Mafaalani vertritt in seinem Buch die These, dass mehr Integration und Einbindung marginalisierter Gruppen paradoxerweise zu einem Eindruck vermeintlicher Spaltung in der Gesellschaft führt.
Für ihn ist die „Spaltung der Gesellschaft“ nichts anderes als Brüche, die entstehen, wenn unterschiedliche Wesensarten miteinander verschmelzen. Er schafft es, seinen Standpunkt präzise und dennoch in einfacher, alltäglicher Sprache darzustellen – eine Fähigkeit, die mich überrascht hat.
In den letzten Jahren haben viele vermeintliche Vertreter von Randgruppen oft nicht mehr die Sprache ihrer Zielgruppen gesprochen. Für Mafaalani bedeutet einfache Sprache jedoch nicht, einen Sachverhalt übermäßig zu vereinfachen, sondern vielmehr, ihn so komplex wie nötig und so verständlich wie möglich auszudrücken, um alle sozialen Schichten zu erreichen.
Mafaalani gelingt es zudem, durch scharfsinnige Analysen und persönliche Erfahrungen eine subjektive, migrantische Sichtweise auf den „Zusammenwachsens“-Prozess einzubringen. Besonders treffend finde ich seine Beschreibung, warum viele Migranten der ersten, zweiten und sogar dritten Generation konservative Tendenzen zeigen:
„Die Menschen verlassen das Land, in dem ihre Sprache gesprochen wird. Sie trennen sich von ihren Freunden und Verwandten und - noch entscheidender - sie verlieren ihren
Status. In ihrer Heimat waren sie jemand, am Zielort fangen
sie bei null an und erfahren kaum Anerkennung. All das ist enorm problematisch. Sprache, soziale Netzwerke und Status sind wichtige identitätsstiftende Aspekte, die durch die Migration infrage gestellt werden, was entsprechend psychischen Stress und eine Identitätskrise verursacht. Das Gefühl einer stabilen Identität ist für Menschen enorm wichtig.
Menschen müssen sich selbst wiedererkennen. Sie müssen das Gefühl haben, dieselbe Person zu sein wie gestern, wie letztes Jahr, wie vor zwanzig Jahren. Wenn so viele Elemente der personalen Identität verloren gehen, halten sich Menschen an den Elementen fest, die sie noch haben.
Migrantinnen konservieren deshalb zunächst all das, was sie bei sich tragen: Erinnerungen, Traditionen, kulturelle Eigenheiten, die Religion, das Nationalbewusstsein.
Nach der Migration beschäftigen sie sich beispielsweise mit der Geschichte des Herkunftslandes, obwohl sie sich vor der Migration dafür nicht interessiert haben. Vor der Migration schaute man vielleicht in der Türkei oder in Russland keine Nachrichten; nach der Migration, in Deutschland [...]"
Neben der Beschreibung der fünf Entwicklungsstufen von „Ich bin kein Deutscher“ bis „Ich sehe mich als Teil dieser Gesellschaft“ geht Mafaalani auf die damit verbundenen Herausforderungen ein. Er argumentiert, dass Rassismus nicht nur eine Reaktion auf fehlende Integration sei, sondern oft auch durch starke Integration ausgelöst werde:
„"Ich gehöre zu einer Generation, die in der Schule immer wieder mit einem bestimmten Teil der deutschen Geschichte konfrontiert wurde. Es ist auch eine Geschichte des größten rassistischen Exzesses überhaupt: »Endlösung der Judenfra-ge«, Holocaust, Shoa. Vielleicht fällt es mir deshalb leichter, nicht in die »Integration schwächt Rassismus«-Falle zu tap-pen. Wurden Jüdinnen und Juden systematisch ausgegrenzt und verfolgt, weil sie schlecht integriert waren? Wurde ver-sucht, sie industriell zu vernichten, weil sie schlecht Deutsch sprachen und arbeitslos waren? Natürlich nicht, im Gegen-teil: Die jüdischen Deutschen waren erfolgreich und vielfach assimiliert. Ihr zum Teil tatsächlicher Erfolg und ihr zum Teil unterstellter Erfolg wurden ihnen zum Verhängnis. Sie galten als intelligent und gut vernetzt. Man sprach gar vom
»Weltjudentum«, gegen das man zusammenhalten müsse, um gegen diese elitäre Gruppe eine Chance zu haben."
In mehreren Kapiteln stellt er seine Definition des Begriffs „Identität“ dar und erklärt, warum nicht alles „gleich gültig“ sein kann, da es sonst gleichgültig wird. Er erläutert, dass physische und mentale Grenzen für die Identitätsbildung notwendig sind und dass eine völlig offene Gesellschaft reaktionäre Tendenzen auslösen kann.
Interessant ist Mafaalanis These, dass die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe begünstigte – eine These, die jedoch ohne Daten untermauert bleibt.
Das Buch stammt aus dem Jahr 2018 und spiegelt den damaligen Zeitgeist wider – eine Zeit, die ich als „Ruhe vor dem Sturm“ bezeichnen würde. 2018 war der Aufstieg einer neuen linksliberalen Jugendbewegung zu beobachten, und Bewegungen wie „Fridays for Future“ waren in aller Munde. Die Flüchtlingskrise schien für viele „geschafft“, oder man glaubte, den Höhepunkt überwunden zu haben. Die einzige Krise war die Klimakrise. Der Rechtsruck und das Wiederaufleben autoritärer Tendenzen hatten noch nicht das heutige Ausmaß erreicht. Mafaalanis Thesen wirken im Rückblick daher etwas überholt.
Heute zeigt sich, dass Tendenzen zur gesellschaftlichen Abschottung keine Randerscheinung im vermeintlich unumkehrbaren Fortschritt sind, sondern Ausdruck des Versuchs, die alte Ordnung wiederherzustellen. Diesen Aspekt verkleinert der Autor meines Erachtens; allerdings hätte ich selbst das vermutlich vor sechs Jahren ähnlich gesehen.
Aufgrund seiner offenen Haltung neigt Mafaalani gelegentlich dazu, die Gefahr und Anziehungskraft des traditionellen Islam zu unterschätzen (beim Thema Islamismus erkennt er jedoch klar die Bedrohung für die offene Gesellschaft). Beispielsweise erscheint mir seine Ansicht, dass viele Frauen das Kopftuch als Zeichen der Integration und Emanzipation tragen oder dass es einen „islamischen Feminismus“ gibt, unlogisch. Es scheint mir schwer vorstellbar, dass eine Befreiungsbewegung sich mit den Symbolen ihrer Unterdrücker schmückt.
In einem weiteren Kapitel schreibt er:
"Der Bau von schönen und repräsentativen Moscheen ist nicht etwa Ausdruck einer Abkapselung, sondern eher ein Zeichen des Teilhabens an und in der Stadtgesellschaft. Aber genau diese Teilhabe wird stärker als störend empfunden als die tatsächliche Abkapselung in
»Hinterhofmoscheen«. Auch hier ließen sich Dutzende weitere Beispiele anführen."
Dabei bezieht er sich auf die Diskussion um den Bau der Ditib-Großmoschee in Köln, die sogar vom türkischen Präsidenten Erdogan eröffnet wurde. Hier stellt er die Debatte jedoch meines Erachtens einseitig dar, möglicherweise (wenn man böse ist) aus ideologischen Gründen oder (wenn man nett ist) nobler Absicht. Er verschweigt dabei den politischen Einfluss des staatlich finanzierten politischen Islam und die Konsequenzen für die offene Gesellschaft.
Zusammenfassend ist es ein lehrreiches und informatives Buch, das jedoch gelegentlich zu einer Toleranz neigt, die manchmal auch intolerante Gruppierungen einschließt.