Anfang und Ende des Buches haben mir sehr gut gefallen: es fängt mit einem Prolog an, der auf zwei Seiten die Entwicklung von unbelebter Materie bis hin zum Menschen schildert und auf den Abschluss dieser Entwicklung, auf »die »finale Apotheose«, verweist, nämlich auf DAVE. Das Ende ist ebenfalls gelungen, denn in ihm offenbart sich die Gesamtkonstruktion des Romans, man versteht, was einem so seltsam vorkam. Ich möchte hier aber zum Ende nicht mehr sagen, denn damit würde ich zu viel verraten.
Dazwischen erleben wir die Versuche, eine Künstliche Intelligenz zu erschaffen, eben jenen erwähnten DAVE, ein Ziel, das seit Jahrzehnten erfolglos verfolgt wird und ein Ziel, von dem die Lösung aller Probleme erwartet wird, denn DAVE soll der große Heilsbringer sein. Dazu entwickeln in einem mehrstöckigen Turm zu einer ungenannten Zeit tausende Programmierer seit Jahrzehnten einen großen Computer, der Bewusstsein entwickeln und die Probleme der Menschheit lösen soll, z.B. die »Elimination des Leidens« (S.75) und die »Kreation einer vernunftbasierten Gesellschaft« (S. 76). Ziel ist »eine Lösung dafür zu finden, wie man die Welt nach der großen Katastrophe wieder bewohnbar macht« (S. 187). Einer diese Programmierer ist der mäßig erfolgreiche Syz, der eines Tages ins Machtzentrum eingeladen wird, denn er wurde auserwählt: seine Eigenheiten sollen in DAVE integriert werden, seine Erinnerungen sollen helfen, endlich ein Bewusstsein in dieser Maschine zu erzeugen. Bisher sind alle Simulationen gescheitert und von der Integration einer einzelnen Person erhofft man sich den entscheidenden Durchbruch. Aufgrund eines Hinweises findet Syz Unterlagen eines Vorgängers, denn es wurde schon einmal jemand den gleichen Befragungen unterzogen und dieser Vorgänger sollte auch Vorbild für DAVE werden. Die Unterlagen brechen abrupt ab und der Vorgänger ist verschwunden. Syz versucht nun, mehr Informationen über diesen Vorgänger zu finden und unterstützt von dem mysteriösen Mandelbrot, mehr über die Vergangenheit der Erde und des Labors herauszufinden. Seine Suche mündet in diverse Enthüllungen am Ende des Buches.
Erzählt wird in einem anspruchsvollen, vielleicht auch elitär zu nennenden Stil, der immer wieder mir unbekannte Worte verwendet und Konzentration beim Lesen erfordert. In der Science Fiction werden gerne neue Worte erfunden, um neue Welten, Gesellschaften und Technologien zu benennen, aber hier ist es anders: die Sprachkünstlerin Edelbauer verwendet alte, seltene Worte. Wann habe ich zuletzt bei der Lektüre eines Buches parallel immer wieder auf dem Handy Worte nachgeschlagen?
Die Programmierung von DAVE hat mich irritiert, bis ich verstanden hatte, dass der Roman von einem älteren Konzept Künstlicher Intelligenz ausgeht, bei dem der KI das gesamte Wissen in Form von Regeln (hier heißen sie SCRIPTs) einprogrammiert wird. Dies wird im Buch selbst ausführlicher erläutert (s. Beginn Kap. 6). Die Programmierer sind Hacker, die bis zur Erschöpfung ein SCRIPT nach dem anderen entwickeln. Auch dies ist befremdlich, denn moderne Softwareentwicklung im Team sieht ganz anders aus, es gehört auch zum seltsamen Weltenbau in diesem Roman und hat mich anfangs gestört, wird schliesslich aber durchaus plausibel. Ein weiteres Beispiel sind die wiederkehrende Auftritte einer Frau Dr. Babusch mit unglaubwürdigen Schilderung der angeblichen Vergangenheit, in der es z.B. etwa 60 Mrd Menschen auf der Erde gegeben habe - es werden im Laufe des Buches immer mehr -, die unter völlig unmenschlichen Bedingungen lebten. Realistisch ist diese Welt nicht, aber das ist Absicht.
Daneben gibt es auch großartige Stellen, wie die Kindheitserinnerungen von Syz, die zeigen, dass die Autorin auch eingängiger schreiben kann. Gelernt habe ich auf der Reise durch das Buch sehr vieles, so z.B. dass die Hacker-Szene deutlich früher entstand, als ich das bisher dachte (ich konnte es kaum glauben und recherchierte ein wenig). Das Buch enthält eine Fülle kluger Gedanken zu Bewusstsein und Künstlicher Intelligenz, es geht immer wieder um Komprimierungs- und Erinnerungstechniken, die auch eine Rolle bei der Entschlüsselung des Romans spielen. Es gibt eine ganze Anzahl von Anspielungen, so wird z.B. über Philip K. Dick diskutiert, es gibt eine an HAL aus “2001” erinnernde Überwachung, das Labor wird als “schwarzer Monolith” bezeichnet und einiges mehr.
Fazit: sicher keine einfache Lektüre, aber nach etwa einem Drittel hatte ich mich aber anscheinend an den Stil gewöhnt und kam besser voran. Jetzt hat sich alles ein wenig gesetzt und ich denke, ich habe ein gutes Buch gelesen. mit einer sehr gelungenen Konstruktion und geschrieben in einem etwas übertrieben artifiziellen Stil.