Ich weiß jetzt zwar auch nicht genau warum, aber anscheinend wird hier bei Goodreads nicht immer bei jedem Buch der Klappentext ausgewiesen, sodass man im Notfall nachlesen könnte, worum es eigentlich geht, deswegen werde ich mir wohl auch mal angewöhnen, den ab jetzt immer in meine Rezi mit reinzuschreiben. Also:
Samuel Hoenig ist ein ungewöhnlicher Mann, und er hat einen ungewöhnlichen Job: Er beantwortet Fragen jeglicher Art. Seine spezielle Persönlichkeit hilft ihm dabei, nahezu jede Antwort zu finden. Doch die Frage eines neuen Kunden entpuppt sich als besonders knifflig: »Wo ist der Kopf von Mrs. Masters-Powell?« Samuels Ehrgeiz ist geweckt. Gemeinsam mit seiner neuen Assistentin Ms. Washburn macht er sich auf die Suche. Als dann auch noch ein Mord geschieht, befindet sich Samuel plötzlich inmitten einer verzwickten Verschwörung …
Das war also der Klappentext. Nun zu meiner Meinung:
Samuel Hoenig versteht nicht jede einzelne soziale Interaktion (verbal nicht und nonverbal erst recht nicht), kategorisiert die Menschen um sich herum nach ihren Beatles-Lieblingssongs (was ihn mir sofort sympathisch gemacht hat, auch wenn ich nicht weiß, wie das Ganze funktioniert) und findet, dass sein Asperger-Syndrom keine psychische Störung ist, sondern vielmehr eine Charaktereigenschaft.
Wer jetzt annimmt, dass dieses Buch so ähnlich ist wie Mark Haddon’s „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone (The Curious Incident of the Dog in the Night-time)“, in dem der Protagonist autistisch ist, den kann ich entweder beruhigen oder von diesem Buch abraten. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ja, es geht um eine Hauptfigur, die das Asperger-Syndrom hat, aber daran hängt sich das Buch nicht auf.
Während ich mit „Supergute Tage“ nicht einmal ansatzweise zurecht gekommen bin, war dieses Buch ein echter Spaziergang.
Samuel ist absolut fähig in der „normalen“ (was auch immer „normal“ zur Zeit bedeuten mag) Gesellschaft zu funktionieren. Und das auch ohne großartige Auffälligkeiten. Was vor allem seiner Mutter zu verdanken ist, die ihm Zeit seines Lebens viel von dem, was er nicht versteht, erklärt hat. Verstärkung bekommt Mama Hoenig in diesem Buch von Miss Washburn, die zwar eigentlich eher unabsichtlich in die Geschehnisse stolpert, aber spontan ihr Bestes tut, um bei der Aufklärung zu helfen.
Die Hauptcharaktere sind durch die Bank weg sehr sympathisch und verhalten sich vernünftig oder zumindest doch absolut nachvollziehbar. Der Fall ist interessant und wird noch interessanter durch Samuels Interaktionen mit seinen Mitmenschen, bei denen man anfangs nie wirklich weiß, ob alles bis zum Ende des Gesprächs „gut geht“, da sich Samuel zwar inzwischen schon viel gemerkt hat, was den Umgang mit Menschen angeht, aber manchmal ist er mit manchen Situationen eben doch noch ein bisschen überfordert, vor allem, wenn irgendwas spontan geschieht. Und Gespräche SIND nunmal relativ spontan. Wir reden ja nicht nach auswendig gelernten Manuskripten. (Also, hoffe ich mal. Ähm… Matrix war nur ein Film, richtig?)
KEINE LOVESTORY!!! Ich wiederhole nochmal: KEINE LOVESTORY!!! Auch keine Sex-Szenen, übrigens. Noch ein unglaublicher Vorteil dieses Buches. Miss Washburn ist zwar verheiratet (zumindest noch; am Ende des Buches bin ich mir nicht sicher, ob sie das noch lange sein wird), aber ihr Mann taucht nie auf (außer ein, zwei Mal am Handy) und auch sonst ist das Buch mehr oder weniger ein reiner Krimi.
Da alles aus der Ich-Erzähler-Perspektive geschrieben ist und Samuel nunmal Asperger HAT, sind seine Gedanken manchmal etwas weitschweifig bzw. abgelenkt, was den Lesefluss eventuell ein bisschen aufhält. Mich hat das nicht gestört, aber wer nicht auf lange Erklärungen oder ab und an recht detaillierte Herleitungen steht, sollte das Buch mit etwas Vorsicht genießen. (Vielleicht erstmal Probelesen, oder so.)
Ich fand das Buch sehr gut (das zweite liegt auch schon auf meinem „Möglichst-sofort-lesen“ Stapel) und hoffe, dass wir nicht nur von Samuel, seiner Mutter und Miss Washburn mehr zu hören kriegen, sondern vielleicht auch von Mr. Epstein, dem netten Sicherheitsexperten.