„Kann es sein, dass Russland im 21. Jahrhundert in Gefahr schwebt, die Fehler des 20. Jahrhunderts zu wiederholen?“ ist die abschließende Frage Chlewnjuks in dieser Biographie. Ein paar Jahre später fantasiert Putin von einer erneuten Vereinigung des Rus, startet einen Angriffskrieg und will insgeheim Stalin sein Dabei zieht er Figuren wie Lenin in den Dreck und nutzt einen faschistoiden russischen Nationalismus. Tatsächlich passen die auf Archiven basierenden Schilderungen Chlewnjuks zum Stalinismus sehr gut auf die heutige Verfassung des Putinismus, auch wenn dieser deutlich rechter ist als der teils prinzipienlose Stalinismus. Was allerdings fehlt ist etwas Verständnis und Emotion. Man merkt, dass es sich hier um einen nicht-marxistischen Historiker handelt, der für die Bolschewiki noch vor der Stalinisierung kein gutes Wort zu verlieren und über ideologische Probleme des Stalinismus kein Wort zu verlieren hat. Das Leid der Menschen dazu wird in Zahlen dargestellt und ist eben gegeben, worin man eine gewisse typische liberale, poltikwissenschaftliche Kälte erkennt. Nichtsdestotrotz ist diese nüchterne Perspektive auf den Stalinismus doch relativ gut. Schließlich ist Oleg Chlewnjuk einer der bedeutendsten Historiker, der zum Stalinismus publiziert. Das Werk ist vor allem durch die formale Aufteilung der Biographie in Teile, die eher chronologisch Dschughaschwillis Lebensstationen durchgehen, und in Teile, in denen sich primär mit Stalins Persönlichkeit und dessen Staat auseinandergesetzt wird, sehr schön zu lesen.