Während zu Hause nichts mehr ist wie früher, aber keiner darüber spricht, kann Johann keinen Schritt vor die Tür tun, ohne ihn vorher anzukündigen. Sobald er im Freien ist, steht er unter Beobachtung. Genau diese Überwachung muss er aber vor Freunden, in der Schule, bei Nebenjobs und Dates und auf Partys verheimlichen. Das scheint sogar zu gelingen, er findet eine Freundin, probt mit seiner Band und bekommt einen Plattenvertrag. Aber er gerät ständig in groteske und peinliche Situationen, weil er gezwungen ist, unehrlich zu sein. Die Ausreden, Halbwahrheiten und Notlügen drohen ihn zu erdrücken. Kann er diesem Lügenleben entkommen?
Johann Scheerer, geboren 1982, gründete mit fünfzehn Jahren seine erste Band, nahm mit »Score!« 1999 sein erstes Album auf und ging auf Deutschlandtour. Nach dem Abitur bekam er einen Plattenvertrag für sein Soloprojekt »Karamel« und gründete 2003 das Tonstudio »Rekordbox«. Seit 2005 betreibt er das Tonstudio »Clouds Hill Recordings« mit angeschlossenem Label und Musikverlag „Clouds Hill“. Johann Scheerer arbeitet als Musikproduzent mit international renommierten Musikerinnen und Musikern wie Omar Rodríguez-López, At the Drive-In, Alice Phoebe-Lou, Gallon Drunk, Rocko Schamoni oder Peter Doherty. » It´s magic what this young German did to my songs. He saved my life.« Peter Doherty // The Libertines, Babyshambles. 2018 erschien sein hochgelobter erster Roman »Wir sind dann wohl die Angehörigen« über die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma im Jahr 1996.
Autor und Musikproduzent Johann Scheerer knüpft in „Unheimlich nah“, seinem im Januar 2020 erschienenen autofiktionalen Roman, an sein Debüt „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ an. Darin schildert er die bangen Wochen der Unsicherheit, nachdem sein Vater Jan Philipp Reemtsma entführt worden war. Nun, fast drei Jahre später, erzählt er, was danach geschah. Vom Leben nach dem Verbrechen. Die 90er Jahre neigen sich dem Ende und die 2000er Jahre stehen in den Startlöchern. Europa begrüßt den Euro und während sich Johanns Freunde von ihren Eltern und generell allen Erwachsenen emanzipieren, sieht sich Johann mit einer völlig anderen Realität konfrontiert. Statt seine Jugend unbeschwert und vor allem unbeobachtet genießen zu können, verfolgen ihn Personenschützer auf Schritt und Tritt. Was denken die Freunde über ihn? Reden sie über ihn? Und wie soll er so auf Partys gehen, sich verlieben? Wie kann er auch mal Mist bauen oder in eine Prügelei verwickelt werden, ohne dass ihm ständig jemand über die Schulter blickt?
Dieser Roman hat mich auf vielfache Weise berührt. Es war einerseits eine Reise in meine eigene Jugend, die ich zur gleichen Zeit erlebte, immer auch mit prägenden und unvergesslichen Stationen in Hamburg, der Heimatstadt von Johann. Dieser persönliche Bezug ließ mich noch tiefer in diese Geschichte eintauchen, das Lebensgefühl dieser Zeit erwachte in mir und die Stadt wurde vor meinem geistigen Auge wieder lebendig. Ich erinnere mich an durchtanzte Nächte, an verregnete Spaziergänge entlang des Elbufers und ein schier überbordendes Gefühl von Freiheit. In welch einem starken Kontrast diese Empfindung zum Alltag von Johann steht! Er blickt auf kräftezehrende Wochen zurück, eine Flucht in die USA, eine Rückkehr in den vermeintlichen Alltag. Doch nichts ist, wie es vorher war.
Dieser Coming-of-Age Roman wird getrieben von Johanns innersten Gefühlen und Gedanken. Er ist „emotional wahrhaftig“, sagte Scheerer bei seiner Lesung im Literaturhaus Hamburg am 20. Januar 2020. So ist „Unheimlich nah“ teils tragisch und traurig, teils blickt die Figur von Johann selbstironisch auf peinliche Momente und diverse absurde Erlebnisse zurück. Vor allem aber hat mich die unbedingte Ehrlichkeit überzeugt und an dieses Buch gefesselt. Die Ehrlichkeit, mit der Johann seine Situation regelrecht seziert, seine Gefühle und die seines Gegenübers auseinandernimmt, sich hinterfragt – im Grunde sein gesamtes Leben in Frage stellt. Andere bestimmen über sein Leben, andere organisieren seinen Alltag. Geht so Selbstständigkeit? Schwierig. Und der ohnehin komplizierte Prozess des Erwachsenwerdens wird multipliziert mit Eintausend.
Was macht das mit einem jungen Menschen? Durch die Sicherheitsvorkehrungen ändert sich der Blick auf die Umwelt und dadurch entwickeln sich Ängste. Johann bewegt sich also auf einem schmalen Grat zwischen Angst und Besorgnis und dem damit einhergehenden Schutzbedürfnis sowie dem drängenden Wunsch, dieser permanenten Beobachtung zu entfliehen. Was tun, wenn Freiheit gleichzeitig Gefahr bedeutet? Wenn man sich nach dieser Freiheit sehnt, aber Sicherheit braucht? Ein fortwährender Zwiespalt. Jugendliche Rebellion sieht anders aus. Zwischendurch erlebt Johann zwar immer wieder Augenblicke, die Freiheit versprechen: Eine Klassenfahrt, Musikaufnahmen für seine Band Score! in Amerika, die erste Freundin – doch letztendlich kreist er immer wieder um diesen einen Gedanken:
"Wo sonst, wenn nicht in einem Polizeiwagen, umringt von anderen Polizeiwagen, konnte die Gefahr abwesender sein? Alles passierte schließlich einzig und allein zu unserem Schutz. Doch plötzlich schoss mir ein Gedanke in den Kopf, der mich nie wieder loslassen würde: Wie übermächtig musste die Gefahr sein, wenn schon der Schutz so beklemmend war?"
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Romans ist das etwas spannungsgeladene Verhältnis zu seinem Vater. So wie sein Sohn hat auch er mit den Nachwirkungen der Entführung zu kämpfen. Sein Zuhause wird verändert, Schutzzäune errichtet, Überwachungskameras installiert, er wird vom Fahrer seines eigenen Automobils zum Mitfahrer auf dem Rücksitz, auch er wird nachhaltig „beraubt“: „Mein Vater selbst aber war fort. Vor ein paar Jahren war er zurückgekommen, hatte aber einen Teil von sich nicht wieder mitgebracht“, schreibt Johann über ihn. Auch diese Beziehungslosigkeit nagt an ihm. Er sucht den Kontakt, erkennt seinen Vater, der im Alkohol Zuflucht sieht, nicht wieder. Auch diese Facette in „Unheimlich nah“ geht unter die Haut, beide wirken zwischenzeitlich verloren in ihrem eigenen Leben und dennoch ist die Bindung zwischen ihnen stark genug, diese Herausforderung zu meistern.
Doch nicht nur inhaltlich hat mich „Unheimlich nah“ überzeugt, auch sprachlich ist dies ein hervorragendes Werk. Direkt, reflektiert und mitunter selbstkritisch bringt der Autor seine Geschichte zu Papier. Manchmal erlaubt er es, dass seine jugendliche Stimme durchbricht, impulsiv und voller Emotionen, nur um sie schnell wieder einzufangen und mit Sachlichkeit zu bändigen. Doch das genügt, um als Leser:in in das Herz von Johann zu blicken und zu verstehen, wie sich ein Leben oft erst dann verändert, wenn das auslösende Ereignis schon längt Vergangenheit ist.
„Unheimlich nah“ von Johann Scheerer ist ein äußerst bewegender autofiktionaler Coming-of-Age Roman, der sich der Frage widmet, wie man erwachsen und unabhängig werden kann, wenn man unter ständiger Beobachtung durch Personenschützer steht. Was machen diese Maßnahmen mit einem jungen Menschen? Welche Ängste schüren sie, welche Zweifel können entstehen? Und wie findet man dennoch seinen eigenen Weg? Sprachlich stark, sensibel und oft genug humorvoll, erzählt der Autor und Musikproduzent Johann Scheerer von dieser prägenden Zeit in seinem Leben.
Wie schon beim Vorgänger Buch, kann man sich sehr gut in die Lage von Johann hineinversetzen. Manchmal hätte ich mir noch etwas tiefere Einblicke in seine Gefühlswelt gewünscht. Trotzdem fand ich es ein sehr ansprechendes Buch und es viel mir oft schwer es aus der Hand zu legen.
Noch schlimmer als der Vorgängerband. Einblick in den Heilungsprozess einer zutiefst verletzten Familie? Nö. Wir erfahren, wie Johann seine jugendliche "Freiheit" voll auslebt, inklusive Auto, Gitarren, krasser Freunde, heißer Freundinnen, Musik, ach, egal, Melange aus Sorglosig- und Belanglosigkeit halt. Größtes Manko seines Lebens: die Sicherheitsleute, die ihn nach der Entführung seines Vaters nun mehr oder minder permanent begleiten. Ja, Mensch, du. Das ist schon echt hart. Unfreiwillige Komik schaut um die Ecke, wenn der millionenschwere Knabe sich zusammen mit seinen Blankeneser Mit-Privilegiertenjungs so richtig Punk fühlt. Bisschen unclear on the concept, aber hey, der Mensch braucht halt ein Identifikationsmodell, allerdings hätte es da eventuell Angemesseneres gegeben. Weniger schön, wenn die Blankenese-Gang einem Rentner, der sich durch ihr Schnöselverhalten im Restaurant zu reaktionären Äußerungen provoziert fühlt, als "Entschuldigung" eine Apfelschorle überreicht, die die Jungs mit der eigenen Pisse modifiziert haben: Das ist natürlich 1A pubertäres Verhalten und wäre dadurch bei entsprechender selbstreflektierter Darstellung eine erzählwürdige Anekdote, nur schildert der Autor den bescheuerten Streich so, als hätten er und seine Freunde es diesem alten Nazi aber mal so richtig heimgezahlt. Sorry, aber nee.
Ab etwa der Hälfte habe ich dann angefangen, nur noch querzulesen, die Banalität und Selbstzufriedenheit, gepaart mit dem hölzernen Schreibstil, waren anders leider nicht mehr zu ertragen.
In seinem autobiographischen Roman „Unheimlich nah“ beschreibt Johann Scheerer über seine Jugendzeit, die überschattet wurde von den Nachwirkungen der Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma.
Nachdem sein Vater 1996 entführt wurde und heil wieder zurück zu seiner Familie kam, wurden entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, sodass Scheerer in einem „Hochsicherheitstrakt“ wohnte und auf Schritt und Tritt von Bodyguards begleitet wurde. Die Umstände und das ohnehin in der Pubertät herrschende Gefühlschaos begleitet ihn auf dem Weg neben der Schule musikalisch Fuß zu fassen.
Durch die Hintergründe handelt es sich hier um einen nicht ganz typischen Coming-of-Age-Roman. Selbstkritisch, manchmal humorvoll schreibt Scheerer über die Unsicherheit im Umgang mit seiner besonderen Situation, wo er doch eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte. Was mir an manchen Stellen ein bisschen fehlt, ist die Tiefe. Irgendwie bleibt mir Johann fremd.
Obgleich das Buch seine Längen hat, ist es dennoch recht interessant.
Ich hab es nach 42 % abgebrochen. Die Sprache und der Erzählstil haben mich mehr und mehr genevert. Die Erfahrung, als Jugendlicher permanent durch Sicherheitsleute begleitet zu werden, hat mich nicht gefesselt, da es sehr langatmig mit vielen Wiederholungen geschildert wurde.