit "Wer redet schon gern von einem Untergang". Man fühlt sich an Brecht oder H. Müller erinnert: Knappe und präzise Sprache, die benennt und nicht beschreibt und von daher auslassen kann, worauf sich die Anspielungen genau beziehen. Für mich der Höhepunkt des schmalen Bändchens. Gegen Ende kommen dann doch Dinge zur Sprache, die so nur im Sozialismus stattfinden konnten. Stilistisch passt das, insofern das Absurde hier bereits im Gegenstand angelegt ist (der für Neurerwesen zuständige Mitarbeiter bezahlt "Neurer" dafür, dass sie seine Ideen als die ihren ausgeben). Aber auch hier löst sich der Knoten durch einen Fehltritt und mithin eine Frauengeschichte, die sonst wo auf der Welt spielen könnte. Das ist gelungen. Weniger überzeugt hat mich "Mit sozialistischem Gruß".
Braschs Figuren wissen, wogegen sie sind. Ablehnung der Knechtung durch Arbeit ist eine besondere Spielart von Freiheitsstreben, die nicht auf den verblichenen Sozialismus beschränkt ist. Freiheit ist Freizeit! Aber eben nicht nur. Hier bleibt eine Leerstelle, die nicht gefüllt werden kann. Insofern schreibt dann doch ein Dissident, der wohl den Dissens benennen, aber keinen Ausblick geben kann. Diese Hoffnungslosigkeit mag damals, als der Autor in den Westen ging, Größe, weil stimmige Ahnung gewesen sein; heute ist sie mir ein bisschen zu wenig. Aber davon ab liefern die Texte ein kleines Glanzstück Literatur. Gut, dass ich mich des Fundstücks angenommen habe.