Hansjörg Küster erläutert die Zeichen, an denen sich die Geschichte unserer Landschaft ablesen läßt. Der Leser erfährt, wie geologische Prozesse und klimatische Einflüsse, wie Tiere, Pflanzen und nicht zuletzt der Mensch die mitteleuropäische Landschaft geprägt haben.
Das Buch von Küster bietet eine interessante Perspektive auf das Verhältnis von Mensch und Landschaft. Besonders eindrücklich zeigt der Autor, wie stark sich beide im Laufe der Geschichte gegenseitig beeinflusst haben. Rodungen, Ackerbau, Urbanisierung, Industrialisierung und technische Innovationen werden als zentrale Faktoren dargestellt, die die Natur kontinuierlich umgeformt haben. Obwohl einige Fachbegriffe für mich als Laien teilweise etwas zu anspruchsvoll waren, schafft es Küster durch seine klare und sachliche Sprache, auch komplexe Zusammenhänge verständlich zu vermitteln.
Nach der Lektüre nimmt man den Raum, der einen umgibt, mit völlig neuen Augen wahr. Viele Landschaftselemente, die man zuvor als „natürlich gegeben“ betrachtet hat, entpuppen sich als Ergebnis jahrhundertelanger Zivilisationsgeschichte. Selbst die Form der Landschaft erscheint plötzlich nicht mehr zufällig, sondern als historisch gewachsenes Produkt menschlicher Nutzung und Gestaltung.
Besonders anschaulich wird dies durch die zahlreichen Beispiele, mit denen Küster die Verbindung zwischen zivilisatorischem Fortschritt und Landschaftsveränderung in Mitteleuropa verdeutlicht. So zeigt er etwa, dass sich der Buchenwald nur durch die kulturelle Umgestaltung der Landschaft etablieren konnte; die Siedlungsgründungen auf halber Höhe der Talhänge oder an Terrassenkanten, die auf Landschaftsgegebenheiten zurückzuführen sind; die Bodenerosion, deren Ursachen über Jahrhunderte hinweg in Waldrodung, ungeeigneten Kulturpflanzen oder zu großflächigen Agrarflächen lagen; die Folgen der intensiven Holzwirtschaft im 18. Jahrhundert; die Begünstigung der Intensivierung der Landwirtschaft durch die Entstehung des Massentransports; die Entstehung klarer Trennlinien zwischen Wald und Offenland, die erst im 19. Jahrhundert als Grenze zwischen forst- und landwirtschaftlicher Nutzung entstand - um nur einige Beispiele zu nennen.
Einleuchtend fand ich vor allem das Schlusskapitel des Buches. Entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass der Mensch ausschließlich zur Zerstörung der Natur beiträgt, zeigt Küster auf, dass menschliche Nutzung in Mitteleuropa langfristig sogar zu einem Anstieg der Artenvielfalt geführt hat. Durch die Erschließung unterschiedlicher Nutzungsräume entstanden neue Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten. Heute jedoch nimmt die Vielfalt dieser Nutzungsräume wieder ab, etwa durch die großflächige, intensive Landwirtschaft. Küster plädiert deshalb weniger für einen rein konsequenten Naturschutz, sondern vielmehr für einen umfassenden Landschafts- und Kulturschutz. Denn „sehr viele Tier- und Pflanzenarten sind bei uns nur deswegen heimisch, weil menschliche Kultur sie begünstigt“.
Wenn man wissen möchte, was ein heutzutage so beliebtes Einfamilienhaus mit "unverbaubarer Aussichtslage" mit einer steinzeitlichen Siedlung zu tun hat und warum Fichten dort wachsen, wo sie (und keine Buchen) wachsen: dieses schön nerdige, aber schön lesbare Werk kaufen.